Cheryl Diamond: Nowhere Girl: Meine gestohlene Kindheit auf der Flucht vor Interpol

Cheryl Diamond: Nowhere Girl – Meine gestohlene Kindheit auf der Flucht vor Interpol, OT: Nowhere Girl – A Memoir of a Fugitive Childhood, aus dem Englischen von Janine Malz, Hamburg 2021, Eden Books, ISBN 978-3-95910-335-0, Klappenbroschur, Format: 13,5 x 3,3 x 20,9 cm, Buch: EUR 19,95 (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 15,99.

Abb.: (c) Eden Books

Ich glaube, ich habe schon sehr früh gespürt, dass etwas nicht stimmt, vielleicht mit vier oder fünf. Ich wusste, dass wir in Gefahr sind, aber gleichzeitig hat sich zu der Zeit alles wie ein großes Abenteuer für mich angefühlt. Als ich älter wurde und die Dinge zunehmend hinterfragt habe, wurde mir so langsam das Ausmaß bewusst. Mit 13 habe ich schließlich erkannt, dass am gefährlichsten nicht die Leute waren, die uns verfolgt haben, sondern meine eigene Familie.“ (Aus einem Interview des Verlags mit der Autorin)

Was sich mal in einer Romanreihe* so lustig las – als Kind eines herumziehenden Gaunerpärchens aufzuwachsen und so oft seine Identität und Legende zu wechseln, dass man seinen wahren Namen nicht mehr weiß – erweist sich in der Realität als verstörender Albtraum.

Zunächst sieht es so aus, als sei das hier eine Späthippie-Geschichte: Der Kanadier George – ein Kerl wie ein Baum —, seine französische Frau Anne und ihre drei Kinder, allesamt gläubige Sikhs, touren in einem klapprigen Auto durch Kaschmir/Indien. Sie besitzen nur das, was in ihr Fahrzeug passt. Cheryl, die damals noch die Vornamen Harbhajan Khalsa Nanak trägt, ist gerade vier Jahre alt.

Eine Familie auf der Flucht

Den Nachnamen der Familie erfahren wir nie. Es ist nämlich keine putzige Aussteigerstory. Die Familie ist seit Jahren auf der Flucht, angeblich vor Interpol. Sie driftet rastlos über den Globus, hat stets neue Namen und Hintergrundgeschichten parat, verwischt immer wieder ihre Spuren und fängt in einer neuen Stadt oder in einem neuen Land von vorne an. Nie geben sie jemandem ihre Telefonnummer, immer bezahlen sie bar. Ihre aktuelle Adresse halten sie so gut es geht geheim und ihre Post lassen sie sich an ein Postfach schicken.

„Und das Wichtigste: Wenn du einen Ort verlässt, egal, wie du an ihm und den Menschen dort hängst, kannst du nie wieder dorthin zurückkehren. Bekannte und Freunde dürfen niemals mehr kontaktiert werden. Sämtliche Beziehungen müssen sich, ebenso wie alle Papiere, in Rauch auflösen.“ (Seite 36)

Wenn das eine Weile so geht, die Kinder noch klein sind und die Familienmitglieder gut miteinander klarkommen, kann das als eine Zeit der Abenteuer durchgehen. Aber in „Bhajans“ Familie ist nichts und niemand normal. Der Vater ist ein brutaler Tyrann mit womöglich narzisstischen Tendenzen, die Mutter macht eingeschüchtert alles, was er will, die zwei älteren Kinder, die Teenager Frank und Chiara, sind einander spinnefeind – und sie alle leben rund 20 Jahre lang so.

Woher haben sie das viele Geld?

Da fragt man sich schon, was George und seine Frau Entsetzliches verbrochen haben, dass das so gar nicht verjähren will. Und wovon die fünf eigentlich leben. Denn ob sie in Indien, Australien, Südafrika, Kanada, in verschiedenen Ecken Deutschlands und der USA, in Rumänien, Ägypten, Österreich oder Israel auftauchen – nie sieht man einen von ihnen arbeiten. Aus Georges zweifelhaften Geschäften kann das Geld nicht stammen, denn die gehen ja meistens in die Hose.

Je älter die Kinder werden, desto stärker wächst ihre Sehnsucht nach einer festen Bleibe, nach Sozialkontakten, einem Partner, einem Beruf, kurz: nach einem eigenen Leben. Doch George lässt keinen von ihnen aus den Klauen. Aus dem Familienverband auszuscheren ist für ihn gleichbedeutend mit Verrat und wird mit brachialer Gewalt bestraft.

Tyrann George triezt seine Kinder

Er triezt seine Kinder zu sportlichen Hochleistungen. In ihren jeweiligen Disziplinen trainieren Frank und Bhajan auf Olympia-Niveau. Immer müssen sie die besten sein, auch wenn ihre Körper nicht mehr richtig mitmachen. George sonnt sich in dem Gefühl der Bedeutsamkeit, wenn über seine Sprösslinge in den Medien berichtet wird. Noch ein Indiz dafür, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Wenn er alles tut um unter dem Radar zu fliegen, warum geht er dann das Risiko ein, dass jemand die Kinder auf Pressefotos erkennt? Ist es vielleicht nur Bullsh*t, dass ihnen Interpol auf den Fersen ist? Macht er das seiner Familie nur weiß, um sie alle unter Kontrolle zu behalten?

