Ben Aaronovitch: Der Geist in der British Library und andere Geschichten aus dem Folly

Ben Aaronovitch: Der Geist in der British Library und andere Geschichten aus dem Folly, OT: Tales from the Folly, Deutsch von Christine Blum, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21958-7, Softcover, 220 Seiten, Format: 12,2 x 2,2 x 19 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch/Audio-CD lieferbar.

Abb.: (c) dtv

Sprechen wir erst einmal über Erwartungshaltungen: Sucht man das Buch im Internet, steht oft „Roman“ dabei. Der Insider denkt: „Juhu, eine Fortsetzung der Peter-Grant-Reihe!“, aber das stimmt nicht. Im Vorwort beschreibt Charlaine Harris das Werk als „Kurzgeschichtensammlung“. Und alle Leser:innen, die in grauer Vorzeit mal in der Schule gelernt haben, dass Kurzgeschichten ohne große Einleitung einen Ausschnitt aus dem Leben zeigen und gern mit einem offenen Schluss oder mit einer Pointe enden, haben automatisch eine Vorstellung davon, was sie hier erwartet.

Ungewöhnliche Kurzgeschichten

Nun sind solche Definitionen aber kein Kochrezept, nach dem Autoren vorgehen, um ein bestimmtes Resultat zu erzielen. Der Autor allein bestimmt, was er unter einer Kurzgeschichte versteht. Deshalb kriegt man hier manchmal Texte, die wie kleine Schnipsel aus einem Roman wirken und bei denen man etwas ratlos denkt: „Äh, ja … und jetzt?“ Man hätte gerne noch mehr erfahren, aber die Story ist abrupt zu Ende.

Am besten wird sein, man macht’s wie bei Aaronovitchs Romanen, bei denen man auch nicht immer kapiert, wer was warum tut und wohin das führt: Man lehnt sich zurück, denkt „Okay, Ben, lass es krachen!“ und schaut einfach zu, wie Götter, Geister und Ganoven der Magiepolizei das Leben schwer machen.

Im ersten Teil ist Police Constable Peter Grant von der London Metropolitan Police der Held, zuständig für magische Angelegenheiten und „Zauberlehrling“ bei seinem Chef Thomas Nightingale. Im zweiten Teil stehen diverse Nebenfiguren der Reihe im Mittelpunkt.

Immer Stress mit dem Übersinnlichen!

HEIMSPIEL: Wir treffen auf einen kaffeesüchtigen Zauberer, der mit Thomas Nightingale gewissermaßen ein 65 Jahre altes Hühnchen zu rupfen hat 😉. Und das muss ausgerechnet jetzt sein, während der Olympiade. Blöderweise ist Nightingale gar nicht in der Stadt und so wird die Sache Peter Grants Problem. – HÄUSLICHE GEWALT: Sogar nach seinem Tod streitet sich Mrs. Fellaman so heftig mit ihrem Gatten, bzw. dessen Geist, dass die Nachbarn die Polizei rufen. Peter Grant geht den Ereignissen auf den Grund und macht eine verblüffende Entdeckung. HAHNENKAMPF: Randaliert tatsächlich ein Poltergeist in der Buchhandlung oder geht hier etwas ganz anderes ab?

Unheimlich aber nicht allzu übernatürlich geht es in der Geschichte DIE EINSAMKEIT DER LANGSTRECKEN-GRANNY zu. Eine Zufallsbegegnung gibt uns interessante Einblicke in das Sozialleben der Flussgötter. – Ein psychisch gestörter Mensch im Rattenkostüm haust in der Kanalisation. Er kann sich noch daran erinnern, wann er vom angesehenen Immobilienmakler zum RATTENKÖNIG geworden ist … aber nicht mehr an den Grund. Dieser ist noch schräger als „Melvin, die Wanderratte“ selbst. Doch irgendwie hat die Geschichte kein richtiges Ende. – Warum der Beruf eines Bibliothekars nichts für Memmen ist, erfährt Professor Harold Postmartin in DAS RARE BUCH DER VORTREFFLICHEN APPARATUR. Dass Gegenstände ein bizarres Eigenleben entwickeln, ist ganz amüsant, nur der Schluss ist etwas mau.

