Lars Simon: Das Antiquariat der Träume. Roman

Lars Simon: Das Antiquariat der Träume. Roman, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21931-0, Hardcover, 313 Seiten, Format: 13,1 x 3 x 19,6 cm, Buch: EUR 12,00 (D), EUR 12,40 (A), Kindle: 8,99.

Abb.: (c) dtv

„Ob diese Frau lebt oder nicht, ja selbst, ob sie je gelebt hat oder nicht, ist im Grunde nicht von Bedeutung. Man kann ein Gespenst genauso lieben wie eine Erinnerung, wie eine Idee, wie ein Land, ein Haus oder ein Buch, letztlich sogar wie einen Menschen. Wichtig ist nur, dass Ihr weiter nach der Wahrheit sucht. Was liebt Ihr wirklich und wo werdet Ihr es finden, das sind die großen Fragen.“ (Seite 231/232)

Hedekas, im Südwesten von Schweden, 1987: Johan Andersson ist ein typischer Lars-Simon-Held: ein kluger und menschenscheuer Eigenbrötler Anfang 30, dem in Beziehungsangelegenheiten das Pech an den Hacken klebt.

Verliebt und verloren

Nur zwei Wochen sind ihm mit der zauberhaften Lina Berglund vergönnt. Im September 1983 lernt er die junge Fotografin aus Göteborg auf einer Kreuzfahrt kennen, verliebt sich heftig in sie — und verliert sie dann bei einem tragischen Unglück. Sie ertrinkt in der Ostsee. Das wirft ihn derart aus der Bahn, dass er seinen Job als Verlagsleiter in Stockholm aufgibt, in einem winzigen Dorf einen Bauernhof erwirbt und dort ein Antiquariat nebst Literaturcafé eröffnet. Agnes Eklöv, die verwitwete und etwas altjüngferlich wirkende Schwester des Pastors, hilft ihm dabei.

Über Linas Tod kommt Johan einfach nicht hinweg. Vielleicht hätte er Abschied nehmen können, wenn er ihm möglich gewesen wäre, ihr Grab zu besuchen. Doch  trotz intensiver Recherche hat er nichts über Lina oder ihre Angehörigen herausgefunden. Ob ihre Leiche doch noch gefunden wurde und wo sie beerdigt ist, das weiß er nicht. Es ist, als hätte es Lina Berglund nie gegeben.

Literarische Halluzinationen

Manchmal fragt er sich tatsächlich, ob er sich diese Wirbelwindromanze an Bord der Leksand nicht nur eingebildet hat. Seit er auf dem Dorf lebt, verschwimmen für ihn nämlich die Grenzen zwischen Realität und Phantasie: Er hat literarische Halluzinationen. Ihm erscheinen die Figuren aus seinen Lieblingsbüchern: William von Baskerville, Sherlock Holmes, Cyrano de Bergerac, Harry Haller und manchmal auch Pippi Langstrumpf. Mit ihnen spricht er über sein Leben und seine Zukunft. Das bringt nur nicht viel, denn jeder Romanheld hat nicht nur seinen eigenen Sprachduktus, sondern auch eine eigene Meinung. Und so rät ihm jeder etwas anderes.

Solange die Romanfiguren nur nach Feierabend in seiner Wohnung auf ihn warten und er unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit ihnen diskutiert, ist das nicht weiter tragisch – eine phantasievolle Selbstreflexion, weiter nichts. Doch als sie beginnen, ihm auch in der Öffentlichkeit aufzulauern und ihn in peinliche Situationen zu bringen, sucht er einen Psychiater auf. Allerdings zieht er einen gepflegten literarischen Spleen dann doch den Mühen einer Therapie vor. Lieber ein paar „eingebildete“ Freunde als gar keine …

Johan kann einfach nicht loslassen. Vielleicht hat Lina das Schiffsunglück ja doch überlebt? Womöglich sucht sie ihn ebenfalls, kann ihn aber wegen seines Allerweltsnamens nicht finden. Facebook hat’s ja in den 1980er-Jahren noch nicht gegeben. Er beschließt, seine Suche nach ihr zu intensivieren.

Vergangenheit oder Zukunft?

