Anette Huesmann. Homo Animalis. Die Flucht (ab 14 J.)

Anette Huesmann. Homo Animalis. Die Flucht (ab 14 J.), Near-Future-Dystopie, Norderstedt 2022, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-83916960-5, Softcover, 320 Seiten, Format: 12,7 x 1,83 x 20,32 cm, Buch: EUR 12,00, Kindle: EUR 0,99.

Abb.: (c) A. Huesmann / BoD

„Sie erreichten den Steg […]. Etwa fünf Minuten später näherten sie sich dem Haupteingang der Biosphäre. Auf drei Plattformen ragte je eine Kuppel in den Himmel, an der obersten Stelle rund 50 Meter hoch. Das waren mehr als 3.000.000 Quadratmeter mit einer lichtdurchlässigen Hülle aus transparenten Kunststoffkacheln.“ (Seite 65)

Was sich in der Geschichte so harmlos „Camp“ nennt, ist eine Insel im Meer, für Fremde unzugänglich und auf Satellitenbildern nicht zu sehen. Dort befindet sich ein 30 Jahre altes Biosphären-Gelände mit Kuppelbauten, die verschiedene künstlich angelegte Biotope enthalten: Regenwald, Savanne und mediterranes Klima. Ferner gibt’s auf  der Insel ein Hauptquartier, diverse Nebengebäude sowie eine Art Wohnheim für 145 Kinder und Jugendliche. Das „Camp“ wird nahezu lückenlos videoüberwacht und gleicht eher einem Hochsicherheitsgefängnis als einem Internat. 

Gruselige Menschenversuche

Hier geht etwas vor, von dem die Öffentlichkeit besser nichts erfahren sollte. Unter Leitung der „Admiralin“ läuft ein gruseliges Experiment. Die Kinder und Jugendlichen hier sind allesamt Chimären: Ihre Gene enthalten tierisches Erbmaterial. Das sieht man zwar den wenigsten an, doch alle verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten. Der Wolfsclan, dem die 16jährige Kata vorsteht, hat zum Beispiel viel schärfere Sinne als der Standardmensch. Es gibt einen Bären-, einen Delfin-, einen Gorilla- und einen Papageien-Clan. Unter den Papageienmenschen sind tatsächlich welche mit Flügeln. Allerdings stimmen die Proportionen nicht und sie sind nur eingeschränkt flugfähig.

Die Kids sind eine verschworene Gemeinschaft, in der’s natürlich ab und zu auch kleinere Konflikte gibt. Kontakte zur Außenwelt haben sie nicht. Sie sind auf Gedeih und Verderb der Admiralin und ihren Leuten ausgeliefert. 

Oberflächlich betrachtet geht es ihnen gut: Sie sind angemessen untergebracht, werden gut ernährt, unterrichtet und trainiert, haben Freizeiteinrichtungen und eine erstklassige medizinische Versorgung. Um jeden Clan kümmert sich ein engagiertes Hauseltern-Paar. Nur frei sind sie eben nicht. Das macht vor allem der Wolfsclan-Anführerin Kata zu schaffen. Immer wieder schleicht sie heimlich nachts im Freien herum und versucht herauszufinden, wie man von der Insel wegkommt. 

Es kommt noch schlimmer …

Bei einem dieser verbotenen nächtlichen Streifzüge belauscht sie ein Gespräch. Offenbar wollen die Auftraggeber, Forscher oder wer auch immer hinter den Kulissen des Camps die Fäden zieht, herausfinden, ob die Chimären fortpflanzungsfähig sind. Das sind Hybriden ja nicht immer. Kata ist entsetzt. Die erwägen doch nicht ernsthaft, sie mit einem Kerl aus einem anderen Clan zu kreuzen – viel Muskeln, wenig Hirn? Darüber ist sie so fassungslos, dass sie den Rest des Gesprächs gar nicht mehr richtig mitkriegt. Aber genau das wäre immens wichtig gewesen.

Für Kata steht fest: Sie muss hier weg, bevor irgendwer sie dazu zwingen kann, ein Kind zu bekommen. Und sie hat auch schon eine Idee, wie: Sie muss auf das Versorgungsschiff kommen, das regelmäßig Vorräte anliefert. Von der Küche aus dürfte das zu machen sein. Dort hat sie zum Glück eine Verbündete: die Köchin Sandrine. Die weiß mehr über die Vorgänge im Camp als sie wissen dürfte. Vermutlich reden die Oberen ungeniert vor ihr, weil sie sie gar nicht als Person wahrnehmen. 