Verwandte, Gläubiger und andere Probleme

A DEDICATED FOLLOWER OF FASHION spielt in den 1960er Jahren. Ein Drogendealer verkriecht sich auf der Flucht vor rabiaten Gläubigern in einem baufälligen Haus am Fluss. Nach einem Hochwasserschaden macht das Gebäude eine befremdliche Wandlung durch und auch für den kriminellen Helden bleibt nichts mehr, wie es war.  – DER FRÖHLICHE ONKEL taucht nur an Weihnachten bei Barbaras Familie auf. Niemand weiß, wie er wirklich mit der Sippe verwandt ist und eigentlich müsste er schon älter sein als Gott. Zauber-Azubine Abigail, eine vom Peter Grants unzähligen Verwandten, soll ihm auf den Zahn fühlen. Was immer er ist, er hat eine faszinierende Begabung … Abigail ist klasse und diese Geschichte eine der längsten und interessantesten im Buch.

Eltern gesucht— für einen Gott

VANESSA SOMMERS ZWEITE WEIHNACHTSLISTE: Die Polizistin aus Trier weiß noch gar nicht so lange, dass es Magie wirklich gibt. Jetzt, beim Familienbesuch, klopft sie die Orte ihrer Kindheit auf magische Phänomene hin ab. Diese Story hat tatsächlich sowas wie eine Pointe! –  DREI FLÜSSE, ZWEI BRÄUTIGAME UND EIN BABY: Was geschieht eigentlich, nachdem ein Flussgott entstanden ist? Der ist dann ja, von Ausnahmen abgesehen, ein kleines Kind. Als ein unbeaufsichtigtes Kleinkind am Ufer des Lugg aufgefunden wird, wissen die anwesenden Flussgöttinnen Bescheid. Aber was sollen sie tun?

„In alten Zeiten hätten wir ihn einfach weitermachen lassen (…) mit seinem Leben. Von Tieren oder so hat er nichts zu befürchten, und damals haben die Menschen genug Ahnung gehabt, um ihn einfach in Ruhe zu lassen.“ (Seite 202)

Das geht heute nicht mehr, also müssen Pflegeeltern her. Berührende Geschichte, aber so eine Baby-Götter-Story gibt’s auch in einem der Romane.

Die drei Beiträge, die mit MOMENTS überschrieben sind, haben keine nennenswerte Handlung, das sind nur kurze Szenen bzw. Beschreibungen. Wir erfahren, wie Thomas Nightingale zu seinem Auto, dem Jaguar, gekommen ist, FBI-Agentin Reynolds macht sich Gedanken über Leben und Religion und in Deutschland erfährt man von der Existenz des Zauberlehrlings Peter Grant.

Verstehe ich die Kunst nicht?

Hm, tja. Vielleicht sind Ben Aaronovitchs Geschichten ja eine Kunstform, die ich einfach nicht begreife. Wenn ja, dann bitte ich um Entschuldigung. Aus meiner Sicht als durchschnittlich gebildete Leserin macht es nämlich den Eindruck, als würde dem Autor, der in seinen Romanen gerne ausufernd erzählt, Kurzgeschichten einfach nicht so liegen. Sobald die Texte um die 30 Seiten lang sind und er entsprechend weit ausholen kann, kommt auch was Spannendes und Amüsantes dabei heraus. Viele der deutlich kürzeren Beiträge wirken auf mich wie Textfragmente, die an einer beliebigen Stelle abbrechen und das Publikum verwirrt zurücklassen.

Wie gesagt: Ich weiß, dass Kurzgeschichten einen offenen Schluss haben können, damit die Leser:innen etwas zum Nachdenken haben. Aber was bringt das bei Urban Fantasy, wo doch alles Mögliche und Unmögliche passieren kann? Sollen wir Leser:innen die Geschichten jetzt zu Ende fabulieren? Ich bin keine Autorin, ich sehe mich dazu außerstande.

Lieber längere Geschichten!

Mich hat dieses Buch, von zwei, drei Beiträgen abgesehen, nicht überzeugt. Ben Aaronovitchs Geschichten sind meines Erachtens dann stark, wenn er beim Erzählen von Hölzchen auf Stöckchen kommt und zwischendrin noch über Architektur, Bürokratie und den Straßenverkehr in London lästern kann. Das kurze, präzise Erzählen ist, glaube ich, nicht sein Ding.

Der Autor

Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter ›Doctor Who‹, geschrieben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.


Die Übersetzerin

Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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