Sy Montgomery: Der Ruf der rosa Delfine

Sy Montgomery: Der Ruf der rosa Delfine. Wie die schlauen Säugetiere uns in die letzten Geheimnisse des bedrohten Amazonas einweihen, OT: Journey of the Pink Dolphins. An Amazon Quest, aus dem Englischen von Gertrud Bauer, Hamburg 2020, Eden Books, ISBN 978-3-95910-294-0, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 272 Seite mit Landkarten und s/w-Illustrationen, Format: 14,3 x 3,2 x 21,6 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 16,99.

Abb.: (c) Eden Books

„In Brasilien nennt man den rosa Delfin ‚boto’. Man erzählt sich, der Boto könne sich in einen Menschen verwandeln. Bei dörflichen Festen verführe er Männer und Frauen. Man müsse vorsichtig sein, sonst werde man für immer nach Encante entführt, die Märchenstadt unter Wasser.“ (Seite 25)

Über rosa Delfine wusste ich nicht viel mehr, als dass es sie gibt. Ich glaubte mich vage zu erinnern, dass sie nicht im Meer, sondern in trübem Süßwasser leben. Aber ich hätte nicht sagen können, wo auf der Welt. Da das Cover die Enthüllung letzter Geheimnisse verspricht, habe ich zugegriffen.

Kein Tierbuch über Flussdelfine

Viel schlauer bin ich nach dieser Lektüre allerdings nicht, jedenfalls nicht, was die rosa Meeressäuger betrifft. Wer handfeste Fakten über die Tiere sucht, ist hier falsch. Auch die Autorin weiß und erfährt nicht viel mehr über den Inia geoffrensis als bei Wikipedia steht. Für die Katz ist das Buch trotzdem nicht. Bei Sy Montgomery gibt es immer etwas zu staunen und zu entdecken, wenn auch nicht unbedingt zum erwarteten Thema. Aus ihrem Buch DAS GLÜCKLICHE SCHWEIN ist mir hauptsächlich ein gut gehütetes Familiengeheimnis mit blitzböser Pointe im Gedächtnis geblieben.

DER RUF DER ROSA DELFINE beschreibt also nicht in erster Linie das Leben der Tiere, sondern Sy Montgomerys Suche nach ihnen. Es ist ein bildhafter, stimmungsvoller, stellenweise geradezu poetischer Reisebericht. Ach ja: Und das Buch ist 20 Jahre alt. Gut, an den Tieren, Pflanzen und Naturgewalten, mit die Autorin und ihre Begleiter*innen 1998 konfrontiert werden, hat sich seither nichts geändert. Nur die Bedrohung des Regenwalds durch den Menschen ist seitdem noch schlimmer geworden. „Mittlerweile brennt der Amazonas nicht bloß. Er stirbt vielleicht.“ (Seite 9)

Bevor sich Sy und ihre Fotografin Dianne Taylor-Snow ins Abenteuer Regenwald stürzen, gibt’s noch eine Portion Kultur: „La Traviata“ im Opernhaus von Manaus. Ganz entspannt können sie die Aufführung aber nicht genießen. Stets ist ihnen bewusst, dass der Reichtum der Kautschukbarone, dem sie dieses luxuriöse Ambiente verdanken, nur durch die brutale Ausbeutung der indigenen Bevölkerung möglich war.

Auch wenn der Guide kein Englisch spricht …

Am nächsten Morgen brechen sie auf zum Zusammenfluss von Solimoes und Rio Negro. Es geht schon gut los, weil die Wissenschaftlerin Vera da Silva, sie nicht, wie geplant, zum See Marchantaria begleiten kann. Auch ihre hilfreichen Tipps halten sich in Grenzen. In Sachen rosa Delfine hat selbst sie mehr Fragen als Antworten. Immerhin schickt sie Sy und Diane ihren Assistenten als Guide mit. „Er weiß alles“, versichert sie ihnen. Das nutzt nur nichts, weil der Assistent kein Englisch spricht und die zwei Frauen kein Portugiesisch. Entsprechend chaotisch läuft’s.

Die „Botos“ zeigen sich nur flüchtig, dafür treffen die Expeditionsteilnehmer*innen auf Armut und Abenteurer, auf eine überschwemmte Stadt, auf elektrische Fische, giftige Welse, Affen und Papageien in Gefangenschaft und freier Natur, auf Kaimane, Ameisen, riesige Spinnen, Faultiere, Schildkröten, Ratten und Piranhas. Das wird mitunter ausgesprochen ungemütlich.

