Susanne Braun mit Alexander Schwarz: Die Insel der wilden Träume. Mein Leben auf Island

Susanne Braun mit Alexander Schwarz: Die Insel der wilden Träume. Mein Leben auf Island, Berlin 2020, Eden Books – Ein Verlag der Edel Germany GmbH, ISBN 978-3-95910-284-1, Klappenbroschur,  268 Seiten, mit Farbfotos, Format:  13,6 x 3 x 20,9 cm, Buch: EUR 16,95, Kindle: EUR 12,99.

Abb.: (c) Edel Books

„Ich habe mich auf dieser verlassenen Insel im Nordatlantik als junge Frau durchgesetzt, mache, was ich schon immer machen wollte: als selbständige Tierärztin mit Pferden arbeiten. (…). Ich bereue keine meiner Entscheidungen auch nur eine Sekunde. Was hätte mir Besseres passieren können?“ (Seite 240/241)

Sollten je die Leute vom Fernsehen diese Geschichte in die Finger bekommen, machen sie bestimmt einen Wissenschafts-Thriller daraus: Deutsche Tierärztin entdeckt ein gefährliches Virus bei den Islandpferden und wird aus reiner Profitgier mit fiesen Methoden mundtot gemacht! Und wahrscheinlich dichten sie dem Partner der Heldin, der im Buch recht rätselhaft bleibt, auch noch eine wilde Vorgeschichte an. 

Eine ungewöhnliches Leben

Der Stoff gäbe diese Dramen her. Doch Dr. Susanne Braun aus Hamm, die 2005 nach Island ausgewandert ist, erzählt ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte in diesem Buch genauso sympathisch, cool und unaufgeregt wie sie es im September 2020 in der NDR-Fernsehsendung DAS! getan hat.

Durch mündliches Erzählen ist dieses Buch auch entstanden. Frau Dr. Braun hat es nicht selbst geschrieben, sondern ihre Erlebnisse und Eindrücke dem Autor Alexander Schwarz geschildert – mal persönlich, mal in Form von Sprachaufnahmen, die während ihrer langen Autofahrten über die Insel entstanden sind. Übertriebene Dramatik liegt dem Team Braun & Schwarz fern. Und so erhält die Episode über das Pferdevirus im Buch nicht mehr Gewicht als ein bemerkenswerter Tierarzt-Einsatz. Leser*innen, die einfach gerne gucken, wie andere Menschen leben, mögen das. Wer auf atemberaubende Spannung aus ist, ist hier falsch. Es ist ein ereignisreiches Leben, aber es ist kein Krimi.

Im Pferde- und im Islandfieber

Doch fangen wir vorne an: Niemand in Susanne Brauns Familie hat sich je für Pferde interessiert. Doch als der Großvater die vierjährige Susi auf ein Pony setzt, will sie gar nicht wieder runter. Das Reitfieber hat sie gepackt. Zu ihrem 12. Geburtstag bekommt sie ein eigenes Islandpferd. Fortan liest sie alles, was sie über diese Tiere und deren Heimat finden kann. Jetzt ist sie auch noch mit dem Islandfieber infiziert! 😉

Kurz nach dem Abitur besucht sie die Insel ihrer Träume zum ersten Mal und die Sehnsucht lässt sie danach nicht mehr los. Da lässt sie sich nicht zweimal bitten, als ihr 2004 der Tierarzt Björgvin anbietet, ein halbes Jahr in seiner Praxis in Island zu arbeiten. Susanne ist inzwischen Fachtierärztin für Pferde sowie Pferde-Chiropraktikerin und kennt Björgvin noch vom Studium in Hannover. Kurzentschlossen packt sie ihre Sachen und reist zu ihrem ehemaligen Kommilitonen.

Wird schon gut gehen!

Die Anreise ist abenteuerlich, aber die hilfsbereite, unkompliziert-pragmatische Art der Isländer gefällt Susanne. Was macht es da schon, das sie manchmal die Komplexität eines Vorhabens stark unterschätzen? Ach, um dies und das und jenes hätte man sich schon im Vorfeld kümmern müssen? Oh. Das ist jetzt aber blöd! – Dann zucken sie mit den Schultern und sagen: „Wird schon gut gehen!“. Und irgendwie tut’s das meistens auch.

Erst sind die Isländer ja skeptisch, was die ausländische Tierärztin angeht. Deutsche Pünktlichkeit, Gründlichkeit und Qualitätsprodukte kennen und schätzen sie zwar, aber was versteht die junge Frau von Islandpferden? Das ist ja wohl Sache der Isländer! Und Chiropraktik macht sie? Was ist denn das für ein neumodischer Kram? Doch als sie bemerkenswerte Erfolge erzielt, spricht sich das schnell herum. Island ist eben ein Land wie ein Dorf: Jeder kennt jeden und alle sind über 6 Ecken miteinander verwandt. Das ist praktisch, um sich einen Namen zu machen oder um Arbeit und eine Wohnung zu finden. Aber man kann sich in einem solchen Umfeld auch blitzschnell ins Aus schießen. 

