Karla Fabry: Schattenblau. Das Funkeln der Wellen. Band 3 der Fantasy-Saga

Karla Fabry: Schattenblau. Das Funkeln der Wellen. Band 3 der Fantasy-Saga, Ostfildern 2020, Independently published, Kindle: ASIN B08F91FDMX, Dateigröße: 3585 KB, EUR 4,99. Printausgabe folgt.

Abb.: (c) Karla Fabry

„Ihr war mulmig zumute. Denn sie wusste nicht, was das bedeutete und was sie nun tun sollte. Sie spürte nichts, das ihr einen Hinweis gab, nichts, das sie lenkte, ihr eine Vorstellung verschaffte, was zu tun sei, und wozu sie als Fünfte der Fünften fähig war. Oft hatte sie gedacht, dass diese Ganze – das Ritual, die Kristallhalle, die Wiedergeburt – bloß billiger Hokuspokus waren. (…) Und sie selbst war nichts als eine gewöhnliche Achtzehnjährige, die noch nicht einmal eine besondere Gabe besaß.“

Wie beschreibe ich am besten diese Fantasy-Welt, die so komplex ist, dass selbst deren eigene Götter zeitweise den Überblick darüber verlieren, was möglich ist und welche Konsequenzen das hat? Ein wenig werde ich auf die beiden vorangegangenen Bände Bezug nehmen müssen, sonst kommt hier keiner mit.

Komplette Schattenblau-Trilogie
Abb.: (c) Karla Fabry
Die komplette Reihe, ausgezeichnet mit dem Qindie-Siegel für qualitativ hochwertige Indie-Publikationen

Ein Familiengeheimnis kommt ans Licht

Wären die LeBons in den USA geblieben, hätten Lilli (18) und ihr Bruder Chris nie herausgefunden, dass ihre Familie mütterlicherseits genetisch aus etwas anderem besteht als aus gewöhnlichen Menschen. Es hat sie aber aus beruflichen Gründen in das andalusische Städtchen Calahonda verschlagen. Dort verliebt sich Lilli in ihren attraktiven Mitschüler Alex Valden. 

Suzanne LeBon erschrickt bis ins Mark, als sie den Freund ihrer Tochter zum ersten Mal sieht, denn Alex gehört zu einer Spezies, deren Existenz sie vor ihrer Familie mit aller Kraft geheim zu halten versucht. Er ist ein Mensch-Wasser-Amphibion, ein Thalassier. Sein Zuhause ist das Meer und er kann sich jederzeit in ein mordgieriges Ungeheuer verwandeln, ohne dies steuern zu können. Unter Umständen könnte er auch unsterblich werden. Als Mensch-Wasser-Amphibion ist er außerdem der historische Feind der Art, der Suzanne und ihre Vorfahren angehören: der Mensch-Land-Amphibien.

Hat man die Land-Amphibien-Gene, kann man sich – absichtlich oder unabsichtlich – in eine Art mannsgroßen Salamander verwandeln, so wie Eugene O’Grady, der junge Wirt der örtlichen Tapasbar. Das wäre alles faszinierend und spannend, wenn Lilli nicht durch ihre Beziehung zu Alex in ein Gewirr von uralten Machtkämpfen und Familienfehden hineingezogen würde.

Nur eine kann den Krieg beenden

Rex Fothergyll und Danya Baron, zwei Auserwählte (Unsterbliche) der Thalassier wechseln auf „die dunkle Seite der Macht“. Das Böse in ihnen bricht sich Bahn und sie bereiten einen großen Krieg vor, bei dem sich Menschen, Wasser- und Landamphibien gegenseitig bekämpfen und nur noch die übrigbleiben sollen, die stark und würdig genug sind, den neuen Herrschern als Untertanen zu dienen. Selbst nachdem Rex und Danya zur Besinnung kommen und von diesem Plan wieder abrücken, ist er nicht mehr zu stoppen. Ihre Anhänger machen einfach ohne sie weiter.

Nur eines kann dieses gigantische Blutvergießen noch verhindern: Die „Fünfte der fünften Tochter“ muss eingreifen. Nur sie hat die Macht, diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Und die „Fünfte der Fünften“ ist offenbar Lilli LeBon. Oder, besser gesagt, sie wird es sein, wenn sie erst einmal ihr Erweckungsritual durchlaufen hat. Das ist eine brutale Zeremonie, die ihr alles abverlangen wird. Sie muss unter Qualen sterben um als machtvolles Wesen wiedergeboren zu werden.

Was, wenn das nur ein Mythos ist?

Lilli hat allerdings Zweifel: Was, wenn sich die Thalassier irren? Wenn sie’s gar nicht ist? Wenn das alles nur Legenden sind? Es heißt doch, dass die Fünfte der Fünften unsterblich sei. Wenn es vor ihr schon andere gegeben hat, wo sind die jetzt? Selbst wenn das alles wahr ist: Wer kann ihr sagen, was sie nach ihrer Wiedergeburt tun muss? Sie hat ja keine Ahnung, über welche Fähigkeiten eine Fünfte der Fünften verfügt und wie man damit einen Krieg beenden kann. 

