Michel Bergmann: Der Rabbi und der Kommissar. Du sollst nicht lügen (Band 4), München 2025, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42973-4, Klappenbroschur, 223 Seiten, Format: 11,9 x 2,1 x 18,7 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99.

Draußen auf der Straße bleiben sie stehen. „Glaubst du ihm?“, fragt Henry.
(Seite 87)
„Er hat keinen Grund zu lügen“, sagt Berking. „Die Beschreibung passt zu unserer Theorie. Jemand hat Patrice angegriffen, das Feuer gelegt und ist dann geflohen.“
„Aber wer?“
Und wieder mal habe ich den letzten Band einer Reihe erwischt! Nur, dass diese Krimireihe hier gar nicht hätte enden sollen. Der Autor ist verstorben. Wenn’s nach uns Leser:innen gegangen wäre, hätte er gerne zu jedem der 10 Gebote einen Krimi schreiben können. Jetzt ist bei Band 4 Schluss.
Ein Rabbi mit gefährlichem Hobby
Frankfurt am Main: Rabbi Henry Silberbaum, charmant, klug und sportlich, muss jedem Rätsel geradezu zwanghaft auf den Grund gehen. Weil zu seinem Freundeskreis auch Kriminalkommissar Robert Berking gehört, bleibt es nicht aus, dass er sich wie Father Brown oder Harry Kemelmans Rabbi Small in Kriminalfälle einmischt. Sehr zum Verdruss seines Chefs, des Gemeindedirektors Dr. Avraham Friedländer. Dem passt es natürlich nicht, dass Henry bezahlte Arbeitszeit mit Detektivspielen verplempert statt sich ordentlich um seine Gemeinde zu kümmern.
Auch Henrys Verlobte, die New Yorkerin Zoe Schwarz, kann sich mit seinem gefährlichen Hobby nicht anfreunden. Jetzt ist sie extra hergekommen um ihn zu besuchen, doch er hat überhaupt keine Zeit für sie, weil er sich partout um einen Fall von Brandstiftung kümmern „muss“: Zwei seiner Gemeindemitglieder, dem Ehepaar Doran, ist das Restaurant abgebrannt. Ihr Hilfskoch Patrice Sankara, ein Geflüchteter aus Burkina Faso, ist in den Flammen ums Leben gekommen. Ob es ein Unfall oder ein Tötungsdelikt war, ist noch offen.
Brandanschlag! Henry Silberbaum ermittelt
Henry kann nicht glauben, was man erzählt: Patrice soll das Restaurant der Dorans angezündet haben und man habe bei ihm viel Bargeld sowie islamistisches Propagandamaterial gefunden. Hallo? Der Koch war katholisch und ein erklärter Gegner des IS. In den Dorans hatte er sowas wie eine Ersatzfamilie gefunden. Nie hätte er ihnen geschadet. Das passt alles nicht zusammen! Das sieht auch die Polizistin Capitaine Bintou Sankara so, Patrices Schwester. Sie kommt nach Frankfurt um den Tod ihres Bruders aufzuklären. Nun ermitteln sie also zu dritt: Kommissar Berking offiziell, Henry und Bintou auf eigene Faust.
Hat der Brandanschlag vielleicht etwas mit einer dubiosen Immobilienfirma zu tun, die hier in Frankfurt Grundstücke aufkauft? Die Sankaras hatten mit der Firma schon in ihrer Heimat zu tun. Und damals war Patrice noch kein Hilfskoch …
Die Spur führt nach Burkina Faso
Irgendwen müssen der Rabbi und seine Freunde durch ihre Ermittlungen aufgescheucht haben, denn auf einmal werden sie auf Schritt und Tritt beobachtet. Ist es unter diesen Umständen eine gute Idee, dass Henry der Schwester des Toten nach Burkina Faso folgt um dort weitere Nachforschungen anzustellen? Eher nicht! Dass die Gegenseite bei der Durchsetzung ihrer Interessen über Leichen geht, hat er doch gesehen! Und schon steckt er mittendrin im größten Schlamassel!
Man braucht keine profunden Kenntnisse des Judentums, um der Handlung folgen zu können, behaupte ich jetzt mal. Der Autor geht theologisch nicht so in die Tiefe wie z.B. Alfred Bodenheimer in seinen Rabbi-Klein-Krimis. Es gibt ein Glossar, das Spezialbegriffe erklärt. Dort findet man auch die Übersetzungen der hebräischen, jiddischen, englischen, französischen und norwegischen Vokabeln und Formulierungen. Hier wuselt eben internationales und mehrsprachiges Romanpersonal herum, da kommt sowas schon mal vor. Es hält sich aber in Grenzen.
Ein dicker Brocken für einen Amateurdetektiv
„Indem wir die Wahrheit sagen, eifern wir unserem Schöpfer nach, von dem gesagt wird: ‚Das Siegel Gottes ist Wahrheit‘. Aus dem Talmud geht hervor, dass es nicht nur sehr wünschenswert ist, immer die Wahrheit zusagen, sondern auch […] eine Quelle des Segens.“
(Seite 46)
Dieser Fall ist ganz schön heftig für einen Amateurdetektiv. Doch der Rabbi fühlt sich der Wahrheit verpflichtet und legt sich deshalb mit Gegnern an, die ihm an Macht und Skrupellosigkeit haushoch überlegen sind. Ist das jetzt Mut, Naivität oder Gottvertrauen? Gute Frage! Im Grunde hat er überhaupt keine Chance …
Die Krimihandlung ist abgeschlossen. Schade nur, dass wir nichts mehr über den neuen Fall lesen werden, der sich auf den letzten Seiten andeutet. Und ich hätte auch gerne gewusst, ob das mit Henrys und Zoes Fernbeziehung was wird. Sonderlich gut scheint das ja nicht zu laufen. Fruchten am Ende doch noch die (für uns sehr vergnüglichen) Verkupplungsversuche seiner Mutter? Das werden wir wohl nicht mehr erfahren. Es sei denn, ein anderer Autor würde diese Reihe fortsetzen.
Der Autor
Michel Bergmann, geboren 1945 in Basel, Kinderjahre in Paris, Jugendjahre in Frankfurt am Main. Nach Studium und Job bei der »Frankfurter Rundschau« landete er beim Film: zuerst als Producer, dann als Regisseur, zuletzt als Drehbuchautor u. a. für »Otto – Der Katastrofenfilm«, »Es war einmal in Deutschland«. Ab 2010 schrieb er vor allem Romane: u. a. »Die Teilacher«, »Herr Klee und Herr Feld«, »Weinhebers Koffer«, »Mameleben: oder das gestohlene Glück«. Mit der Reihe um den ermittelnden Rabbi Henry Silberbaum trat er auch als Krimiautor in Erscheinung. 2025 ist Michel Bergmann verstorben.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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