Tereza Vanek: Die schöne Insel. Historischer Roman

Tereza Vanek: Die schöne Insel. Historischer Roman, München 2017, Edition Carat / Bookspot Verlag, ISBN 978-3-95669-050-1, Klappenbroschur, 435 Seiten, Format: 13,8 x 3,5 x 21,6 cm, Buch: EUR 10,21, Kindle: EUR 1,99.

Abb.: (c) Edition Carat / Bookspot Verlag

Vor Jahren habe ich mit Begeisterung Band 1 und 2 dieser Reihe gelesen: DAS GEHEIMNIS DER JADERINGE und DIE REBELLIN VON SHANGHAI. Historische Romane, die einen nach China führen, findet man nicht alle Tage. Neulich habe ich durch Zufall mitbekommen, dass 2017 ein dritter Teil erschienen ist: DIE SCHÖNE INSEL. Das hätte mir auch mal jemand sagen können! 😉

„Natürlich taugten Chinesinnen viel besser, um westlichen Männern das wahre China zu zeigen. Eine Russin, die ihre Heimat nicht kannte, die keine richtige Jüdin war und auch keine Goy, konnte niemandem etwas näherbringen, weil sie nirgendwo hingehörte.“ (Seite 84)

Shanghai 1900: Man muss die ersten beiden Bände nicht kennen, um der Handlung folgen zu können. Heldin ist hier eine Nebenfigur aus Band 2, die jüdische Krämertochter Anastassia „Ana“ Gregorowa Nikitina, 19. Die hat sich gerade mit ihrer besten Freundin Charlotte Huntingdon verkracht. (Charlotte und ihre Adoptiveltern Viktoria und Jinzi waren die Hauptfiguren der beiden vorigen Bände.)

Allein in Shanghai

Der Streit wäre nicht das Schlimmste. Jetzt wird auch noch Anas Vater Gregor krank und stirbt. Ihre Mutter, Sophia, die das Leben in Shanghai immer gehasst hat, eröffnet Ana, dass sie mit ihrem Sohn Aron zurück nach Russland gehen wird. Ana müsse aber selber sehen wo sie bleibt, denn sie sei Gregors Tochter aus erster Ehe mit einer deutschen Christin, und sie, Sophia, sei froh, sie endlich los zu sein. 

Sollte Gregor ein Testament gemacht haben, so hat Sophia es verschwinden lassen. Hätte Aron seiner Halbschwester nicht etwas vom Schwarzgeld seiner Mutter zugesteckt, wäre sie völlig mittellos gewesen.

Was soll Ana jetzt mit ihrem Leben anfangen? Der Zufall führt die künstlerisch begabte junge Frau zu einem kleinen Kunstgewerbeladen, der das Hobby des wohlhabenden deutschen Geschäftsmanns Felix Hoffmann ist. Er freut sich, in Ana eine geistesverwandte Künstlerseele gefunden zu haben und stellt sie nur zu gern als Verkäuferin ein. Eine kleine Wohnung findet sich auch, und das ganze scheint auf ein Happy End zuzusteuern. 

Schicksalhafte Begegnungen

Doch eine weitere Zufallsbekanntschaft erweist sich für Ana als schicksalhaft: Als sie durch die Stadt geht, fällt ihr plötzlich eine junge Chinesin vor die Füße, die aus einem Bordell getürmt ist. Ming Chun-Ke, genannt Clio, ist eine kultivierte Kaufmannstochter aus Taipeh (Formosa, heute Taiwan), die durch eine Verkettung ungünstiger Umstände in diesem Etablissement gelandet war. Ana hat Mitleid mit ihr und nimmt sie mit nach Hause. Bleiben kann sie nicht. Ana bringt sie in einer Missionsschule unter.

Als Felix Hoffmann die schöne Clio kennenlernt, ist er hingerissen und will sie unbedingt heiraten. Clio zögert. Ihr Herz gehört dem Japaner Nobu, den sie daheim in Taipeh kennengelernt hat. Warum die beiden nicht geheiratet haben, obwohl sie das so gerne wollten? Weil Nobu zu Formosas japanischen Besatzern gehört. Die heiraten keine Chinesinnen. Und weil Clios Vater keinen japanischen Schwiegersohn haben wollte und lieber mit seiner Familie nach China gegangen ist. 

Neue Chance in Formosa

Als sich für Clio die Chance bietet, Felix Hoffmann für eine Geschäftsreise als Dolmetscherin nach Formosa zu begleiten, greift sie zu. Ana kommt zur moralischen Unterstützung mit. Ihre Vielsprachigkeit wird ihr dort aber nichts nützen.

