Wendy Walker: Herzschlag der Angst. Thriller

Wendy Walker: Herzschlag der Angst. Thriller, OT: Don’t Look For Me, Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26305-4, Klappenbroschur, 349 Seiten, Format: 13,2 x 3,2 x 20,9 cm, Buch: EUR 15,95 (D), EUR 16,40 (A), Kindle: EUR 12,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abb. (c) dtv

„Sie sollten nach Hause fahren. Es ist nicht Ihre Aufgabe, diesen Dingen nachzugehen. Kein Wunder, dass Sie all diese Fragen stellen. Alle, an die Sie sich um Hilfe gewandt haben, haben Sie belogen oder Ihnen Dinge verschwiegen. […] Fahren Sie nach Hause, Nicole.“ (Seite 303/304)

Hastings/Connecticut: Lehrerin Molly Clarke hätte allen Grund, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und anderswo neu anzufangen. Vom Unfalltod ihrer neunjährigen Tochter Annie vor fünf Jahren hat sich ihre Familie nie wieder erholt. Mollys Ehe mit John ist am Ende, ihre Kinder Nicole (21) und Evan (16) geben ihr die Schuld am Tod der kleinen Schwester, obwohl sie wirklich alles Menschenmögliche getan hat, um das Unglück noch abzuwenden. Sie wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben. 

Absichtlich verschwunden?

Deshalb wundert es niemanden, als eines Tages nach einem unglücklich verlaufenen Besuch bei Evan im Internat Mollys Auto verlassen am Straßenrand steht und ein Abschiedsbrief gefunden wird. „Ich bitte euch, sucht nicht nach mir“, steht unter anderem darin. Da der Schriftgutachter nicht ausschließt, dass sie die Notiz selbst geschrieben hat, wird die Suche nach ihr eingestellt. Molly ist erwachsen und darf verschwinden, wenn sie das möchte.

Nur Tochter Nicole „Nic“ ist nicht bereit, so schnell aufzugeben. Sie fühlt sich mitschuldig an Annies tödlichem Unfall und am Weglaufen der Mutter. Auch wenn diese nicht gefunden werden will, möchte Nic sich davon überzeugen, dass es ihr wirklich gut geht.

Eine dubiose Augenzeugin

Zwei Wochen nach Mollys Verschwinden erhält Nic einen Anruf von einer angeblichen Augenzeugin. Edith Moore will gesehen haben, wie Molly in einen dunklen Pickup gestiegen ist. An dem Abend hat es gestürmt und geschüttet, und Edith hat sich zusammengereimt, dass die Frau wohl mit ihrem Auto liegengeblieben sei und sich in die nächste Ortschaft bringen lassen wollte.

Genau das ist passiert, wie wir Leser:innen schnell erfahren. Nur, dass Molly zu einem gefährlichen Irren ins Auto geklettert ist, der sie in ein abgelegenes Farmhaus bringt, wo er sie gefangen hält und dazu zwingt, sich um die neunjährige Alice zu kümmern. Diese erklärt ungerührt, ihre „erste Mommy“ sei in den Wald gelaufen und dort von wilden Tieren getötet worden, und Molly sei jetzt die Neue. Von da an verfolgen wir abwechselnd, wie Molly versucht, ihrer Gefangenschaft zu entkommen und was ihre Tochter alles veranstaltet, um sie zu finden. 

Nach dem mysteriösen Anruf hat Nic alles fallen gelassen und ist nach Hastings gefahren um die Zeugin zu sprechen. Police Officer Jared Reyes kommt zu dem Gespräch mit – und glaubt Edith Moore kein Wort. So, wie sie die Begegnung schildert, kann sie nicht abgelaufen sein. Aber wenn sie Molly nie gesehen hat, wie kann sie dann die auffallende Tasche beschreiben, die die Vermisste an diesem Tag bei sich hatte? Davon stand nie was in der Presse. Völlig aus der Luft gegriffen sind Ms. Moores Schilderungen also nicht, irgendwas muss sie wissen.

