Vashti Hardy: Das Wolkenschiff. Die Legende vom Feuervogel, Band 2 der Wolkenschiff-Reihe (ab 10 J.)

Vashti Hardy: Das Wolkenschiff. Die Legende vom Feuervogel (ab 10 J.), Band 2 der Wolkenschiff-Reihe, OT: Darkwhispers. A Brightstorm-Adventure, aus dem Englischen von Doris Attwood, München 2021, Ars Edition, ISBN 978-3-8458-4273-8, Hardcover, 377 Seiten, Format: 15,2 x 3,4 x 22 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 13,99.

Abb.: © Ars Edition

„Octavie nickte und zeigte den Zwillingen ihr Handgelenk mit der Vogeltätowierung der Culpfeffers. Alle Entdeckerfamilien trugen ihr Familienwappen mit Stolz. (…) Als sie die Kanne anhob, fielen Arthur noch weitere Tätowierungen auf Octavies Handgelenk auf. Er erkannte mehrere Dreiecke und … ihr Ärmel rutschte nach unten, als sie die Kanne wieder abstellte.“ (Seite 38/39)

Wow, hat diese Frau eine Phantasie! Schon der erste Band, DAS WOLKENSCHIFF. AUFBRUCH NACH SÜDPOLARIS war eine packende und temporeiche Mischung aus Steampunk und Fantasy-Abenteuer mit sympathischen Helden. Dieses Mal gibt’s noch mehr exotische Welten, seltsame Viecher, faszinierende Kulturen und überraschende Wendungen.

Im Mittelpunkt stehen erneut die verwaisten Zwillinge Arthur und Marie Brightstorm, 13, aus Lontown. In der jungen Wolkenschiff-Kapitänin Harriet Culpfeffer und deren Freunden haben sie eine Ersatzfamilie gefunden, nachdem sie ihr Elternhaus und ihren gesamten Privatbesitz durch betrügerische Machenschaften verloren hatten.

Rettungsmission auf den Östlichen Inseln

Jetzt steht wieder eine Expedition der Lontowner Entdecker*innen bevor, initiiert von Eudora Vane, der Erzfeindin (und Tante!) der Zwillinge. Eine ganze Flotte von Wolkenschiffen macht sich reisefertig. Und natürlich wird die Culpfeffer-Crew mit der „Aurora“ auch dabei sein. Ziel sind die bislang mäßig erforschten Östlichen Inseln. Dort wird der Entdecker Everest Wrigglesworth vermisst, den man zu finden hofft.

Doch Arthur und Marie trauen ihrer Tante nicht über den Weg. Eudora Vane macht niemals etwas aus reiner Menschenfreundlichkeit. Wegen eines schrulligen alten Herrn rüstet sie ganz sicher keine Expedition aus. Dort im Osten muss etwas Lukratives zu holen sein! 

Was verschweigt Tante Octavie?

Harriet Culpfeffers Großtante Octavie scheint zu ahnen, was Eudora im Osten will, aber sie rückt nicht mit der Sprache raus. Stattdessen gibt sie den Zwillingen ohne weitere Erklärung einen Goldring mit fremdartigen Gravuren mit. Seltsam … Und das ist erst der Anfang.

Im Zielgebiet angelangt, bekommt jede Entdeckerfamilie eine Insel zugeteilt, auf der sie nach dem Vermissten suchen sollen. Die Leute von der „Aurora“ verschlägt’s natürlich an den Allerwertesten der Welt, in einen undurchdringlichen Dschungel, in dem die Chancen, den verschollenen Entdecker zu finden, gleich Null sind. Dafür hat Eudora schon gesorgt. Und doch … einige gefährliche Begegnungen mit sonderbaren Kreaturen und misstrauischen Einheimischen später sieht es ganz so aus, als habe Wrigglesworths Reise genau hier ihr Ende genommen. Also Mission erfüllt, zurück nach Hause? Nein, so einfach läuft das für die Brightstorm-Zwillinge nie!

Die Zwillinge auf sich gestellt

Durch, sagen wir mal, unvorhergesehene Ereignisse, wird die Culpfeffer-Crew von ihrem Wolkenschiff getrennt und in alle Winde zerstreut. Die Zwillinge sind zum ersten Mal in ihrem Leben getrennt und müssen sich ohne die Hilfe des anderen durchschlagen. Die pragmatische Marie ist mutterseelenallein auf der Insel unterwegs und ihr fehlt ihr impulsiver Bruder. In dieser Umgebung überlebt man nicht lange, wenn man sich nicht auskennt und keinen hat, der einem hilft.

Den leicht verpeilten Arthur hat’s womöglich noch übler erwischt. Er ist durch eine Verkettung unglücklicher Umstände als blinder Passagier mit seinen Erzfeinden unterwegs. Jetzt weiß er zwar, dass Eudora Vane einer ganz großen Sache auf der Spur ist, aber was nützt ihm das, wenn er permanent um sein Leben fürchten muss? Er hat zu allem Übel ja noch ein körperliches Handicap, das ihm Flucht und Kampf deutlich erschweren: Ihm fehlt von Geburt an ein Arm.

