Carla Berling: Pechmaries Rache. Kriminalroman

Carla Berling: Pechmaries Rache. Kriminalroman (Band 5 der Ira-Wittekind-Reihe), München 2020, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42252-0, Klappenbroschur, 351 Seiten, Format: 12,1 x 3,3 x 18,6 cm,  Buch: EUR 9,99 [D], EUR 10,30 [A], CHF 14,50 [CH], Kindle: EUR 9,99.

Abb. (c) Wilhelm Heyne Verlag

Eigentlich will Lokalreporterin Ira Wittekind, 54, auf dem Hellberger Hof in Bad Oeynhausen nur einen jungen Mann interviewen, der ein stillgelegtes Sägewerk zu einem Innovationszentrum umbauen möchte. Das Gespräch mit ihm und seiner Mutter, der Möbelrestauratorin Marilena Heiland, verläuft angenehm und unauffällig – bis Ira ein Foto von der Stelle machen möchte, an der der Borstenbach unter dem Sägewerk durchfließt. Das lehnt Simon Heiland vehement ab. Ähnlich massiv wird er, als Ira mit seiner Mutter, der Besitzerin des Hofs, sprechen möchte. Nein, das gehe nicht. Lilo Wolf sei krank, da könnten sie jetzt nicht hin.

Diese übertriebenen Reaktionen machen die routinierte Reporterin stutzig. Irgendwas stimmt hier nicht!

Was stimmt nicht bei den Heilands?

Ira weiß so gut wie nichts über die Familie. Sie ist ja erst vor kurzem wieder nach Bad Oeynhausen gezogen, den Ort, an dem sie aufgewachsen ist.

Abgesehen vom Zeitungsarchiv und ihren guten Kontakten zur Polizei hat Ira allerdings ein paar Recherche-Trümpfe im Ärmel: ihre alteingesessene Schwiegerfamilie, zum Beispiel. Insbesondere die zwei betagten Tanten ihres künftigen Ehemanns kennen alle Welt und sind einem gepflegten Tratsch nicht abgeneigt. Und ihre Freundin seit Schulzeiten, Coco, bekommt als Taxifahrerin auch so manches mit. Da dauert es nicht lange, bis Ira weiß, dass die Familie Heiland komplett zerstritten ist, und zwar nicht erst, seit die dreijährige Angelina im Borstenbach ertrunken ist, weil Oma Marilena nicht aufgepasst hat.

Auf dem Hellberger Hof gibt’s zwei Fraktionen: Auf der einen Seite Marilena mit Sohn Simon und dessen Lebensgefährtin Nikola, auf der anderen Seite Hofbesitzerin Lilo Wolf mit Enkelin Sissy plus deren Ehemann und Kinder. Warum die sich seit Jahrzehnten so spinnefeind sind und trotzdem so eng beieinander wohnen, weiß niemand. Nur, dass es da manchmal so heftigen Krawall gibt, dass sogar die Polizei kommen muss. Das erfährt Ira von den Nachbarn der Heilands. Die erzählen ihr das mit Genuss.

Zwei Tote auf dem Hellberger Hof

Dass Lilo Wolf schwer krank war, hat wohl gestimmt. Am selben Tag wie Iras Artikel über Simon erscheint die Todesanzeige seiner Großmutter in der Zeitung. Wenige Tage darauf wird Marilena tot im Borstenbach gefunden. Suizid, heißt es. Das hält Ira Wittekind für ausgeschlossen. Marilena hatte große Pläne, davon hatte sie ihr im Interview selbst erzählt. Und dass sie sich aus Kummer über den Tod ihrer Mutter das Leben genommen haben soll, ist erst recht unwahrscheinlich. Die beiden waren seit vielen Jahren verfeindet.

Ira ahnt, dass hier etwas faul ist. Marilenas Tod war allenfalls ein Unfall – wenn nicht gar jemand nachgeholfen hat. Hass, Rache, Habgier – Motive hätte die Verwandtschaft genügend. Jetzt wäre es gut zu wissen, wer den Hof erbt. Darüber gibt es verschiedene Vermutungen. Lilo soll erst vor kurzem ihr Testament geändert haben, doch das ist nirgendwo zu finden.

Eine schrecklich verkorkste Familie

Statt sich um die Vorbereitungen für ihre Hochzeit zu kümmern, verbeißt Ira sich in den „Fall Bachleiche“ und dreht die Vergangenheit der Familie Heiland auf links. Und wie das so ist bei verkorksten Familiengeschichten: Je tiefer man gräbt und je genauer man hinschaut, desto gruseliger und unappetitlicher wird es. Und dann ergeben die polizeilichen Ermittlungen, dass Marilena Heiland tatsächlich ermordet worden ist. Wer aus der zerstrittenen Sippschaft war’s?

