Paul Grote: Die Weinprobe von Lissabon. Kriminalroman

Paul Grote: Die Weinprobe von Lissabon. Kriminalroman, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21936-5, Klappenbroschur, 413 Seiten, Format: 12,4 x 4 x 19 cm, Buch: EUR 12,95 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 10,99.

Abb.: (c) dtv

„Gestorben? Und vermutlich hat dieser Fechter dessen Job gekriegt? Kokain? Provision für dich unter der Hand? Nic …“, Meyenbeeker schüttelte ungläubig den Kopf, „mach die Augen auf, hombre! In was für eine Sache schlidderst du da mal wieder rein?“ (Seite 297/298)

Kenner*innen von Paul Grotes Weinkrimi-Reihe ahnen schon beim Blick ins Personenverzeichnis, dass es für die kriminellen Elemente in dieser Geschichte eng werden könnte. Es sind nämlich einige Personen dabei, die nicht nur reichlich Erfahrung mit Weinbau in verschiedenen europäischen Regionen haben, sondern auch schon Kollisionen mit Ganoven verschiedener Größenordnung hatten. Umweltingenieurin Johanna Breitenbach aus Geisenheim ist mit von der Partie, der Winzer Nicolaus Hollmann von der Quinta do Amanhecer am Rio Douro/Portugal und der Journalist Henry Meyenbeeker aus La Rioja/Spanien samt seinem Kumpel, dem Ex-Polizisten José Maria Salgado. In der Region Lissabon, die früher unter dem Begriff „Estremadura“ bekannt war, treffen sie mehr oder weniger zufällig aufeinander. 

Zwei Deutsche im unfreiwilligen Einsatz

Johanna Breitenbach, die Umweltingenieurin wurde von der Winzerfamilie dos Santos angefordert. Sie wollen ihr Weingut zukunftsfähig machen und Johanna soll sie in Sachen Energiemanagement beraten. Darauf hat die Ingenieurin überhaupt keinen Bock. Sie ist wieder mal auf dem absoluten Negativ-Trip und hält ihre Arbeit für vollkommen sinnlos. Alle labern nur, während die Welt vor die Hunde geht. Was soll sie dann noch in Portugal? – „Windsurfen“, schlägt ihr Kollege vor. Das Argument zieht, denn Surfen ist Johannas Hobby. Also reist sie hin.

Auch nicht ganz freiwillig macht sich der Winzer Nic Hollmann vom Rio Douro auf den Weg in die Region. Auf der Quinta da Lua ist ausgerechnet während der Weinlese der Chef, Herbert Vollmer , ausgefallen. Er liegt im Krankenhaus und seine Frau Karin versteht nichts vom Geschäft. Also bittet sie Nic, einen alten Bekannten, um Hilfe. Der hätte zwar auf seinem eigenen Weingut genug zu tun, aber notfalls kommen seine Leute auch ohne ihn klar. Karin nicht. Also pendelt er bis zu Herberts Genesung zwischen den beiden Weingütern hin und her. Schnell erkennt er, dass auf der Quinta der Vollmers merkwürdige Dinge vor sich gehen, von denen die Eigentümer garantiert nichts wissen …

Was will der neugierige Geschäftsmann?

Johanna hat derweil mächtig Ärger mit Sofia, der Frau „ihres“ Winzers. Im Gegensatz zum Rest der Familie wehrt die sich mit Händen und Füßen gegen jegliche Veränderung. Außerdem ist die Ingenieurin zunehmend irritiert von der aufdringlichen Freundlichkeit des neugierigen Geschäftsmanns Andreas Fechter, den sie vor kurzem hier kennengelernt hat. Was will der Kerl von ihr? Warum fragt er sie so penetrant aus? Auch Hollmann macht bald Fechters Bekanntschaft und ist nicht sehr beeindruckt.

Über Fechter lernen sich Breitenbach und Hollmann schließlich kennen und stellen fest, dass sie neben Nationalität und Branche noch was gemeinsam haben: das Misstrauen gegenüber ihrem gemeinsamen neuen Bekannten. Aus gutem Grund, wie wir Leser*innen von Anfang an wissen. Nach außen hin mag der Logistiker Fechter leitender Mitarbeiter einer Reederei und ein treusorgender Familienvater sein, tatsächlich aber nutzt er seit Jahren seine Fähigkeiten und Kontakte, um für einen mexikanischen Clan Drogen nach Europa zu schmuggeln. Seine „Geschäftspartner“ schätzen ihn, weil alles, was er macht, wohl durchdacht und perfekt organisiert ist. Er hat ein Händchen dafür, die richtigen Mitarbeiter*innen auszuwählen und sie so zu manipulieren, dass sie spuren. Tun sie’s nicht, ist er unsentimental und skrupellos genug, das Problem ein für allemal zu lösen.