Formosa ist wunderschön aber im Vergleich zu Shanghai noch ein wenig rückständig. Ana staunt: Es gibt dort Ureinwohner? Das hat sie nicht gewusst. Die sind dunkelhäutig und stämmiger als die Chinesen und mehr oder weniger „Wilde“. Sie haben eine Kultur, die ziemlich frei von Zwängen zu sein scheint. Ana gefällt das. Bei den Ami, mit denen sie hauptsächlich zu tun hat, haben die Frauen das Sagen. Und das funktioniert ganz wunderbar!

Bei den Ureinwohnern

Als Ana dem kanadischen Missionar George Mackay begegnet, fragt sie sich, warum man die Ureinwohner unbedingt christianisieren muss. Kann man sie nicht einfach so leben lassen, wie das seither gut für sie war? Dass ihnen Bildung nicht schaden kann, weil sie auf Dauer der Zivilisation nicht entgehen können, leuchtet ihr dagegen ein, und sie verdingt sich bei den Missionaren als Englischlehrerin.  – Ana hat keinen Schulabschluss? Geschenkt! Sie ist im jüdischen Glauben erzogen worden? Egal! Abenteurerinnen wie sie, die bereit sind, in die Wildnis zu gehen und Kopfjäger zu unterrichten, gibt es nur selten. Da muss man zugreifen und nehmen, was man kriegt.

Clio schließt sich der Mission ebenfalls an, weil sie hofft, ihren Freund Nobu wiederzusehen. Durch besonderes Engagement tut sie sich aber nicht hervor. Sie ist auf die Rolle der eitlen, ewig jammernden Großstadtpflanze abonniert. Tatsächlich taucht Nobu bei einer Einheit auf, die ganz in der Nähe des Eingeborenendorfs einen Auftrag zu erfüllen hat.

Freunde, Feinde, Leidensgenossen

Ana hat sich inzwischen in einen westlich gebildeten rebellischen Eingeborenen-Krieger verguckt, Clio sympathisiert mit den Japanern, die die Insel angeblich modernisieren wollen. Und auf einmal steht die Frage im Raum, ob die Freundinnen noch auf derselben Seite stehen. Das ist kein Thema mehr, als sie zu unfreiwilligen Schicksalsgenossen werden: Eingeborene nehmen Ana, Clio und Nobu als Geiseln um den Abzug der Besatzer zu erzwingen. Da kennen sie die Japaner aber schlecht …!

DIE SCHÖNE INSEL ist ein packendes Abenteuer, nicht zuletzt, weil man sich natürlich fragt, wie die Geiseln wieder freikommen, wo ihnen doch kein Verbündeter helfen kann, ohne sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Wer Freund und wer Feind ist, ist dabei nicht restlos geklärt. Gleichzeitig geht der Roman kritisch mit den Themen Kolonisation und Mission um. Da geht’s doch nur darum, dass der Stärkere dem Schwächeren etwas wegnimmt und ihm die eigenen Wertvorstellungen aufdrückt!

Eine moderne, kritische Frau

Ana, die Frau ohne Heimat, Religion und Familie, aufgewachsen im multikulturellen Shanghai, kann diesen Formen der Unterdrückung nichts abgewinnen. Auch vor kulturellen und gesellschaftlichen Zwängen hat sie keinen Respekt: Was? A und B dürfen nicht heiraten, weil Familie oder Tradition das nicht erlauben? Pfff! Dann sollen sie irgendwo hingehen, wo das niemanden interessiert! – Mit dieser Einstellung ist Ana ihrer Zeit weit voraus und stößt bei ihren Zeitgenoss:innen häufig auf Unverständnis. Wir Leser:innen von heute teilen ihre Ansichten schon eher.

Es gäbe noch vieles zu erzählen

Ich fand Band 3 so spannend und informativ wie die beiden Vorgängerbände. Ich würde jederzeit auch einen Band 4 lesen. Zum Beispiel wüsste ich gerne, was aus Charlotte wird – mit oder ohne David Stuart, für welchen Lebensweg sich Clio entscheidet und wie’s mit Ana und ihrem Ami-Krieger weitergeht. Und wenn jemand Licht ins Dunkel von Anas Herkunft brächte, wäre ich auch nicht beleidigt. Von ihrer leiblichen Mutter kennt sie nur den Spitznamen. Da gäbe es bestimmt noch allerhand zu erzählen!

Die Autorin

Tereza Vanek ist in Prag geboren, in München aufgewachsen und seit 2007 veröffentlichte Autorin. Vorher studierte sie Sprachen, lebte einige Zeit im Ausland und schlug sich mit den verschiedensten Jobs durchs Leben. Ihr besonderes Interesse beim Schreiben gilt historischen Ereignissen, ungewöhnlichen Frauengestalten und der Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Sie lebt in München mit ihrer Familie, Katzen und Papageien.

Rezensentin: Edith Nebel 
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

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