Heike Abidi: Für Glück ist es nie zu spät. Roman

Heike Abidi: Für Glück ist es nie zu spät. Roman, München 2021, Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-10553-4, Softcover, 347 Seiten, Format: 12,1 x 3,2 x 18,5 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 8,99.

Abb.: (c) Penguin-Verlag

„Es hat Zeiten gegeben, in denen ich das Leben für planbar hielt. Und in denen ich Menschen, die einfach alles auf sich zukommen ließen, belächelt habe. Ein bisschen auch dich. Ach, Ines, ich war damals so doof. Und du so weise …“ (Seite 264)

Als Johanna Landgraf noch ein kleines Mädchen war, konnte sie nur dann die Aufmerksamkeit ihrer Eltern erringen, wenn sie gute Leistungen brachte. Ehrgeiz wurde ihr so zur zweiten Natur. Sie träumte von Erfolg und Karriere und hatte nur ein mitleidiges Kopfschütteln für alle jene Menschen übrig, die keine Ziele und Pläne hatten und sich entspannt durchs Leben treiben ließen. Manch eine Jugendliebe scheiterte daran, dass der Freund das Leben nicht ernst genug nahm.

Alte Freunde würden sich wundern …

Jetzt ist Johanna 52 und frisch verwitwet. Als ihr eine Jugendfreundin, die sie 30 Jahre nicht mehr gesehen hat, mit dem Kondolenzbrief ein leeres Tagebuch schickt, in dem sie sich – wie früher – alles von der Seele schreiben soll, kommt sie schwer ins Grübeln. Tagebuch geschrieben hat sie seit Jahrzehnten nicht mehr. Sie ist eben nicht mehr die „Jo“, die ihre Jugendfreunde kannten. Der Schwung, der Optimismus, die Träume von damals – alles weg. Der Ehrgeiz ebenfalls. Karriere hat nur ihr Mann gemacht, ein erfolgreicher Arzt. Sie hat sich um Haus und Familie gekümmert und dem Gatten „den Rücken freigehalten“, wie man so schön sagt. Zum Dank dafür hat er sie am laufenden Meter betrogen.

All die Lover, denen Johanna in jungen Jahren wegen erwiesener Antriebslosigkeit den Laufpass gegeben hat, würden sich totlachen, wenn sie wüssten, was aus ihr geworden ist. Nichts, aber auch gar nichts hat sie auf die Reihe gekriegt! Ihre Tochter lebt im Ausland und sie reden nicht mehr miteinander. Ihre Ehe mit René war schon am Ende, bevor er schwer krank geworden war und sie ihn deshalb nicht zu verlassen gewagt hatte. In guten wie in schlechten Tagen …

Neu anfangen – aber wie?

Durch die Beerdigungszeremonie stolpert Johanna wie durch einen schlechten Traum. Und jetzt? Was soll sie mit ihrem Leben anfangen? Zum Glück ist sie finanziell unabhängig. Das Problem, das andere Witwen im „späten Mittelalter“ haben, nämlich nach Jahrzehnten der beruflichen Auszeit plötzlich wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu müssen, hat Johanna nicht. Sie kann es sich leisten, den aus guten Gründen verhassten Porsche ihres verstorbenen Mannes ohne jegliche Preisrecherche zu verkaufen und einen Großteil des Geldes zu spenden.

Während sich die unkonventionelle Entrümplerin Pauline von „Platzda & Wegdamit“ durch René Landgrafs weltliche Besitztümer arbeitet, fragt sich Johanna, wo im Leben sie derart falsch abgebogen ist, dass sie alles dermaßen vergeigt hat. Bei ihren Erinnerungen helfen ihr ihre alten Tagebücher, die sie in einer Kiste auf dem Dachboden aufbewahrt hat.

Was wäre, wenn …?

Tja, früher waren wir alle mal jünger und haben uns das Leben anders vorgestellt! Wäre Johanna besser dran gewesen, wenn sie statt des ehrgeizigen Chirurgen René den angehenden Zahnarzt Axel genommen hätte? Oder den seriösen Banker Thilo? Und warum eigentlich ging ihre Beziehung zu dem Psychologiestudenten Henry in die Brüche? Der war doch ein toller Typ, mit dem sie viel Spaß gehabt hat! Ihre alten Tagebücher bringen es ans Licht.

Was wohl aus ihren Exfreunden geworden ist? Johanna recherchiert. Und Überraschung: Der Gockel ist immer noch ein Gockel, der Langweiler immer noch ein Langweiler. Mit denen wäre ihr Leben sicher keinen Deut glücklicher verlaufen als mit René. Ihren Ex Henry liefert ihr Entrümplerin Pauline quasi frei Haus: Sie empfiehlt ihn ihr als Immobilienmakler. Johanna hat nämlich vor, das ungemütliche und inzwischen viel zu große Haus zu verkaufen und sich eine kleinere Immobilie auf dem Land zu suchen und sich endlich ein Haustier zuzulegen.

