Paul Grote: Ein Weingut für sein Schweigen. Kriminalroman

Paul Grote: Ein Weingut für sein Schweigen. Kriminalroman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21953-2, Klappenbroschur mit Landkarte, 381 Seiten, Format: 12,2 x 3,4 x 18,9 cm, Buch: EUR 12,95 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 10,99.

Cover "Ein Weingut für sein Schweigen"
Abb.: (c) dtv

Rico Schmidt starrte böse vor sich hin. „Und als ich in Kassel war und die Mauer fiel, da meinte ein Bekannter, Republikflüchtling wie ich, dass jetzt all die in den Westen kommen, vor denen wir abgehauen sind. Die geistern hier wieder rum, ihre Seilschaften, ihre Kinder, im alten Geist erzogen, und genau deshalb helfe ich dir.“ (Seite 264)

Wenn man Paul Grotes Weinkrimis lange genug verfolgt, kann man immer mal wieder alte Bekannte treffen. Helden früherer Bände tauchen als Nebenfiguren auf oder erscheinen als Protagonisten einer ganz neuen Geschichte. Manche sind unterhaltsam wegen ihrer vertrauten Macken, andere machen eine Entwicklung durch wie der Held dieses Kriminalromans.

Einst Sicherheitsmann, jetzt Winzer

Georg Hellberger, Mitte/Ende 40 hatte ich als nervigen Jammerlappen in Erinnerung, der ständig über seine Ex-Ehefrau und die gemeinsamen Kinder herzog (Paul Grote: TÖDLICHER STEILHANG). Hallo? An Partnerwahl und Erziehung war er ja nicht gänzlich unbeteiligt! Ich fand das ganz furchtbar. Jetzt, 8 Jahre später, ist von dieser Wehleidigkeit keine Spur mehr. Hellberger ist in zweiter Ehe mit der Moselwinzerin Susanne Berthold verheiratet, betrachtet ihre Kinder auch als die seinen und trauert seinem früheren Beruf als Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma nicht im Geringsten hinterher. Jetzt macht er Wein. Um fremder Leute Probleme sollen sich andere kümmern.

Doch so ganz kriegt Hellberger das professionelle Interesse an undurchsichtigen Machenschaften nicht aus dem System. Als der Dortmunder Geschäftsmann Alexander Semmering bei ihm im Büro auftaucht und ihn damit beauftragt, die Besitzverhältnisse eines Weinguts in Sachsen zu klären, siegt bei ihm nach anfänglichem Zögern die Neugier über die Vernunft.

Mysteriöse Vorgänge in Sachsen

Das fragliche Gut hat bis 1945 Semmerings Familie gehört, dann wurden sie enteignet. Seine Großeltern verschwanden damals unter fragwürdigen Umständen, und als der Enkel jetzt versucht, das Gut zurückzukaufen, hält man ihn hin. Irgendwas stimmt da nicht! Hellberger soll für ihn herausfinden, was los ist. Niemand wird Verdacht schöpfen, wenn ein Winzer aus einer anderen Region sich für sächsische Weine interessiert, dafür ein paar namhafte Weingüter besichtigt und dabei auch beim Weingut Studt – wie das ehemalige Semmering-Anwesen jetzt heißt – vorbeischaut.

Als ehemaliger Sicherheitsfachmann wird Hellberger ja wissen, wem er welche Fragen stellen muss, hofft Alexander Semmering, lässt dem verdutzten Winzer ein großzügiges Honorar zukommen und taucht unter. Das kommt Hellberger und seiner Familie jetzt doch seltsam vor. Kurz erwägen sie, das Geld zurückzugeben und von den Nachforschungen Abstand zu nehmen, doch diese Anwandlung geht schnell vorbei. Hellberger und sein Stiefsohn Kilian Berthold (16) packen ihre Sachen und fahren nach Sachsen.