Die Mordkommission schießt sich auf einen mutmaßlichen Täter ein. Doch der Leser hat, genau wie Ira Wittekind, einen ganz anderen Verdacht. Und der ist ungeheuerlich …

Düsterer Fall, normale Ermittlerin

Die düstere Familiengeschichte wird aufgelockert durch die markigen Sprüche der beiden alten Tanten. Sophie und Frieda Weyer rauchen Zigarre, trinken Schnäpschen, lieben deftiges Essen und sind in ihrer Wortwahl nicht zimperlich. Diese zwei bodenständigen Frauen sind nicht nur wegen ihres umfassenden Hintergrundwissens über die einheimischen Familien ein unverzichtbares Element in den Ira-Wittekind-Krimis.

Ich mag Ira Wittekind, weil sie so normal ist. Sie recherchiert und schreibt über Personen im Ausnahmezustand und gibt keine Ruhe, bis sie „die Geschichte hinter der Geschichte“ gefunden und verstanden hat. Oberflächliche Berichterstattung ist ihre Sache nicht. Stets will sie genau wissen, wie alles zusammenhängt und was die Menschen zu ihren Taten getrieben hat. Aber wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, ist Familienleben (mit Hund) angesagt und zum Glück keine depressive Nabelschau wie bei vielen anderen Krimi-Ermittler*innen.

Reporterin im Jagdfieber

Als Reporterin, die diesen Job seit 30 Jahren macht, weiß sie, wie sie die Leute nehmen muss, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen Informationen zu entlocken, die sie eigentlich nicht preisgeben möchten. Dass sie es dabei mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt, gehört zum Job. Nein, auch wenn sie einen guten Draht zum grummeligen Kommissar Brück hat – sie arbeitet nicht mit der Polizei zusammen! Nein, es steht auch nicht in ihrer Macht, den Leuten ihre Berufskolleg*innen von der Boulevardpresse vom Leib zu halten. Und, nein, sie ist keine gute Freundin der Familie, auch wenn sie bei ihren Interviewpartner*innen gemütlich plaudernd am Kaffeetisch sitzt. Sie ist eine hellwache Lokalreporterin, die engagiert und gründlich ihren Job macht und dabei auch manchmal über das Ziel hinausschießt. Es gehört sicher nicht zu ihrer Stellenbeschreibung, in Häuser von Opfern und Tatverdächtigen einzubrechen und sich dort umzusehen. Aber wenn das Jagdfieber sie mal gepackt hat, dann gibt’s eben kein Halten mehr.

Knallharte Methoden

Ich glaube, so taff wie in diesem Band haben wir Ira Wittekind noch nie erlebt. Wie sie ein etwas schlichtes Mitglied der Heiland-Familie überrumpelt und einschüchtert, ist nicht von schlechten Eltern. Und kleine Kinder auszufragen ist ebenfalls ein bisschen grenzwertig. Gut, sie macht das nicht für eine reißerische Schlagzeile, sondern weil sie tatsächlich die Wahrheit sucht – und einen Mörder. Das halten wir ihr zugute. Trotzdem war’s ein wenig erschreckend, sie so knallhart auftreten zu sehen, wo wir bisher hauptsächlich ihren Schmusekurs kannten. Aber eigentlich dürfte uns nicht überraschen, dass sie die gesamte Klaviatur ihres Jobs beherrscht. Wie sonst hätte sie sich 3 Jahrzehnte lang erfolgreich ihrem Beruf halten können?

Spannung, Tragik und Humor

Der Krimi ist spannend, weil man, genau wie die Reporterin, herausfinden will, was in dieser schrecklichen Familie vor sich gegangen ist und was schließlich zum Tod von Marilena Heiland geführt hat. Lustig wird’s, sobald die zwei betagten Tanten auf den Plan treten und im Dialekt ihren Senf zu Iras Recherchen geben. Ein bisschen ärgerlich ist’s, dass man ab gut der Hälfte des Buchs ahnt, wie der Hase läuft, weil der Buchtitel spoilert. Sobald im Roman das Wort „Pechmarie“ fällt, ist im Grunde klar, was passiert sein muss. Es bleibt jedoch die Frage offen, ob dieser Plan auch wunschgemäß aufgeht. Deswegen lohnt sich das Weiterlesen auf jeden Fall.

Mir liegt dieser Mix aus Spannung, Tragik und Humor, und ich würde mich freuen, wenn es ein Wiedersehen mit Ira gäbe. Aber jetzt lassen wir sie erst mal in Ruhe ihren Andy heiraten.

Positiv vermerken möchte ich noch, dass der Verlag den Innenteil des Buchcovers sehr clever nützt. Unter der vorderen Klappe verbergen sich kleine Steckbriefe der Hauptakteure, unter der hinteren Klappe findet man eine Karte mit den wichtigsten Orten der Handlung. So kann man sich auch als ortsunkundiger Leser ein Bild machen.

Die Autorin

Carla Berling, Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihren Romanen durch große und kleine Städte.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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