Was Lilli derzeit fast am meisten belastet: Diejenigen, die das Ritual leiten, werden es nicht überleben. Das wären in ihrem Fall ihr Onkel Seraphim Fothergyll und sein Bruder Rex. Fieberhaft forscht die thalassische Heilerin Stella in den alten Schriften der Amphibien nach einem Mittel, das den Tod der beiden Männer verhindern soll. Doch weder bei den Thalassiern noch bei den Land-Amphibien hat man je von einem Gegenmittel gehört. Nicht einmal Ronos, ein sehr alter Auserwählter, in dem viele einen Gott sehen, kann weiterhelfen. Überfordert ihn tatsächlich die Komplexität der überlieferten Regeln, oder steckt etwas anderes dahinter?

Nichts ist hier so wie es scheint

Nichts ist hier so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Suzanne LeBon hatte gute Gründe, ihr genetisches Erbe zu verschweigen! Die Bösen sind nicht unbedingt dauerhaft böse, doch auf Reue und Läuterung ist kein Verlass. Wer tot ist, muss es nicht bleiben. Selbst bei der Unsterblichkeit gibt’s Kleingedrucktes und die Auserwählten können unter bestimmten Voraussetzungen ihr ewiges Leben verlieren. Die alten Schriften sprechen in Rätseln und verwirren mehr als sie helfen. In so einer Welt sind auch Götter nicht automatisch allwissend und allmächtig. 

Unter diesen Umständen ist Lillis Skepsis angebracht. Natürlich versucht sie, sich bestmöglich auf das bevorstehende Ritual vorzubereiten. Doch die Zeit drängt. Die Gegner formieren sich bereits zur großen Schlacht, und Lillis Erweckung muss, genau wie Alex’ Diamantverwandlung – der letzte Schritt zur Unsterblichkeit –, zeitlich stark vorgezogen werden. Unzureichend präpariert und dazu noch zerstritten stellt sich das junge Paar seinen enormen Herausforderungen. 

Und dann hängt das Schicksal der ganzen Welt von einer jungen Frau ab, die mit der Situation vollkommen überfordert ist und mit dem Mut der Verzweiflung improvisieren muss …

Phantasievoll und doch bodenständig

Die Reihe ist schon ein Phänomen: romantische, komplexe, enorm phantasievolle Urban Fantasy – und doch so bodenständig! Die Auserwählten müssen nach dem ersten Schock erst langsam in ihre Rolle hineinwachsen – wenn man ihnen die Zeit dazu lässt. Sie merken jedoch schnell, dass man mit Superkräften auch Superprobleme bekommt. Wenn man seine Kräfte nicht richtig anwenden kann, zum Beispiel, wenn man sich von ihnen korrumpieren lässt oder wenn man auf einmal übermächtige Feinde hat, die einen bislang noch gar nicht auf dem Schirm hatten. 

So schön klingt, dass bei den Menschen-Amphibien die Lebenspartner auf ewig durch ein „Seelenband“ verbunden sind, es hat auch seine Schattenseiten: Der/die andere kriegt alles mit, was man denkt und fühlt. Es gibt überhaupt keine Privatsphäre und keine kleinen Geheimnisse mehr. Bei aller Liebe: Alles soll und muss der Partner/die Partnerin wirklich nicht wissen! Diese Erfahrung müssen auch Lilli und Alex machen. Außerdem lernen wir, dass selbst die Unsterblichkeit nicht das reine Vergnügen ist.

Superkräfte hin oder her – die Personen in dieser Reihe hadern mit ihrer Berufung und wehren sich dagegen. Manche wollen gar nichts Besonderes sein, sie möchten ein durchschnittliches, ruhiges Leben führen wie Lillis Mutter. Doch was sie auch veranstalten: Es gibt kein Entkommen.

Fantasy mit Grips

In diesem Buch gibt es nicht nonstop Action, obwohl es auch ordentlich rund geht, vor allem gegen Schluss. Es ist Fantasy mit Köpfchen: Es wird geforscht, interpretiert, hinterfragt, gezweifelt, diskutiert und überlegt. Es ist zudem eine sehr gründlich durchdachte Fantasy-Welt. Die Autorin hat für die Thalassier sogar eine Bestattungszeremonie ersonnen, die bei aller Exotik überaus berührend ist.

Wenn man alle drei Bände gelesen hat, ist man in dieser Romanwelt so zuhause, dass man höchst ungern wieder in die schnöde Realität auftaucht. Es ist schön, dass wir mit diesem Band nun erfahren, wie die Geschichte rund um die große Schlacht ausgeht, aber es ist schade, dass die faszinierende Reihe damit zu Ende ist.

Die Autorin

Karla Fabry, geboren 1970, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart. Nach dem abgeschlossenen Studium der Indologie und Philosophie in Heidelberg widmete sie sich der Reportage- und Kunstfotografie, bevor sie zur Arbeit mit dem Wort zurückkehrte und lange als Korrektorin und Texterin im Verlagswesen tätig war. Ihre Hobbys sind Fotografieren und digitale Fotokunst, Basteln und wenn noch Zeit bleibt, Kochrezepte erfinden. www.karla-fabry.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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