Schlecht vorbereitet in die Schlacht

Das Problem ist, dass Hellberger keine Ahnung hat, worauf er sich da einlässt. Klar, mit randalierenden Konzertbesuchern und kleinen bis mittelgroßen Ganoven wird er fertig, aber das hier ist eine ganz andere Nummer. Schon auf der Hinfahrt haben Vater und Sohn ein paar Leute an der Backe, die verdächtig nach Mitarbeitern eines Nachrichtendiensts aussehen. Da hat der ehemalige Sicherheitsexperte wohl ein bisschen mehr abgebissen als er kauen kann! Langsam dämmert ihm, dass er für diese Aktion schlecht vorbereitet ist. Als die Mauer fiel, war er noch ein Teenager. Von den Vorgängen in der DDR weiß er nur das, was man als durchschnittlich interessierter Mensch aus den Medien aufschnappt. Und das ist kein guter Ausgangspunkt, wenn man plant, seine Nase in einen politischen Fall zu stecken – und wenn man es nicht mit Kleinkriminellen, sondern mit ausgebufften Profis zu tun bekommt.

Die Sache läuft aus dem Ruder

Nur gut, dass er Richard „Rico“ Schmidt, einen Architekten im Ruhestand, an seiner Seite hat. Schmidts Enkelin ist mit Hellbergers Sohn befreundet, daher rührt der Kontakt. Schmidt hat die meiste Zeit seines Lebens in Sachsen verbracht. Er kann so manches Ereignis richtig einordnen und ist obendrein gut vernetzt. Doch dann läuft die Sache mächtig aus dem Ruder und Georg Hellberger wünscht sich, diesen Auftrag niemals angenommen zu haben. Hier können ihn nicht einmal mehr seine eilends herbeigerufenen Biker-Freunde Pepe, Ritze und Keule raushauen …

Jetzt, da Hellberger sich nicht mehr ständig selbst bemitleidet, ist er gar kein übler Kerl. Nun ist er ein typischer Paul-Grote-Held geworden: unerbittlich auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, ständig im Clinch mit den Autoritäten und häufig die eigenen Fähigkeiten überschätzend. Er stürzt sich in den Kampf ohne zu wissen, über welche Mittel die Gegner verfügen und wie weit sie zu gehen bereit sind.

Reale Weingüter, fiktiver Fall

Ich gestehe, dass ich gegen Schluss, als es wirklich um Leben und Tod ging, die Ausführungen zu den sächsischen Weinen nur noch überflogen habe. Da war’s eben schon mehr ein packender Politkrimi als ein Regionalkrimi mit Informationen über die Weine der Gegend. Zu Anfang, als Vater und Sohn sich in die Materie einarbeiten und die Weingutbesuche als Legende verwenden, habe ich tatsächlich noch gegoogelt, ob ich mir die beschriebenen Gebäude richtig vorgestellt habe, wie die Plastiken der Künstlerin Małgorzata Chodakowska aussehen und ob der eine Winzer tatsächlich Ähnlichkeit mit einem bekannten deutschen Komiker hat (hihi – ja!). Paul Grote erfindet die Weingüter, Weine und Winzer ja nicht, die er hier beschreibt. Die, die auf der Landkarte eingezeichnet sind und in seiner Danksagung erwähnt werden, tauchen auch im Krimi auf.

Bitte mehr von den Bikern!

Ich bin, was die DDR angeht, vielleicht nicht ganz so schimmerlos wie der Held, doch als Wessi wage ich nicht zu beurteilen, wie realistisch das Szenario wirklich ist, das der Autor hier schildert. Auf jeden Fall ist die Geschichte spannend. Schade, dass Hellbergers Biker-Kumpels erst gegen Schluss ihren Auftritt haben. Die finde ich klasse, aber sie verstehen eben nicht viel vom Wein. Dafür haben sie umso mehr Ahnung von Motorrädern. Ich hätte so gerne Theo Wagners Gesicht gesehen, als die Jungs mit seiner Maschine fertig waren …

Netterweise gibt’s am Anfang des Buchs ein Personenverzeichnis. So viele Figuren, dass man als Leser:in verwirrt werden könnte, treten zwar gar nicht in Erscheinung, aber ich schätze das als angenehmen Service.

Der Autor

Als Reporter in Südamerika entdeckte Paul Grote, Jahrgang 1946, sein Interesse für Wein und Weinbau. Seitdem hat er die wichtigsten europäischen Weinbaugebiete bereist und jedes Jahr einen neuen Krimi veröffentlicht.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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