Längst erwachsene Kinder kann man jedoch nicht ewig an sich ketten. Frank rebelliert offen und verlangt von George seinen (gefälschten brasilianischen) Pass. Lieber halbseidene Papiere als gar keine. Die verschlagene Chiara geht da raffinierter vor.

Unsägliche Zustände

In dieser Familie gehen unsägliche Dinge vor sich: Lug und Trug, jede Art von Misshandlung, die man sich nur vorstellen kann sowie se*ueller Missbrauch. Das Buch hat vorne eigens eine Triggerwarnung. Und ich bin überzeugt davon, auch wenn man diese Episode auf verschiedene Weise interpretieren kann, dass George und Chiara gemeinsam einen Mord begangen haben. Was auch immer diese zwei Irren mit der Leiche gemacht haben – dieser Vorfall war meines Erachtens der Auslöser für Mutter Annes psychischen Zusammenbruch.

Sobald jemand nicht mehr richtig funktioniert, wie jetzt Anne, verliert George jegliches Interesse an dieser Person. Was ihm nicht von Nutzen ist, kann weg. Diese Erfahrung macht auch Bhajan, als sie ein paar Jahre später schwer erkrankt. Blöd nur, dass George und Anne nun auf ihr Einkommen als Model angewiesen sind. Inzwischen ist Bhajan zwar klar, wie dysfunktional ihre Familie ist, aber sie kann sie nicht im Stich lassen. Sie meint, ihre Mutter vor George retten zu müssen. Da hat eine astreine Parentifizierung stattgefunden

Hilfe von unerwarteter Seite

Nach und nach kommt auch ans Licht, warum George und Anne auf der Flucht sind und vor wem – und dass Interpol womöglich ihr geringstes Problem ist. Bhajan hat die dauernde Flucht satt. Sie ist bereit, sich dem wahren Feind der Familie zu stellen und die ursprüngliche Staatsbürgerschaft ihrer Mutter anzunehmen. Wenn ein Gentest nachweisen kann, dass sie Annes Tochter ist, dürfte das doch kein Problem sein, denkt sie. Doch genau das hat George im Vorfeld gründlich verhindert – wobei er die Konsequenzen seines Tuns vermutlich selbst nicht überblickt hat. Jedenfalls sind Bhajan und ihre Geschwister in jedem Land Illegale und es droht ihnen Gefängnis oder Ausweisung.

Wird das jetzt ewig so weitergehen? Die junge Frau ist verzweifelt. Wie kommt sie aus dieser Nummer wieder heraus? Hilfe kommt von gänzlich unerwarteter Seite …

Wäre das eine fiktionale Story, würde man sagen: Hm, da hatte wohl jemand zu viel Phantasie. Weil die Autorin hier aber ihre wahre Lebensgeschichte erzählt, ist das eine sehr aufwühlende Lektüre. (Man kann die Story googeln und findet zahlreiche Fotos und Informationen – alles bis auf die Klarnamen der Angehörigen.)

Überall illegal

Ich dachte beim Lesen so oft, jetzt muss doch mal jemand kommen und diesen Psychos ihre Kinder wegnehmen! Da kann man doch nicht einfach zuschauen! Aber es kam keiner. Und hätte die erwachsene Bhajan/Cheryl nicht einfach staatenlos sein können? Dafür, dass ihre Eltern bei ihrer Geburt falsche Pässe gehabt haben, konnte sie ja nichts. Was will man denn mit jemandem machen, der aus keinem Land der Erde legale Papiere besitzt? Des Planeten verweisen?

Jedenfalls hoffe ich, dass Papa George für das, was er seiner Familie angetan hat, in der Hölle schmort. Oder wenigstens irgendwo in einem möglichst ungemütlichen Knast.

*) Steve Hockensmith: WEISSE MAGIE MORDSGÜNSTIG sowie die Folgebände der Alanis McLachlan-Reihe

Die Autorin

Cheryl Diamond ist mit ihrer Familie auf der Flucht aufgewachsen – zwischen Kontinenten, Religionen und Währungen. Mit 16 Jahren wird sie gescoutet und zieht als Model nach New York, mit einer Katze unter dem Arm und 300 Dollar in bar. Fünf Jahre später erschien ihr erstes Buch »Model. A Memoir«, 2019 veröffentlichte sie »Naked Rome«. Mit »Nowhere Girl« verarbeitet sie ihre unglaubliche Kindheit und Jugend.

Die Übersetzerin

Janine Malz studierte Übersetzen in Germersheim, Triest und München. Nach Jahren als Inhouse-Übersetzerin und Projektmanagerin ist sie heute als freiberufliche Literaturübersetzerin aus dem Englischen, Italienischen und Niederländischen tätig.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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