David Michie: Die Katze des Dalai Lama. Roman

David Michie: Die Katze des Dalai Lama. Roman, OT: The Dalai Lama’s Cat, aus dem Englischen von Kurt Lang, München 2019,  Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3 453 70381 0, Klappenbroschur, 267 Seiten, Format: 12 x 2,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Oh, diese buddhistischen Weisheiten! Dürfen wir uns denn niemals etwas vormachen? Nicht mal ein winziges bisschen? (…) Nachdenklich starrte ich auf das grüne Licht in der Dunkelheit des Tempelhofs. Wir werden sehen.“ (Seite 151)

Ich bin kein spiritueller Mensch. Am Buddhismus als Religion habe ich kein Interesse. Aber ich mag Katzen und dachte, es könnte amüsant sein, wenn ein naives kleines Tierchen das Leben in der Residenz des Dalai Lama schildert. Vielleicht sehen wir dann Mönche und Prominente, Politik und Religion in ganz neuem Licht. So ein Perspektivwechsel kann ja mitunter Erstaunliches bewirken.

Dass die Überlegungen und Verhaltensänderungen, die der Dalai Lama den Ratsuchenden ans Herz legt, auch in die westliche Welt passen und ein bisschen was von Lebenshilfe und Verhaltenstherapie an sich haben, hätte ich nicht gedacht. Diese Erkenntnis verdanke ich dem Himalaya-Kätzchen Rinpoche, das auch ganz ahnungslos in diese Gedankenwelt hineinstolpert und schnell dazulernt.

Vom Dalai Lama gerettet

Dass sie mal im Jokhang, dem Tempelkomplex des Dalai Lama, landen wird, hätte sich das Rassekätzchen aus Neu-Delhi nicht träumen lassen. Sie wächst in einem noblen menschlichen Haushalt auf, und es geht ihr blendend, bis ihre Wurfgeschwister und sie von zwei Jungs geraubt werden. Die Burschen verkaufen die Kitten. Nur Rinpoche, den leicht humpelnden Kümmerling des Wurfs, werden sie nicht los. Gerade, als sie dabei sind, das hilflose Kitten in einer Mülltonne zu entsorgen, kommt der Dalai Lama des Weges und kümmert sich darum, dass das Tierchen gerettet wird. Er nimmt es mit nach Hause. Und so wird die kleine Rinpoche aus Neu-Delhi – auch KSH genannt, „Katze Seiner Heiligkeit“ –  zum verwöhnten Büromaskottchen in Dharamsala.

Dass der Chef ein ganz außergewöhnlicher Mensch ist, müssen seine Mitarbeiter dem Katzenmädchen nicht erst erklären. Das erkennt sie an der Art, wie er sich um sie kümmert. Die KSH darf im Büro auf dem Fensterbrett liegen, den Gesprächen des Dalai Lamas mit Prominenz aus aller Welt lauschen und ihm beim Bücherschreiben zusehen. Eines Tages, nimmt sie sich fest vor, wird auch sie ein Buch schreiben. „Wie ich vor einem unvorstellbar schrecklichen Schicksal gerettet und die ständige Begleiterin eines Mannes wurde, der nicht nur eines der großen spirituellen Leitbilder unserer Zeit und Träger des Friedensnobelpreises ist, sondern auch weiß, wie man mit einem Dosenöffner umgeht.“ (Seite 9)

Er mag nicht, wenn sie tötet

Als sie ihrem Menschen eine selbst gefangene Maus zum Geschenk macht, ist dieser allerdings gar nicht erfreut. Sie hätte es wissen müssen! Er spricht doch ständig davon, dass jedem Geschöpf das eigene Leben genauso wichtig ist wie dem Menschen. Also ist es auch nicht okay, eine Maus zu töten. Aber eine Katze ist eben eine Katze, und der Instinkt war stärker. Die KSH ist geknickt, doch ihr Mensch hat Verständnis für sie. „Lerne für die Zukunft aus deinen Fehlern“, sagt er. Und „Morgen fangen wir neu an.“ (Seite 31)

Da hat mir die kleine Katze richtig leidgetan. Sie ist so streng mit sich! Wenn schon die großen, vernunftbegabten Menschen ihren Idealen nicht gerecht werden, wie soll’s dann so ein Katzenkind schaffen?