Kampf gegen die Tierärzte-Vereinigung

Als Frau Dr. Braun sich mit der isländischen Tierärztevereinigung anlegt, helfen ihr weder ihre berufliche Reputation noch ihre Kontakte. Wie in einem amerikanischen Katastrophenfilm warnt sie vor den Folgen einer Viruserkrankung, die sich rasant unter den Pferden der Insel verbreitet. Sie will die Krankheit öffentlich machen und durch Quarantänemaßnahmen eindämmen. Doch die Isländer fürchten ums Geschäft und möchten die Sache lieber diskret unter den Teppich kehren. Und plötzlich hat die Deutsche alle gegen sich. Fast alle …

Und wie war das? Wollte sie ursprünglich nicht nur ein halbes Jahr in Island bleiben? 

Allen außer ihr war von Anfang an klar, dass sie nicht so schnell nach Deutschland zurückkehren würde, wenn überhaupt. Zwar fällt es ihr nicht leicht, ihre Freunde, Familie und Tiere in der alten Heimat zurückzulassen, aber jetzt sucht sie sich in der Nähe ihres Arbeitsplatzes ein Haus. Ewig will sie nicht zur Miete bei Una und Leifur in der Souterrainwohnung hausen. 

Ein interessantes Objekt ist schnell gefunden, und sogar die lokalen Trolle und Elfen seien damit einverstanden, dass sie dort einzieht, versichern ihr ihre isländischen Freunde. Na, wenn sie meinen! Aber ein Haus zu kaufen ist teuer. Ist das die richtige Entscheidung? Soll sie sich wirklich dauerhaft in Island niederlassen?

Bloß keine Fernbeziehung!

Und dann läuft ihr im Urlaub auf Juist auch noch ein Freund aus Kindertagen über den Weg und es funkt gewaltig. Ein deutscher Mann, auch das noch! Eine Fernbeziehung über zwei Länder hinweg kommt aber nicht in Frage. Wenn aus den beiden was werden soll, wird einer seine Lebensplanung ändern und seine Zelte abbrechen müssen …

Ich lasse mir gerne aus anderer Leute Leben berichten, vor allem, wenn dieses nicht so 0815 verläuft. Und was Susanne Braun in Island alles auf die Beine stellt, ist wirklich beachtlich! Das Buch geht aber übers Anekdotische nicht hinaus. Das mag daran liegen, dass die Geschichte über Bande gespielt wird: Susanne erzählt ihre Geschichte Alexander und der wiederum erzählt sie uns. Für ihre Erlebnisse als Tierärztin, Wettkampfrichterin, Pferdezüchterin und Mieterin ist das perfekt. Und auch für die Story vom Weihnachtsbuffet und dessen haarsträubendem Ende. 😉 Da muss man sich ja schon beim Lesen anschnallen!

Infos und Ankedoten

Die Liebesgeschichte bleibt allerdings ein bisschen mysteriös. Natürlich haben wir keinen Anspruch auf das Innenleben der Heldin und ich sehe auch ein, dass sie die Privatsphäre ihrer Angehörigen schützen muss. Manche Aktionen und Reaktionen sind jedoch unverständlich, wenn man die Hintergründe nicht kennt. Ist Susannes Kerl jetzt schüchtern, muffelig oder auf der Flucht? Egal. Das geht uns auch nicht wirklich was an. Ich habe das Buch wegen Island und der Pferde gelesen, und über beides erfährt man auf sehr unterhaltsame Weise eine ganze Menge. Das und die tollen Farbfotos lassen deutlich werden, was Susanne Braun an dem Land so fasziniert. Als Leser*in würde man am liebsten auch gleich losziehen. Den wichtigsten isländischen Glaubenssatz kennen wir ja jetzt: Wird schon gut gehen!

Die Autoren

Susanne Braun, 1972 geboren, wuchs in Hamm auf. Seit ihrer Kindheit begeistert sie sich für Islandpferde und macht sich schon mit 18 Jahren zum ersten Mal auf, die Insel zu besuchen. Schließlich zieht sie 2005 als frischgebackene Fachtierärztin für Pferde auf die Nordatlantikinsel und arbeitet seitdem dort zusätzlich als Pferdechiropraktikerin und betreuende Equipe-Tierärztin des isländischen und deutschen Teams bei Weltmeisterschaften.

Alexander Schwarz (*1964), geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Pforzheim, Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft, Mediävistik, Linguistik und Politikwissenschaften in Freiburg i. Brsg. und Utrecht, Niederlande. Arbeitete als Redakteur, gründete zusammen mit Sabine Burger, den Online-Reiseführer www.inreykjavik.is. Außerdem ist er als Literaturagent und Autor tätig und. Reist viel und gerne und lebt in Island und den Niederlanden.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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