Nika S. Daveron: Das Chaospferd, Band 1, (10 – 14 J.)

Nika S. Daveron: Das Chaospferd, Band 1, (10 – 14 J.), Stuttgart 2020, Franckh-Kosmos Verlag, ISBN: 9-783-440-16426-6, Hardcover, 174 Seiten, mit s/w-Illustrationen von Anna-Lena Kühler, Format: 14,9 x 2 x 21,5 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 8,99.

Abb.: © Franckh-Kosmos Verlag

„Lächeln und weiterreiten. Niemand kann wirklich über sein Pferd bestimmen, wenn es das nicht will. Das muss man akzeptieren und respektieren. Und dass Zora ihren eigenen Kopf hat, das wusste ich von Anfang an.“ (Seite 172)

Als erstes fällt auf, dass der Text aussieht, als sei er von Hand in Druckschrift geschrieben und mit vielen kleinen Zeichnungen versehen worden. Das ist nicht sehr komfortabel zu lesen: winzige Satzzeichen, die Pünktchen auf den Umlauten nur ein Hauch – und o und a ziemlich ähnlich. Für Leser*innen, die deutlich jünger sind als die angepeilte Zielgruppe oder für vorlesende Großeltern kann das anstrengend werden. Also: an die Altersempfehlung halten!

Abb.: © Franckh-Kosmos Verlag

Ein äußerst eigensinniges Pferd 

Dass dieses Buch so gestaltet ist, hat seinen Grund: Es ist ein Tagebuch. Romi hat es zum 12. Geburtstag bekommen und nutzt es sogleich. Zu erzählen gibt es viel: Das Haupt-Geburtstagsgeschenk für die junge Reiterin ist nämlich die Stute Zora, ein russisches Warmblut, rothaarig wie die Reiterin selbst.

Zora hat davor dem Reitstallbesitzer Albrecht gehört und war eine Zuchtstute. Einen Sattel hat sie schon länger nicht mehr auf dem Rücken gehabt, von einem Reiter ganz zu schweigen. Ob sie überhaupt noch Bock darauf hat, ein Reitpferd zu sein? Wenn nicht, könnte es schwierig werden für Romi, denn die rote Zora ist ausgesprochen eigenwillig. Wenn sie nicht will, dann geht nichts. Sie frisst Schleifen und die Brotzeit der Reiterinnen, sie zerlegt ihre Box, sie weiß, wie man den Leckerli-Eimer öffnet, und wenn ihr langweilig wird, läuft sie einfach weg. Sie mag keine Veränderungen, sie will nicht hinter anderen Pferden hergehen – und Weihnachtsbäume findet sie ganz grässlich, was ziemlich peinliche Folgen hat. 

Romi schreckt das alles nicht. Ihre Zora ist eben ein Pferd mit Charakter und etwas ganz Besonderes. 

Eltern ohne Pferdeverstand

Blamagen, Ärger und Enttäuschungen steckt die junge Reiterin recht locker weg. Dabei hilft ihr nicht zuletzt ihre beste Freundin Celine, die im selben Stall reitet wie sie. Ihren Eltern von ihren Problemen und Missgeschicken zu erzählen, hat gar keinen Zweck: Die beiden haben vom Reiten nämlich keine Ahnung und auch kein Interesse. Auf Pferdegeschichten antwortet die Mutter zerstreut mit irgendwelchen Floskeln. Sie macht sich nur Sorgen, dass das Hobby ihrer Tochter immer teurer und gefährlicher werden könnte.

Das Desinteresse der Eltern nimmt Romi genauso erwachsen hin wie das Getuschel der mobbenden Mädchen im Reitstall. Sie hat die Stärke, das Verhalten anderer nicht auf sich zu beziehen, sondern die Ursache dafür bei denen selbst zu sehen. Um so weit zu kommen, brauchen viele Menschen Jahrzehnte an Lebenserfahrung, wenn nicht gar die Hilfe eines Therapeuten.

Mobbende Reitstall-Zicken

Ramona und ein paar andere Reiterinnen stänkern permanent, lästern und erzählen Lügengeschichten über Romi. Nachdem Nachfragen, ins-Gewissen-Reden und Zusammenfalten nichts gebracht hat, zuckt Romi  nur noch mit den Schultern. Jeder Gedanke und jedes Wort an diese blöden Weiber ist Zeitverschwendung. Sie wollen ihr Verhalten nicht ändern. Das ist dann halt so. Und sollte sich auch der Enkel des Stallbesitzers, den sie ein bisschen aus der Ferne anschwärmt, bei näherem Kennenlernen als Depp erweisen, ist das kein Weltuntergang. Dann wird diese Bekanntschaft eben nicht weiter vertieft. Doofe Leute kennt sie schließlich schon genügend.

Ich liebe und feiere Romi für diese Haltung und diese Gelassenheit! Damit kann sie nicht nur ihren jungen Leser*innen als Vorbild dienen, sondern auch so manchem Erwachsenen. Wenn man sich weder von widrigen Umständen noch von widerlichen Mitmenschen aus der Ruhe bringen lässt, hat man ein recht brauchbares Rezept für ein zufriedenes Leben in der Hand.

Ein herrlich unperfektes Team

Weil Romi nichts erschüttern kann, können die Leser*innen auch guten Gewissens über ihre zahlreichen Pannen und die Sperenzchen ihres Pferdes lachen. Romi ist nicht perfekt, ihr Pferd ist es auch nicht, und bei den beiden geht eine Menge schief. Das Reiterleben ist eben kein Ponyhof 😉 und die Verbindung zwischen Pferd und Reiter*in nicht immer so magisch wie in Filmen und Jugendbüchern, sondern meistens genau so „irdisch“ wie hier. Das ist beruhigend – und sehr amüsant zu lesen. Mit dem sympathischen und wunderbar unvollkommenen Team Romi & Zora dürften sich viele pferdebegeisterte Leserinnen sehr gut identifizieren können.

Ich bin gespannt, wie es mit den beiden weitergeht. Und ob die mobbende Ramona mal die Quittung für ihre Unverschämtheiten kriegt. Vielleicht erfahren wir aber auch irgendwann, was hinter ihrem Verhalten steckt und sie wird noch ganz normal.  Obwohl … einen Reitstall ohne mobbende Zicken, gibt’s das?

Die Autorin

Nika S. Daveron entdeckte bereits als Kind die Liebe zum Schreiben und eiferte früh ihren Vorbildern nach, indem sie die Handlungen ihrer Lieblingsbücher weitererzählte. Mittlerweile veröffentlicht sie eigene Geschichten und baut darin Welten, deren Komplexität und Schönheit wiederum andere inspirieren. Geboren in Köln, lebt sie derzeit in Neuss und ist als Sales & Account Managerin tätig. 

Die Illustratorin

Anna-Lena Kühler illustriert seit 2011 illustriere im schönen Eltville für kleine und große Menschen. Für Verlage und Agenturen bebildert sie Bücher, Magazine, Werbung, Verpackungen und diverse andere Projekte. www.annalenakuehler.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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