In der Gedankenwelt des Verbrechers

Der Autor lässt die Leser*innen förmlich ins Gehirn dieses Verbrechers kriechen – und das ist ein unheimlich faszinierendes Erlebnis. Fechters Professionalität nötigt uns Bewunderung ab, auch wenn wir genau wissen, dass für ihn ein Menschenleben nicht viel Wert hat. Für ihn zählt nur das Geschäft. Die clevere Tochter der Familie dos Santos beschreibt ihn einmal so:  „Der Fechter, der ist so besitzergreifend. Ich glaube, alles, was er sieht, will er haben.“ (Seite 347)

Irgendwas stimmt nicht mit dem Mann. Ist er ein Narzisst oder ein Psychopath? Menschliche Nähe ist ihm jedenfalls fremd. Er weiß, dass er nirgendwo dazugehört und dass er das auch gar nicht möchte. Seine kleine Tochter ist für ihn der einzige wichtige Mensch auf der Welt. Er träumt davon, sich zur Ruhe zu setzen, vom ergaunerten Geld eine Quinta zu kaufen, Winzer zu werden und Rebecca in diesem Paradies aufwachsen zu sehen.

Vielleicht kommt das Ende seiner kriminellen Karriere ja schneller als erwartet. Die beiden Deutschen, die gleichzeitig in seiner Nachbarschaft aufgetaucht sind, hat seiner Meinung nach die Polizei auf ihn angesetzt. Vor allem Hollmanns ungewöhnlicher Lebenslauf erscheint ihm verdächtig. Er muss die zwei im Auge behalten, während er die noch laufenden Geschäfte abwickelt.

Eine folgenschwere Panne

Dann passiert beim Umpacken des Kokains folgenschweres Missgeschick: Ein Kilo verschwindet und taucht in Form eines drogenverseuchten Weins bei einer Weinprobe in Lissabon auf. Dass Menschen nach ein paar Tropfen Alkohol randalieren und derart neben sich stehen, dass Polizei und Krankenwagen ausrücken müssen, ist nicht normal! Ein paar Leute werden misstrauisch und forschen nach. So kommen der Journalist Meyenbeeker und der Privatermittler Delgado ins Spiel.

Die Held*innen sind hier Hollmann und Breitenbach, aber Hauptfigur ist der abgebrühte Gangster Fechter. Wir tauchen von der ersten Seite an derart tief in seine Welt ein, dass wir sie gar nicht untergehen sehen wollen. Es ist alles so meisterhaft konstruiert! Und hat Fechter nicht doch noch einen Rest von Anstand und Menschlichkeit … als Vater, als beherzter Lebensretter und als vorausschauender Chef seiner engsten Mitarbeiter? Man ertappt sich dabei, wenigstens ein bisschen zu hoffen, seine Leute und er könnten der Strafverfolgung und ihrem bisherigen Lebensstil entkommen. Der manipulative Verbrecher manipuliert anscheinend selbst die Leser. Da hat der Autor eine hochinteressante Figur geschaffen.

Das Personenverzeichnis ist Gold wert, weil wirklich eine Menge Figuren in dem Roman auftauchen, deren Vorgeschichte man kennen sollte. Da ist es von Vorteil, wenigstens ein paar von Grotes Weinkrimis zu kennen. 

Viel Wissen, viel Meinung, wenig Hoffnung

Wie immer gibt’s hier viel Wissen über regionale Weine und sehr viel politische Meinung. Die ist dieses Mal überwiegend defätistisch. Auch wenn einem angesichts der engagierten Winzerstochter Joana das Lied „Gimme hope, Jo’anna“ in den Sinn kommen mag (Seite 80), ist der Grundton ist ein anderer: Bio, Öko, Klimaschutz – alles zu spät! Der Käs’ ist längst gegessen. Und so lässt uns der Krimi in einer negativen Stimmung zurück: Die Umwelt ist am A*** und die Moral ebenso. Wir Leser wären doch glatt bereit gewesen, eine skrupellose Mörderbande ungestraft davonkommen zu lassen!

Der Autor

Als Reporter in Südamerika entdeckte Paul Grote sein Interesse für Wein und Weinbau. Seitdem hat er die wichtigsten europäischen Weinbaugebiete bereist und jedes Jahr einen neuen Krimi veröffentlicht.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.