Kann man die Zeit zurückdrehen?

Henry ist immer noch ein super Typ. Er reagiert auch gar nicht herablassend, als er mitkriegt, dass aus Johannas hochfliegenden Lebensträumen nichts geworden ist. Für ihn scheint es ja auch nicht so toll gelaufen zu sein. Um Häuser zu verkaufen, hätte er nicht Psychologie studieren müssen. Nützlich ist sein Wissen allemal: Er weiß genau, welches Objekt zu welchem Kunden passt.

Zumindest privat scheint Henry alles richtig gemacht zu haben. Er hat eine Frau und zwei entzückende Töchter. Blöd nur, dass Johanna drauf und dran ist, sich erneut in ihn zu verlieben. Und niemals würde sie sich in eine Ehe drängen. Wie schmerzhaft es ist, die betrogene Ehefrau zu sein, weiß sie selbst ja am besten.

Ist es überhaupt sinnvoll, die Zeit zurückdrehen und da anknüpfen zu wollen, wo man vor 30 Jahren aufgehört hat? Vergangenheit „reloaded“, sozusagen? Man ist ja nicht mehr dieselbe Person wie damals, weil man inzwischen jede Menge Lebenserfahrung angehäuft hat. Wie schafft man es, sich wieder auf verschüttete Stärken und Fähigkeiten zu besinnen und trotzdem nach vorne zu schauen? Johanna wird es lernen müssen. Und vielleicht winkt ja doch noch, in welcher Form auch immer, ein Happy end …

So viele verschwendete Jahre!

Es ist so schön zu sehen, wie Johanna den erdrückenden Ballast einer unglücklichen Ehe abwirft und nach und nach zu ihrer alten Form zurückfindet. Aber, ach, so viele verschwendete Jahre! Da hat sie mir wirklich Leid getan. Sie hätte wesentlich früher die Notbremse ziehen müssen. Manchmal rutscht man eben rein in so eine Geschichte, verliert langsam und schleichend die Lebensfreude und ist sich dessen nicht einmal bewusst.

Materiell ist Johanna privilegiert, und das ist ihr durchaus bewusst. Und offenbar konnte ihr Mann auch noch einiges vorbereiten, so dass sie nach seinem Tod nicht schockstarr vor tausend Fragen stand, die sie nicht beantworten konnte. Baupläne! Steuer! Versicherungen! Irgendwelcher Kram vom Arbeitgeber! Wenn man das hätte erzählen wollen, wär’s ein ganz anderes Buch geworden – und sicher kein Unterhaltungsroman der Wohlfühlklasse. Die Heldin hat ihre Ehe und ihren Partner quasi schon vorab betrauert, als sie sich des Verlustes bewusst geworden ist. Der Schmerz ist jetzt nicht mehr akut.

Aus Fehlern lernen, aber nicht grübeln!

Hier geht es in erster Linie um den Neuanfang und um die Frage, die wir uns vielleicht auch schon gestellt haben. Wäre mein Leben besser verlaufen, wenn ich mich an diesem oder jenem Punkt anders entschieden hätte? Die Antwort ist: Man weiß es nicht, denn jede Abzweigung, die man nimmt, bedingt ja unzählige andere. Bei einem alternativen Verlauf der eigenen Biographie hätte man vielleicht nicht Problem A gehabt, dafür aber Problem B und/oder C. Mit dieser Art der Grübelei kann man also getrost aufhören und sich auf die Gegenwart konzentrieren. Und wenn man Glück hat, hat man aus vergangenen Fehlern ein bisschen was gelernt und macht sie nicht nochmal. Dafür macht man neue. Aber so ist nun mal das Leben!

Es ist spannend und amüsant, Johanna bei ihrem Neuanfang zu begleiten. Man wünscht ihr so sehr, dass mal etwas nach ihren Vorstellungen läuft und nicht immer nur den Vorgaben der anderen. Und für uns Leserinnen gibt’s zusätzlich zur Unterhaltung noch ein paar interessante Denkanstöße. Was will man mehr?

Die Autorin

Gemeinsam mit ihren Freundinnen schreibt Heike Abidi ebenso witzige wie erfolgreiche Sachbücher, die eines nach dem anderen die SPIEGEL-Bestsellerlisten stürmen. Doch auch mit ihren Romanen schafft sie es, ihre Leserinnen zu begeistern. Ihre Geschichten gehen ans Herz und sind die perfekte Leseauszeit vom Alltag. Heike Abidi lebt mit Mann, Sohn und Hund als freie Autorin in der Pfalz und schreibt bereits an weiteren Büchern.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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