Dr. Michaela Muthig: Und morgen fliege ich auf. Vom Gefühl, den Erfolg nicht verdient zu haben

Dr. Michaela Muthig: Und morgen fliege ich auf. Vom Gefühl, den Erfolg nicht verdient zu haben, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26292-7, Klappenbroschur, 235 Seiten, Format: 13 x 2,1 x 20,7 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle: EUR 14,99.

Abb.: (c) dtv

Das Impostor-Syndrom erkennen und überwinden

„[Wir nehmen] uns selbst und unsere Leistungen oft als ganz klein und unbedeutend wahr, unsere Fehler und Schwächen dagegen als riesengroß. (…) Kein Wunder, dass wir uns im Lauf der Zeit immer weniger zutrauen. Egal, was wir tun, wir fühlen uns dabei unzureichend. Selbst wenn wir für besondere Leistungen ausgezeichnet (…) werden, denken wir, dass (…) uns die Anerkennung (…) gar nicht zusteht. Wir fürchten uns davor, als Betrüger enttarnt zu werden. Dann werden alle merken, wie unfähig wir in Wirklichkeit sind.“ (Seite 13)

Kennt ihr das, was die Autorin hier beschreibt? Ich ja! Oft bin ich froh, wenn mich Fragen per E-Mail und nicht in einem (Telefon-)Gespräch erreichen. Dann habe ich nämlich Zeit, mir eine schlaue Antwort zu überlegen, muss nicht hilflos herumstottern, und niemand merkt, dass ich für das Problem spontan keine „Erwachsenen-Lösung“ parat gehabt hätte. 

Noch heute, mit 60, habe ich manchmal das Gefühl, die Erwachsene nur zu spielen. Gut, im Job ist es fast schon egal, da bin ich auf der Zielgeraden. Und da habe ich im Lauf der Jahrzehnte auch Routine und Strategien entwickelt, um meine Unzulänglichkeiten nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. 

Hilfe! Ich koche nur mit Wasser!

In jüngeren Jahren hatte ich damit mehr Schwierigkeiten. „Bald werden alle merken, dass ich nur mit Wasser koche“, habe ich mal anlässlich eines Jobwechsels zu meinem Vater gesagt. Er meinte nur: „Machen doch alle.“ – Ich war verblüfft. Einerseits ist ja beruhigend, dass man damit nicht alleine ist. Andererseits: Wenn alle nur so tun, als hätten sie Ahnung von ihrer Arbeit, wohin führen uns dann Chefs und Politiker (m/w/d)?

Ganz so ist es zum Glück nicht! Da draußen sind nicht nicht nur Hochstapler und Fakes unterwegs! Es sind Menschen, die nicht perfekt sind. Sie haben Stärken, Schwächen, Wissenslücken – und nicht auf alles sofort die richtige Antwort. Der Laden läuft trotzdem einigermaßen. Also: Warum sollten wir uns verrückt machen, nur weil wir nicht Superman/Superwoman sind?

Irgendwann habe ich erfahren, dass man es „Impostor-Syndrom“ nennt, wenn jemand glaubt, seine Kompetenz nur vorzutäuschen, dass das recht verbreitet ist und dass es zu einem massiven Problem werden kann. Entweder, weil einen der Erfolgsdruck regelrecht lähmt oder weil man vor lauter Perfektionismus und Über-Vorbereitung bei der Arbeit kein Ende mehr findet.

Wenn Erfolg die Ängste verschlimmert

Hat man Erfolg und wird gelobt, bessern sich die Versagensängste nicht etwa. Sie verschlimmern sich. Der Betroffene denkt nämlich, dass er beim nächsten Mal sicher nicht mehr so viel Glück haben wird. Dann wird er sich blamieren und alle werden sehen, dass er gar nichts kann. Sogar Spitzenverdiener und preisgekrönte Stars kennen das.