Tochter Nic ermittelt selbst

Nic bleibt erst einmal in Hastings und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Neben den Polizisten Reyes und Watkins helfen ihr noch der Barkeeper Kurt Kent und der etwas verdruckste Motelbetreiber Roger Booth. Der kann sehr gut nachvollziehen, was Nic gerade durchmacht: Vor zehn Jahren ist seine damalige Freundin, Daisy Hollander, unter ähnlich merkwürdigen Umständen verschwunden. Nic wird hellhörig. Haben die das hier öfter? Aber mit ihren Nachforschungen kommt sie nicht so recht weiter. Jeder kennt hier jeden, alle sind irgendwie miteinander verbandelt: familiär, beruflich, privat oder durch irgendeine alte Schuld. Niemand sagt ihr die volle Wahrheit. Langsam wird sie paranoid und verdächtigt jeden – selbst ihren eigenen Vater.

Gefährliche Irre

Mollys Martyrium verrät uns auch nichts weiter über die Zusammenhänge. Wir wissen nicht, wie ihr Entführer heißt. Molly nennt ihn „Mick“, weil sie ihn ja irgendwie anreden muss. Den Namen hat sie sich ausgedacht. Der kleinen Alice ist keine sinnvolle Information zu entlocken. Sie ist mindestens so irre wie Mick und auf eine gruselige Art verschlagen und altklug. Wäre dies ein Horrorroman, würde ich sagen, sie ist vom Geist einer erwachsenen Frau besessen. Aber wahrscheinlich ist sie „nur“ in Gefangenschaft aufgewachsen und vollkommen verkorkst.

Molly hat keinen Zugang zu einem Telefon – ihr eigenes hat sie am Ladegerät im Auto vergessen. Alice und sie sind im Haus eingesperrt, die Fenster sind vergittert oder vernagelt und überall im Haus befinden sich Überwachungskameras, die Mick offenbar via Handy kontrolliert. Bei einem Fluchtversuch wäre er sofort zur Stelle. Jetzt hängt alles davon ab, dass Nic die richtigen Schlüsse zieht …

Da Micks wahrer Name nie genannt wird, hat man als Leser:in bald den Verdacht, dass es einer aus dem Ort sein muss, der ständig durch die Handlung wuselt und womöglich sogar vorgibt, bei der Suche nach Molly zu helfen. Aber wer? Man denkt schon so paranoid wie die arme Nicole …

Erst fängt es ganz klasse an …

… aber dann, aber dann! – Klar gibt es kriminelle Irre, die Menschen gefangen halten, manchmal jahrelang und ohne dass die Umgebung etwas davon mitkriegt. Man denke nur an Natascha Kampusch und die Familie Fritzl. Und natürlich gibt es Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind und solchen Tätern zum Opfer fallen. So weit gehe ich mit dem Plot mit. Doch auf einmal hängt alles mit allem zusammen und es gibt einen Masterplan dahinter. Beim dramatischen Showdown mit Überraschungsgast war ich dann endgültig raus. Das war mir einfach alles eine Nummer zu groß, zu konstruiert und zu unwahrscheinlich.

Die eigentliche Handlung umfasst rund zweieinhalb Wochen, die Wurzeln des Geschehens reichen zehn, wenn nicht gar zwanzig Jahre oder noch länger zurück. Hat in all der Zeit niemand die richtigen Fragen gestellt, aufgemuckt oder aufgegeben? Glaube ich nicht!

Spannend aber überkonstruiert

Die Geschichte ist zweifellos spannend. Man will unbedingt wissen, wer hinter den Untaten steckt und ob Molly ihre Freiheit wiedererlangt. Aber Stories, bei denen ich ständig denken muss: ‚Ja, nee, is’ klar!’ oder ‚Ach, jetzt hör aber auf!’ sind einfach nicht mein Ding. Ich lasse mir lieber Geschichten erzählen, die näher an der Wirklichkeit liegen – oder gleich solche, die derart wild und abgefahren sind, dass man keinerlei Realitätsnähe erwartet. Das hier ist irgendwas dazwischen. 

Wahrscheinlich sollte ich einfach keine Thriller lesen, egal, wie verlockend sich der Klappentext auch anhört.

Die Autorin

Wendy Walker ist Anwältin für Familienrecht und Autorin. Ihr Spannungsdebüt »Dark Memories – Nichts ist je vergessen« wurde auf Anhieb zum Bestseller, erschien weltweit in 20 Ländern und wird in Hollywood verfilmt. Wendy Walker lebt mit ihrer Familie in Connecticut.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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