Nichts wie weg! Aber wie?

Sandrine warnt Kata, dass nicht nur sie aus dem Camp verschwinden muss, sondern alle 145 Kids, wenn denen ihr Leben lieb ist – und zwar schleunigst. Doch wie soll das gehen, organisatorisch, logistisch und überhaupt? Es müssten alle mitziehen. Und „Gorillamännchen“ Anton ist so begeistert davon, Teil dieses Experiments zu sein, dass er die Fluchtpläne der anderen sicher hintertreiben, wenn nicht gar verraten würde.

In der Rückwand einer der Biosphärenkuppeln soll es eine Tür geben und dahinter ist Land in Sicht. Die Chance, dass sich alle Clan-Mitglieder unbemerkt durch diese Tür verdünnisieren und ans gegenüberliegende Ufer retten können, ist minimal. Aber sie müssen es auf jeden Fall versuchen, denn wenn sie im Camp bleiben, ist ihr Schicksal auf jeden Fall besiegelt. Sagt zumindest Sandrine …

Es ist schon krass, was den jungen Clan-Mitgliedern hier zugemutet wird! Es sind ja Kinder, maximal Teenager. Und auf einmal ist das einzige Zuhause, das sie kennen, lebensgefährlich für sie. Das zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg. Sie wissen nicht, wem sie noch vertrauen können und müssen alles riskieren um ins Ungewisse aufzubrechen. Eigentlich müssten sie komplett überfordert sein und der eine oder andere auch mal durchdrehen und hysterisch werden. Nichts dergleichen geschieht. Aber es sind ja auch keine „normalen“ Jugendlichen, sondern welche mit speziellen Fähigkeiten, und sie haben ein hartes Training durchlaufen.

Superspannend! Ende offen

Ja, Chimären gab’s schon 1896 in einem Roman von H.G. Wells (DIE INSEL DES DR. MOREAU). – HOMO ANIMALIS ist ein moderner Nachfahre dieser Dystopie. In jedem Genre werden Themen variiert, so auch in der Science Fiction. Im Grunde ist es gar nicht entscheidend, was genau die skrupellosen Forscher:innen mit den Kindern angestellt haben. Es geht darum, wie sie darauf reagieren.

Am Schluss war’s so spannend, dass ich teilweise recht oberflächlich gelesen habe, weil ich unbedingt jetzt sofort wissen wollte, ob den Clan-Kindern die Flucht gelingt – und wie die ahnungslose Außenwelt auf eine Invasion der Chimären reagiert. Das Ende bleibt jedoch recht offen. 

Fortsetzung folgt? Hoffentlich!

Bevor nun jemand enttäuscht ist: Angesichts des Titel-Aufbaus „HOMO ANIMALIS – Die Flucht“ gehe ich davon aus, dass dieser Band der Beginn einer Reihe ist. Oder dass es zumindest noch einen weiteren HOMO ANIMALIS-Band mit einem anderen Untertitel geben wird. So kann die Geschichte jedenfalls nicht aufhören! Abgesehen davon, dass hier noch einige wichtige Punkte zu klären sind, die ich an dieser Stelle aber nicht näher ausführen möchte, will ich sehen, dass die Verantwortlichen für diese unfassbaren Vorgänge zur Rechenschaft gezogen werden. Ab in den Knast mit den schrägen V ö g e l n ! Aber zackig!

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass keine Fortsetzung geplant sein sollte, sollten wir bei der Autorin unbedingt eine erquengeln. 😀 

PS: Ein bisschen verwirrt hat mich, dass die Kids von „Telekinese“ sprechen und „Gedankenlesen“ meinen. Ich dachte, das sei Telepathie – und Telekinese ist, wenn man aus der Ferne Gegenstände bewegen kann, ohne sie anzufassen. In Sachen PSI-Mumpitz bin ich aber nicht so rasend bewandert. Das wird schon seine Ordnung haben.

Die Autorin

Dr. Anette Huesmann ist Autorin und Dozentin für Kreatives Schreiben. In Niedersachsen wurde sie geboren und im Ostalbkreis wuchs sie auf. Sie studierte Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Heidelberg, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Sie war lange Zeit als freie Wissenschaftsjournalistin tätig. In ihren Büchern greift sie aktuelle, gesellschaftlich wichtige Themen auf und entwickelt daraus spannende Geschichten. Mehr über Anette Huesmann erfahren: www.die-schreibtrainerin.de und www.anette-huesmann.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.