Wer sind hier „die Wilden“?

Jetzt würde ich am liebsten ausführlich von den fremden Zivilisationen, den technischen Wunderwerken und der unglaublichen Tierwelt (Wasserbären! Wilde Streifer! Nachtflüsterer!) schwärmen, denen die Helden auf dieser Expedition begegnen, aber ich fürchte, damit würde ich mehr als nötig spoilern.  So viel sei gesagt: Das Gefühl der Überlegenheit, das Entdecker gegenüber den Kulturen zur Schau stellen, die sie entdeckt haben, ist selten angebracht. In dieser Geschichte muss man sich nicht einmal fragen, wer hier eigentlich „die Wilden“ sind. Das liegt auf der Hand.

Wer den ersten Band der Reihe kennt, kann sich ausrechnen, dass Eudora Vane mit ihren Leuten wieder einen ungeheuerlichen Plan verfolgt und dabei gnadenlos über Leichen geht. Doch so naiv, wie sie meint, sind die Ureinwohner nicht. Sie wissen sogar recht gut über die Vorgänge in Lontown Bescheid. Wie das zugeht, ist erstaunlich. Ich war jedenfalls überrascht. Im Universum der Wolkenschiff-Geschichten ergibt das aber Sinn und man hätte vielleicht sogar darauf kommen können …

Mehr als die Frage, ob die großen Geheimnisse wirklich auf Dauer geheim bleiben können, interessiert die Leser*innen vermutlich, ob die versprengten Entdecker wieder zusammentreffen und ob sie alle heil nach Hause kommen. Und ob Eudora Vane endlich mal das kriegt, was sie durch ihre üblen Machenschaften längst verdient hat.

Kluge, starke und gemeine Frauen

Auch für diesen Band gilt: Es gibt starke, kluge und erfolgreiche Frauen und Mädchen. Schurkinnen allerdings auch. Wenn Frauen nahezu alles können, was Männer können, gehört Gemeinsein natürlich auch dazu.

Ich denke, man sollte den ersten Band der Reihe gelesen haben, ehe man sich diesen hier vornimmt. Die Geschichte baut stark auf AUFBRUCH NACH SÜDPOLARIS auf. Und wenn man die Romanhelden schon von Anfang an begleitet, weiß man auch mehr zu schätzen, wie hier ihre Vorgeschichte beleuchtet wird.

Hoffentlich gibt’s bald Band 3!

Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, aber ich könnte mir vorstellen, dass noch mindestens ein Band kommt. Die verfahrene Familiengeschichte der Brightstorms und Vanes sollte doch zu einem befriedigenden Abschluss kommen. Die Tante der Zwillinge hat derart viel auf dem Kerbholz, dass ich sie nicht so ohne weiteres davonkommen lassen möchte. Ich bin nicht rachsüchtig, aber auch nicht so nachsichtig wie die Zwillinge. Ich finde, es wäre keine gute Botschaft für ein Kinderbuch, wenn das Fazit hieße: „Sei fies und gemein. Wenn du dich schlau genug anstellst, kommst du damit durch.“ Nein, so darf diese Reihe einfach nicht enden!

Jetzt hoffe ich also, dass Vashti Hardy fleißig am dritten Band der Reihe schreibt. Ich möchte auf jeden Fall mit dabei sein, wenn die „Aurora“ zu ihrem nächsten Abenteuer aufbricht.

Abb.: (c) www.vashtihardy.com

Die Autorin

Bevor Vashti Hardy Schriftstellerin wurde, arbeitete sie mehrere Jahre als Grundschullehrerin. Schon damals hat sie mit ihren Schulkindern am liebsten fantastische Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Später machte sie einen Abschluss in Kreativem Schreiben an der University of Chichester und arbeitete anschließend als Marketingleiterin. „Das Wolkenschiff“ ist ihr erster Roman. In England wurde das Buch von der Bookseller Association als „Book of the Season Spring 2018“ ausgezeichnet und stand außerdem auf der Shortlist des Waterstone’s Children’s Book of the Year Prize. Vashti ist Mitglied der „Golden Egg Academy“ (einer Vereinigung britischer Schriftsteller) und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Brighton in Sussex. https://www.vashtihardy.com

Die Übersetzerin

Doris Attwood ist Diplom-Übersetzerin. Nach ausgedehnten Reisen durch Neuseeland und Kanada arbeitet sie nun seit vielen Jahren als freiberufliche Übersetzerin. Am liebsten übersetzt sie Kinder- und Jugendbücher, aber auch Filmuntertitel und Drehbücher, Fantasy-Romane und Reiseführer.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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