Vince Ebert: Wot Se Fack, Deutschland? Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben

Vince Ebert: Wot Se Fack, Deutschland? Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben, München 2025, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26416-7, Klappenbroschur, 302 Seiten, Format: 12,6 x 1,85 x 20,5 cm, Buch: EUR 17,00, Kindle: EUR 13,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) dtv

„Der Sieg der Emotionen über die Vernunft, das gefühlige Salbadern statt rationaler Analyse, all das findet nicht nur in der Politik statt, sondern eben auch in der Wirtschaft, in den Medien und in der Mitte der Gesellschaft.“

(Seite 269)

Um zu „funktionieren“, müssen wir Menschen denken und fühlen. Ohne Bauchgefühl geht es nicht. Wir haben nicht die Zeit, jeden Handgriff rational zu durchdenken. Um schnelle Entscheidungen treffen zu können, muss vieles intuitiv ablaufen. Doch wenn wir uns auf Emotionen verlassen, wo wir analytisch denken sollten oder wenn wir handeln, weil wir an irrationalen Mumpitz glauben, ist das der sichere Weg in die Katastrophe. Warum aber sind Rationalität und evidenzbasiertes Denken aus der Mode gekommen?

„Je sorgenfreier eine Gesellschaft lebt, umso mehr fürchtet sie sich. Sie wird neurotisch.“

(Seite 97)

Gut möglich, dass uns der jahrzehntelange Friede, Wohlstand und der permanente technologische Fortschritt zu Kopf gestiegen sind und dass wir uns aus Übersättigung und Langeweile an hausgemachten Pseudokonflikten abarbeiten und normale Meinungsunterschiede zu radikalen Freund-Feind-Bildern aufbauschen. Mit dem Erfolg, dass uns jetzt die Wehleidigen mit ihren Befindlichkeiten terrorisieren. Sagt der Autor. Das ist aber nicht das Rüstzeug, das man braucht, um mit realen Krisen und Problemen fertigzuwerden.

Wie konnte es so weit kommen, dass wir den eigenen Emotionen mehr vertrauen als wissenschaftlichen Tatsachen und Erkenntnissen? Dass es nur noch um Äußerlichkeiten, Unterschiede und persönliche Empfindlichkeiten geht? Dass die politische Korrektheit manchmal arg aus dem Ruder läuft? Irgendwas verträgt sich da nicht!

„Die Idee der Wissenschaft basiert auf geistiger Freiheit und nicht auf politischer Korrektheit. Tatsächlich waren viele revolutionäre Erkenntnisse in der Wissenschaft zum Zeitpunkt ihrer Entstehung im heutigen Sinn politisch völlig inkorrekt.“

(Seite 76)

Fängt das Elend vielleicht schon in der Kindheit an? Indem die Eltern ihre Kinder überbehüten, sagt Vince Ebert, schwächen sie deren Resilienz und Widerstandskraft. Die Kids werden unselbstständig und ängstlich. Und schon haben wir den gefühligen Salat!

Und stimmt es, oder sind’s bloß Boomer-Sprüche, wenn der Autor schreibt, in seiner Jugend hätten Gefühle nur im privaten Bereich stattgefunden, wo sie ihre positive Kraft entfalten können? In der Politik sei es, im Gegensatz zu heute, weitgehend pragmatisch und rational zugegangen. War das so? Ich erinnere mich an Politiker, die einander wüst beschimpft haben. Aber das meint er vielleicht gar nicht.

Die sozialen Medien machen die Sache nicht besser. Dort dominiert der Tribalismus und das schnöde Schwarz-Weiß-Denken. Wächst man damit auf, lernt man nicht mehr, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten aushalten zu können („Ambiguitätstoleranz“). Die Algorithmen der IT-Konzerne fördern auch nicht gerade das kritische Denken, sondern triggern unsere unguten Eigenschaften: Missgunst, Neid, Häme und Abwertung.

Wissenschaft soll Wahrheiten finden. Dabei muss jede Fragestellung erlaubt sein. Denkverbote und quasireligiöse Debatten sind kontraproduktiv. Und wer aus ideologischen Gründen vorsätzlich unwissenschaftlichen Bullsh*t verbreitet, handelt unseriös.