Volksmärchen statt harter Fakten

Wenn Sy und Dianne jemanden zum Übersetzen finden und dadurch mit den Einheimischen ins Gespräch kommen, dann behaupten diese zwar gerne, alles über die rosa Delfine zu wissen, was dann aber kommt, sind immer neue Varianten der alten Geschichte: „Botos verwandeln sich nachts in Menschen, verführen oder entführen unsere jungen Männer und Frauen“. Das sind Volksmärchen. Lernen kann man von der indigenen Bevölkerung dennoch allerhand: „Ein westlich geprägter Mensch schaut in den Urwald und sieht grün. (…) Ein Einheimischer schaut in den Urwald und sieht ein Lebensmittelgeschäft, einen Haushaltswarenladen, eine Reparaturwerkstätte und eine Apotheke.“ (Seite 98)

Im Charro-See klappt es dann mit der Delfinbegegnung, Auch die Tiere sind neugierig auf ihre menschlichen Beobachterinnen.

Auf dem Trip wie die Schamanen

Nicht ganz so clever ist die Idee der beiden, es den Schamanen gleichzutun und sich mittels der Droge Ayahuasca in Trance zu versetzen. Die Botos sollen ihnen dann in ihrem Träumen erscheinen. Das klappt nur so mittelgut. Damit Sys Traum einen Sinn ergeben würde, müssten die Delfine schon Aliens sein. Aber es ist schon cool, dass sie uns diesen Flop nicht schamhaft verschweigt, sondern in minutiös schildert.

Im Tamshiyacu-Tahuayo-Reservat in Peru lernen wir die engagierte Arbeit des Rainforest Conservation Fund kennen, der versucht, das Land dadurch zu schützen, dass die traditionelle Lebensweise der Einheimischen bewahrt und gefördert wird. Zum Thema Delfine gibt’s nicht viel Neues, sieht man von den interessanten Ausführungen eines Hobby-Paläontologen ab.

Auch ein Versuch, im brasilianischen Mamirauá-See mit Sendern markierte Botos aufzuspüren misslingt. Zumindest treffen sie hier auf eine Gruppe Tiere, mit denen es zur Interaktion kommt: „Den gesamten Vormittag und am Nachmittag umgaben die Delfine unser Boot, eilten herbei wie um uns zu umarmen, schwammen weg, tauchten, kamen wieder, als ob sie mit uns flirten wollten.“ (Seite 204)

Endlich mit Delfinen schwimmen!

Nach diversen Stationen und Frustrationen bekommen Sy und Dianne den Tipp, die Botos in Klarwasser-Nebenflüssen des Amazonas zu beobachten. Also fliegen sie buchstäblich durchs Feuer an den Rio Arapiuns im brasilianischen Staat Para. Endlich haben sie die Gelegenheit, mit rosa Delfinen zu schwimmen! Ein paar allzu private Details hätte es aus meiner Sicht nicht gebraucht, aber Sys Begeisterung ist in jeder Zeile spürbar. Sie ist am Ziel ihrer Träume. Kein Wunder, dass sie bis zur Erschöpfung mit den Tieren schwimmt.

Dass sie kaum etwas über ihre Lebensumstände herausgefunden hat, nimmt die Autorin gelassen: „Die Botos haben mir schon so viel gezeigt: Sie brachten uns nach Manaus, dem unmöglichen Paris von Amazonien; sie brachten mich zum Zusammenfluss von Rio Negro und Solimoes. Die Botos lockten mich nach Tamshiyacu Tahuayo, nach Mamirauá und jetzt hierher zu diesen klaren Gewässern. Auf diesen vier Reisen ins Amazonasgebiet war ich ihnen immer gefolgt, wenn auch nicht auf die Art und Weise, wie ich es ursprünglich geplant hatte.“ (Seite 243)

Fotos wären schön gewesen

Die Informationen über die rosa Delfine sind hier weniger wissenschaftlicher als spiritueller Natur. Das war jetzt nicht so ganz mein Ding. Allerdings lernt und erfährt man hier allerhand Unerwartetes, und das ist dann auch okay. Ich fand es nur schade, dass die Bilder in dem Buch s/w-Illustrationen aus Bilddatenbanken sind. Wenn schon eine Fotografin mit auf der Expedition war, wär’s toll gewesen, wenn man auch Fotos hätte sehen können.

Die Autorin

Die Naturforscherin und Autorin Sy Montgomery wurde 1958 in Frankfurt am Main geboren, heute lebt sie mit ihrem Mann und zahlreichen Tieren in New Hampshire, USA. Sie hat über zwanzig Bücher und Kinderbücher geschrieben, unter anderem die internationalen Bestseller »Rendezvous mit einem Oktopus« und »Das glückliche Schwein«. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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