Von der Schwierigkeit, das Verhalten zu ändern

Wenn der Dalai Lama wichtige Gäste hat und die begnadete italienische Köchin Mrs. Trinci für die Speisen zuständig ist, bekommt auch Rinpoche etwas Leckeres ab. Auch in der Nachbarschaft futtert sich die Kätzin durch. Das hat Folgen: Sie geht mächtig aus dem Leim. Doch ihr Weg zur Erkenntnis, dass sie in punkto Nahrungsaufnahme kürzer treten muss, ist lang. Erst als sie mitbekommt, wie die cholerische Köchin nach einem Gespräch mit dem Dalai Lama angestrengt versucht, ihren Jähzorn im Zaum zu halten, fällt der Groschen: Mit manchem Verhalten schädigt man sich selbst (oder andere). Das muss man dann erkennen und ändern. Wenn es nur nicht so verflixt schwierig wäre, sich selbst zu besiegen!

Die Katze lernt, der Leser auch

Die KSH lernt viel aus den Gesprächen, die sie im Büro mit anhört. Ob’s die Lektion in Liebe und Mitgefühl ist, die einem millionenschweren Persönlichkeitstrainer zuteil wird oder die harte Schule, die der windige Gastwirt Franc durchläuft, bis er von einem kitschigen Möchtegern-Buddhisten zu einem echten wird … die Ratsuchenden lernen was fürs Leben, die kleine Katze lernt dazu und der Leser ebenfalls. 

Manchmal sind’s Metaphern wie die vom Schafsmist oder die vom Bauern und dem Wildpferd, die uns ein Licht aufgehen lassen. Ja, wenn es uns gelingen würde, nicht jedes Mal ein egozentrisches Drama aufzuführen, wenn etwas unrund läuft, sondern die Sache pragmatisch und gelassen zu sehen und das Wohl der Anderen im Auge zu behalten, dann hätte man freilich weniger Stress! Aber das ist leider nicht so einfach.

Ich beginne zu ahnen, was den Buddhismus für viele Menschen so attraktiv macht, auch wenn sie ihn vielleicht nicht zur Gänze verstehen. Und ich denke, es spricht nichts dagegen, sich aus den unterhaltsamen Anekdoten und bildhaften Gleichnissen dieses Romans das herauszupicken, was einem sinnvoll und für das eigene Leben hilfreich zu sein scheint. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der Gastwirt in dem Roman und sich für einen Buddhisten halten, nur weil man ein paar kluge Gedanken aufgeschnappt und verinnerlicht hat.

Wer sind nur all die Promis?

Ohne Namedropping zu betreiben, erzählt die Katze von einer Vielzahl berühmter Persönlichkeiten, die sich beim Dalai Lama die Klinke in die Hand geben. Ich muss gestehen, dass ich beim heiteren Promi-Raten trotz vieler Hinweise versagt habe. Nur eine einzige US-Schauspielerin habe ich einigermaßen sicher identifiziert. Vielleicht sind das alles Übersee-Promis, die man in Europa gar nicht so kennt. Ich habe keine Ahnung, wer heute in den USA die Stars am Moderatorenhimmel sind, und in der Medienlandschaft Australiens – wo der Autor lebt – kenne ich mich überhaupt nicht aus. Aber das ist vielleicht gar nicht so wichtig. Deren Sorgen und Anliegen dienen ohnehin nur als „Transportmittel“ für die vielfältigen buddhistischen Weisheiten.

Band 1 einer Reihe

Ich habe gesehen, dass DIE KATZE DES DALAI LAMA der erste Band derzeit vierbändigen Reihe ist, die nach und nach als Taschenbücher bei Heyne erscheinen werden. Auch wenn ich immer noch keine Buddhistin werden will – jetzt interessiert es mich doch, wie es mit der KSH und ihren zweibeinigen Freunden weitergeht. Und ob die schöne Königin von Bhutan ihr Kätzchen bekommt …

Der Autor

David Michie, geboren in Zimbabwe, lebt heute in Australien. Ursprünglich Thriller-Autor, gelingt es dem praktizierenden Buddhisten und Meditationslehrer, buddhistische Gedanken in moderner, verständlicher Form einem breiten Publikum nahezubringen. David Michies Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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