Als Mumpitz betrachtet der Autor z.B. die Behauptung, es gäbe eine Vielzahl von Geschlechtern. Von den Chromosomen her gibt’s männlich und weiblich sowie 0,2% Anomalien. Alles andere sei eine gefühlte, aber keine biologische Wahrheit. (Was jedoch für die Menschen, die sich ihrem angeborenen Geschlecht nicht zugehörig fühlen, wahrscheinlich keinen Unterschied macht.)

Unbewiesener Unsinn sei auch, dass Frauen im Berufsleben diskriminiert würden. Das Gegenteil sei der Fall. Heißt also, wenn eine Frau einen bestimmten Posten nicht bekommt, war sie nicht kompetent oder fleißig genug.

„Für die meisten Toppositionen in der Wirtschaft sind nun mal Fähigkeiten gefragt, die eher im technisch-analytischen Bereich liegen als im geisteswissenschaftlich-sozialen. Und das Interesse, diese Fähigkeiten zu erwerben, ist bei Frauen geringer als bei Männern.“

(Seite 198)

Selbst wenn Frauen lieber „typisch weibliche“ Berufe ergreifen, haben sie sicher nicht gesagt: „Au ja, super, lass uns diese Berufsfelder als unproduktive Tätigkeiten aus dem Bruttoinlandsprodukt rausnehmen und lausig bezahlen!“ Aber gut …

Beim Thema Ökonomie sei die Ahnungslosigkeit besonders groß, nicht nur beim Normalbürger, sondern leider auch in der Politik. Es kursieren gut gemeinte Utopien, die von einem unrealistischen Menschenbild ausgehen. Deshalb funktionieren sie nicht. Und es gibt noch viele andere „gefühlte Wahrheiten“, die von der Realität weit entfernt sind.

Okay. Ich habe verstanden: Wir befassen uns mit nebensächlichem Wohlfühlklimbim, statt die eigentlichen Probleme anzugehen. Und wir verlangen von der Politik Lösungen für alles, statt eigenverantwortlich zu handeln. Doch wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus?

Fakten auf den Tisch, sagt der Autor, auch wenn es unbequeme Wahrheiten sind. Nachweislich unwirksame Maßnahmen einstellen, Mut beweisen und keine Angst vor offener Konfrontation haben. Selbstbestimmung statt Vollkaskomentalität. Mit satt, bequem und wehleidig kommen wir nicht weiter. Ja, gut. Auch gegen analytisches Denken vorm Handeln ist nichts einzuwenden.

Das Buch enthält eine Menge interessanter Denkanstöße und ist amüsant zu lesen. Es hat mich aber verunsichert. Wenn ich hier beispielsweise lese, es sei erwiesen, dass Frauen im Beruf keine Nachteile haben, frage ich mich, ob das wirklich stimmt und ob meine Kolleginnen, Freundinnen und ich vier Jahrzehnte lang in einer alternativen Realität gelebt haben. Zählen unsere anders gearteten Erfahrungen wenigstens als „anekdotische Evidenz“?

Ich stelle es mir schwierig vor, den Menschen erst beweisen zu müssen, dass das, was sie tagtäglich als belastend erleben, als Problem gar nicht existiert. Ich fürchte daher, dass es Fakten gegen Emotionen auch weiterhin schwer haben werden. Dabei wäre eine gesunde Balance zwischen Fühlen und Denken so wichtig!

Vince Ebert, geboren 1968, wuchs im Odenwald auf und studierte Physik in Würzburg. 1998 startete er seine Karriere als Kabarettist, die FAZ nennt ihn so »scharf- wie hintersinnig«. Bekannt wurde Ebert mit seinen Bühnenprogrammen ›Physik ist sexy‹, ›Denken lohnt sich‹ und ›Vince of Change‹. Bis heute ist sein Motto: »Make Science great again«, das gilt in Zeiten wissenschaftlich begründeter Debatten mehr denn je. Vince Ebert ist bekannt aus der ARD-Sendung ›Wissen vor acht – Werkstatt‹. Seine Bücher sind allesamt SPIEGEL-Bestseller. Ebert lebt in Wien.

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über diesen Link ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert