Marc Voltenauer: Das Licht in dir ist Dunkelheit. Kriminalroman

Marc Voltenauer: Das Licht in dir ist Dunkelheit. Kriminalroman, OT: Le Dragon du Muveran, aus dem Französischen von Franziska Weyer, Köln 2021, ISBN: 978-3-74081-153-2, Klappenbroschur, 448 Seiten, Buch: EUR 18,00 (D), EUR 18,50 (A), Kindle: EUR 14,90.

Abb.: (c) Emons-Verlag

„Die Lösung liegt in der Vergangenheit. (…) Maurice Fournier und die Pfarrerin Erica Ferraud wissen mehr darüber, als sie uns sagen wollen. Ich bin überzeugt, dass sie die Identität des Mörders kennen. Momentan rücken sie aber nicht mit der Sprache heraus.“ (Seite 355)

Ein Toter in der Kirche

Vor einem halben Jahr erst haben sich Kriminaloberkommissar Andreas Auer (39) und sein langjähriger Lebensgefährte, der Journalist Mikael Achard (35) ein Chalet in dem waadtländischen Bergdorf Gryon gekauft. Doch die ländliche Idylle währt nicht lange. Jetzt liegt ein Toter in der Kirche – verstümmelt, erstochen und drapiert wie Jesus am Kreuz. 

Die Pfarrerin hat ihn gefunden. Weil es ein kleiner Ort ist, kennt sie ihn natürlich: Es ist ihr ehemaliger Schulkamerad, der Immobilienmakler Alain Gautier. Wohlwollende Menschen bezeichnen ihn als Filou, andere werden deutlicher: Er war ein verantwortungsloser Kerl mit einem Hang zu zwielichtigen Geschäften und blutjungen Mädchen. Doch die Tat geht wahrscheinlich nicht auf das Konto eines übervorteilten Geschäftspartners oder eines wütenden Vaters oder Freundes. Der Täter hat Bibelsprüche am Tatort hinterlassen, die darauf hindeuten, dass dies ein lange geplanter Racheakt war – und dass er sich für ein Werkzeug Gottes hält.

Kommissar Auer und seine Kolleg*innen beißen bei ihren Ermittlungen auf Granit. Die Dorfbewohner erzählen einfach nichts. Dabei liegt es auf der Hand, dass ein weit zurückliegendes Ereignis hier am Ort der Auslöser für diese Tat war.

Bibelsprüche und schweigsame Dörfler

Viel Zeit geht ins Land mit den Interpretationsversuchen der Bibelzitate, die bei dem Toten gefunden wurden. Der Lebensgefährte des Kommissars hat mal Theologie studiert und recherchiert gerne inoffiziell mit, wenn sein Partner einen besonders spannenden Fall hat. Plötzlich haben sie einen Verdächtigen: den Gemeinderat und Bauunternehmer Maurice Fournier, einen Jugendfreund und Geschäftspartner des Opfers. Er hat zwar kein zwingendes Motiv, aber so viele Spuren hinterlassen, dass eine Verhaftung unumgänglich scheint.

Der Kommissar glaubt jedoch nicht an Fourniers Täterschaft. Das Vorgehen passt nicht zu ihm und er wäre schlau genug, die Spuren zu beseitigen. Offenbar will ihm einer die Tat anhängen. Aber wer? Was verbindet das Opfer und den Verdächtigen in einer Weise, dass ihnen jemand so etwas antun wollte? Und was weiß und verschweigt die Pfarrerin Erica Ferraud?

Die Gedanken eines Mörders

Wir Leser*innen wissen auch nicht wesentlich mehr als die ermittelnden Beamten. Wir bekommen nur – kursiv gesetzt und in die Handlung eingestreut – die Gedanken eines „Mannes, der kein Mörder ist“ mit. Nach und nach teilt er seine traumatischen Erinnerungen mit uns, doch wissen wir nicht, wer er ist. Auch wenn wir sein abscheuliches Tun natürlich nicht gutheißen – nachvollziehen können wir es. Im Lauf seiner prägenden Jahre haben eine ganze Menge Leute komplett versagt.

Wären die Dorfbewohner von Anfang an der Polizei gegenüber offener gewesen, hätte man dem Täter viel früher das Handwerk legen können. So kommt es in dem kleinen Ort zu weiteren Morden nach demselben Muster. Und trotzdem redet niemand. Nicht einmal aus Angst, eventuell der nächste auf der Liste sein zu können.

Inzwischen ist einigermaßen klar, dass das Tatmotiv seine Wurzeln in einem Vorfall aus den 1970er-Jahren hat. Doch warum hat der Täter so lange mit seinem Rachefeldzug gewartet? Je mehr die Polizei herausfindet, desto ungeheuerlicher wird der Fall. Und eine böse Pointe hat er auch …

Stadt-Methoden auf dem Dorf?

Ich habe mich allerdings gefragt, ob die „Großstadtmethoden“ der Polizei auf dem Dorf nicht fehl am Platz sind. Wenn schon die ehemaligen Schulkameraden nicht auspacken wollen, gibt’s denn in dem Ort keine älteren Leute, die sich noch an die 70er-Jahre erinnern können? Keine Wichtigtuer, Dorftratschen oder anonyme Tippgeber? Auch keine Außenseiter, Zu- oder Weggezogene, die nicht diese starke Loyalität verspüren und der Polizei vielleicht erzählen könnten, was damals vorgefallen ist? Der Ort hat 1.300 Einwohner, da weiß doch jeder alles über jeden! 

Wenn schon ein Journalist mitermittelt, warum kommt er dann nicht auf die Idee, mal ins Archiv der Regionalpresse zu sehen? Da wäre vielleicht ein passendes Ereignis zu finden gewesen. Und ist in so einem Fall nicht auch eine genetische Reihenuntersuchung denkbar? Eine DNA-Spur gibt es, und einen überschaubaren Kreis von Verdächtigen gibt es auch.

Spät erst fällt einem der Beteiligten eine Verwandte in, die in den 70er-Jahren in Gryon gelebt hat und vielleicht etwas wissen könnte …

Aufgrund meiner Vorliebe für Namen hatte ich mich nach ungefähr 100 Seiten auf einen Verdächtigen festgelegt, doch wie alles zusammenhängt, wusste ich auch nicht früher als der Kommissar. 

Spannend und nicht allzu blutig

Die Story ist packend, auch wenn ich sonst kein Fan bin von Geschichten über verstümmelnde Serienkiller. Hier sind die grausigen Taten zum Glück nicht blutrünstig bis ins Detail ausgewalzt. Sie sind vor allem kein Selbstzweck. Im Kopf des Täters ergeben sie durchaus Sinn. Es ist erschreckend, wie schnell man sich als Leser*in in die Gedankenwelt eines Mörders einarbeitet.

In der Schweiz gibt’s schon einen zweiten Band mit Kommissar Auer als Hauptfigur. Auch wenn der Mann nicht so beschrieben ist, dass man ihn mögen muss – ein bisschen arrogant und narzisstisch ist er ja schon – würde mich sein nächster Fall interessieren. Emons-Verlag, wie schaut’s denn da aus? 

Ein bisschen weniger Religion …

Ein bisschen weniger Religion und ein bisschen weniger „ach, was sind wir doch gebildet, wohlhabend und kultiviert“ dürfte es aber schon sein. Das ging mir streckenweise auf die Nerven. Da hätte ich lieber mehr über „Minus“ gelesen, den riesigen Bernhardiner des Kommissars. Und ein Personenverzeichnis wäre nett für den Fall, dass wieder so viele Leute herumwuseln, deren Nachnamen gefühlt alle auf –ier enden. 😉

Der Autor

Marc Voltenauer, geboren 1973 in Genf, studierte zunächst Theologie und arbeitete dann im Bankwesen und in der Pharmaindustrie. Seine Romane gewannen in der Schweiz renommierte Literaturpreise. Er lebt mit seinem Partner in dem kleinen Dorf Gryon in den Waadtländer Alpen, das ihm als Inspiration für seine Romane dient. www.marcvoltenauer.com (Internetseite auf Französisch).

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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