Oder sollte er vielleicht doch auf seinen ehemaligen Geschäftspartner Magnus Löfwing hören? Der bietet ihm nämlich in einer personellen Notsituation seinen alten Posten als Verlagsleiter in Stockholm wieder an. Magnus findet, Johan solle sich nicht länger auf dem platten Land vor der Welt verstecken, sondern endlich wieder nach vorne schauen. Eine passende neue Partnerin hat ihm auch schon ausgesucht.

Johan wird unsicher. Vergangenheit oder Zukunft? Aber vielleicht kann er ja beides haben? Er könnte sich Magnus’ Angebot mal durch den Kopf gehen lassen und trotzdem weiter nach Lina suchen. 

An dieser Stelle fragt sich der Leser, wie sich der psychisch angeschlagene Johan wohl als Verlagsleiter machen würde – und wie er diese Position jemals hat ausfüllen können. Das ist so gar nichts für grüblerische Eigenbrötler! Aber wir kennen Johan nur als gebrochenen Mann. Wie er vor Linas Tod war, wissen wir nicht.

Was sagen eigentlich Johans literarische „Freunde“ zu seinen Überlegungen? – Die sind sich uneins wie eh und je. So vehement der eine für einen Neuanfang ins Stockholm plädiert, so leidenschaftlich argumentiert ein anderer, dass Johan erst mit der Vergangenheit abschließen kann, wenn er die ganze Wahrheit kennt. Und die soll er jetzt endlich mal herausfinden.

Wer meint’s gut mit dem Helden?

Da fragt man sich, wer hier eigentlich Johans Wohlergehen im Blick hat und wem es nur ums Rechthaben geht. Gut meint es auf jeden Fall Agnes Eklöv, Johans Mitarbeiterin in Hedekas – und ist in ihrer freundschaftlichen Sorge dabei, alles gründlich zu vermasseln. Es hat ihr aber auch niemand gesagt, wie kompliziert und schräg Johans Suche nach seiner verschwundenen Freundin inzwischen geworden ist.

Ach, ist das herrlich! Die streitenden Romanfiguren, die sich redlich mühen, den unentschlossenen Johan in die richtige Richtung zu schubsen! Dumm nur, dass jeder eine andere Auffassung davon hat, was gut für ihn ist. Sie verunsichern den armen Mann immer mehr und ärgern sich dann, dass er nicht in die Puschen kommt. Besonders Sherlock Holmes hat die fruchtlosen Gespräche satt: „Ein Leiden mit Halluzinationen als Symptom erklärt dem daran Erkrankten die Gründe der eigenen Existenz? Das ist grotesk!“ (Seite 291)

Lange wird Johan Andersson aber nicht mehr abwägen und zaudern können. Bis Mittsommer muss er sich zwischen Vergangenheit und Zukunft entschieden haben. Wer das bestimmt? Einer, mit dem man besser nicht lange herumdiskutiert …

Liebeserklärung an die Literatur

Es ist eine melancholische Liebesgeschichte, aber durchaus mit Humor. Es ist aber auch eine wunderbare Liebeserklärung an die Literatur, insbesondere an alte Bücher. In den schwärmerischen Ausführungen eines betagten Bücherfreunds bekommen selbst Fruchtfliegen-Leichen etwas Romantisches.
„Wer verstünde das nicht?“, sagte Johan tief beeindruckt. (…)
„Wer das nicht verstünde? Oh, herzlose Idioten natürlich“, antwortete der Antiquar ruhig, aber wie aus der Pistole geschossen. „Und von denen gibt es viele.“ (Seite 241)
Eine Menge passionierte Leser*innen werden dem skurrilen alten Herrn beipflichten und, wie Johan, zustimmend nicken. Diese Menschen dürften DAS ANTIQUARUAT DER TRÄUME lieben.

Der Autor

Lars Simon hat nach seinem BWL- und Politologie-Studium zuerst lange Jahre als Marketingleiter einer IT-Firma gearbeitet, bevor er als Touristen-Holzhaus-Handwerker mit seiner Familie mehr als sechs Jahre in Schweden verbrachte. Heute lebt er in der Nähe von Frankfurt/Main.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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