Wie kommt’s, dass wir uns selbst in einem Zerrspiegel sehen? Und wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus? Egal, zu welchem Subtypus wir gehören („Naturtalent“, „Perfektionist“, „Superheld“, „Experte“, „“Einzelgänger“ oder einer Mischform): Schuld sind Programme aus unserer Kindheit. Aber wir sind jetzt nicht mehr fünf, neun oder elf Jahre alt. Wir sind erwachsen, können Sachverhalte reflektieren, uns gegebenenfalls Hilfe suchen und die alten Programme mit neuen Inhalten überschreiben.

Prägungen aufspüren und bearbeiten

„Sie haben die damaligen Erlebnisse noch nicht vollständig aufgearbeitet. Ihre kindlichen Prägungen sind daher noch aktiv und wirbeln Ihre Gefühlswelt immer wieder durcheinander. Lassen Sie uns also diese unguten Prägungen aufspüren und bearbeiten.“ (Seite 197)

Leicht ist das nicht, denn das Problem ist vielschichtig. Es hat mit Wahrnehmung, Bewertung, unseren Gefühlen und unserem Verhalten zu tun. Die Autorin – selbst Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie – macht uns da nichts vor: Eine Veränderung altgewohnter Denk- und Verhaltensmuster gelingt nicht von heute auf morgen. Das dauert. Und wenn man nachlässig wird, schleifen sich alte Verhaltensweisen ruckzuck wieder ein.

Mit Übungen, Tipps und Fallbeispielen

Dieses Buch bietet nicht nur theoretische Ausführungen, sondern auch klare Handlungsanweisungen, praktische Tipps und Übungen. Und weil Fallbeispiele ein Sachbuch bzw. einen Ratgeber lebendiger, konkreter und persönlicher machen, dürfen wir zwei Menschen auf ihrem Weg aus der Impostor-Falle begleiten: Oliver, der schreckensstarr vor jeder neuen Herausforderung sitzt und die perfektionistische Marla, die viel mehr Zeit und Energie für ihre Arbeit aufwendet als eigentlich nötig wäre, weil sie auf gar keinen Fall bei einem Fehler ertappt werden will.

Wir erleben mit, wie die beiden den Ursachen ihrer Probleme auf die Spur kommen und nach und nach lernen, ihr Denken und Handeln zu verändern. Selbst wenn es fiktive Personen sind, die die Autorin aus typischen Fällen konstruiert hat, hat man das Gefühl: Wenn die zwei das hinkriegen, ist es auch zu schaffen!

Erlerntes Verhalten kann man ändern

Für „leichte Fälle“ und um sich mit dem Thema vertraut zu machen, halte ich das Buch für geeignet. Ich habe so manche Erkenntnis dazugewonnen und mir vieles in Erinnerung rufen können, was ich vor Jahrzehnten im Rahmen einer Verhaltenstherapie gelernt habe. Es stimmt schon: Verhalten, dass man irgendwann gelernt hat, kann man auch verändern. Das ist allerdings mühsam und langwierig.

Manchmal muss ein Profi ran

Die Übungen in dem Buch habe ich nur oberflächlich absolviert. (Am Themenkreis „Selbstwertgefühl“ war ich ja schon mal mit professioneller Hilfe dran). Wenn man die Fragen und Übungen gewissenhaft abarbeitet, kann man durchaus aufschlussreiche und nützliche Zusammenhänge erkennen. 

Ich hoffe nur, dass jeder Nutzer des Buchs spürt, wann er/sie mit einer „Eigentherapie“ per Sachbuch an seine Grenzen stößt. Ich weiß, ich sage das bei jedem psychologischen Ratgeber, aber ist mir eben wichtig: Rührt man beim Wühlen in der Vergangenheit unversehens traumatische Ereignisse auf, gehört die Sache nicht länger in Laienhände. Ich hätte schon den „Fallbeispiel-Oliver“ ungern ohne sachkundige Begleitung wursteln lassen. Wenn Menschen mit einer Vorgeschichte dieser Art den Weg zu einem Therapeuten/einer Therapeutin finden und nicht dauerhaft alleine herumdoktern, bin ich beruhigt.

Die Autorin

Dr. Michaela Muthig, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, war Oberärztin an der Universitätsklinik Tübingen. Sie bietet Online-Coaching und Kurse an.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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