Anna Sophie Herken, Christina Sontheim-Leven, Bettina Weiguny: Machtgebiete

Anna Sophie Herken, Christina Sontheim-Leven, Bettina Weiguny: Machtgebiete. Was Managerinnen erleben und wie sie gegenhalten, Weinheim 2025, Campus Verlag, ISBN 978-3-593-52093-3, Klappenbroschur, 248 Seiten, Format: 13,6 x 1,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 19,99.

Abb.: (c) Campus Verlag

„Zum ersten Mal berichten mehr als 50 Topmanagerinnen aus namhaften Unternehmen, was sie erleben, obwohl sie an der Spitze angekommen sind. […] Die geschilderten Erlebnisse belegen, dass es sich bei Hürden, Vorurteilen und alltäglichem S e x ismus nicht um Einzelfälle handelt.“

(Seite 8)

Wenn jemand für einen Management-Posten qualifiziert ist, dürfte es doch egal sein, ob diese Person männlich oder weiblich ist. Das ist aber aus verschiedenen Gründen nicht der Fall, sonst hätten wir längst viel mehr Frauen in Führungspositionen. Wo man doch schon vor 20 Jahren erkannt hat, dass gemischte Teams produktiver sind und sich (wenigstens annähernde) Geschlechterparität auch wirtschaftlich lohnt.

Es passiert aber nichts. Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor eine Minderheit, werden deshalb besonders kritisch beäugt und müssen gegen alle möglichen Hindernisse ankämpfen, die es für Männer in der Form nicht gibt. Das kostet Kraft, und ich kann jede Frau verstehen, die auf diesen Zirkus irgendwann mal keinen Bock mehr hat oder sich das gar nicht erst antut. Und so bleibt leider alles, wie es ist.

„Warum verschwenden wir so viel Potential und damit auch so viele Milliarden Euro, um an einem altbackenen System […] festzuhalten, statt ein neues so zu bauen, dass starke und kluge Frauen nicht nur in die Führungsetagen kommen, sondern dort auch bleiben und wirksam werden können?“

(Seite 8)

„Die gläserne Klippe“ ist nicht nur ein Gerücht, wie hier gezeigt wird: Frauen werden oft von außerhalb angeworben, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und kein Mann sich mehr an diesen Sanierungsfall herantraut. Scheitert sie an der unlösbaren Aufgabe, heißt es: „War doch klar, dass die das nicht bringt!“, während man bei einem männlichen Manager wahrscheinlich hören würde: „Ja, in dem Fall hat selbst der renommierte Herr XY nichts mehr ausrichten können!“

Wobei ich mich schon lange frage, warum die Frauen da mitspielen. Einen Job, den schon -zig Männer vor mir verk*ckt haben, hätte ich niemals als Karrierechance betrachtet, sondern als Falle. Vor allem unter den hier geschilderten Umständen: unklare Befugnisse, eine Firmengröße und -struktur, mit der frau nicht vertraut ist, eine Führungsriege, die einander schon lange kennt, während die Managerin von außen dazustößt … nee, Leute, nee! Das kann nur schiefgehen!

Auch wenn wir die Frauenquote nicht so prickelnd finden: Auf freiwilliger Basis wird sich nichts ändern. Da bleibt’s beim vertrauten „Thomas-Kreislauf“ und das Management besteht weiterhin aus dem Chef und seinen „Mini-Mes“. Die Quote zwingt die Firmen dazu, abseits der üblichen Verdächtigen nach Führungskräften zu suchen. Was nicht immer einfach ist. Wir Frauen sollten einfach weniger bescheiden sein. Wir müssen nicht zu 100 % erfüllen, was im Bewerberprofil steht. Männer sind mit 80 % zufrieden und bekommen die Stelle trotzdem.

Auch dass frau Kinder hat, kann als Handicap gewertet werden. Ein Mann ist vermutlich noch nie gefragt worden, wie bei ihm daheim die Kinderbetreuung geregelt ist. Kinder als Karrierehindernis sind offenbar ein spezifisch deutsches Problem. Managerinnen, die beispielsweise schon in Frankreich oder Skandinavien gearbeitet haben, fallen aus allen Wolken, wenn sie mit der hiesigen Kinderbetreuungssituation konfrontiert werden – und mit dem Image Vollzeit arbeitender Mütter.

Hat frau den Job dann, ist sie höchstwahrscheinlich das einzige weibliche Wesen in einer Riege von Alphamännern und per se eine Außenseiterin. Sie muss sich eine andere Kommunikationsweise angewöhnen, um nicht untergebuttert zu werden. Es strengt an und nervt, wenn man immer wieder das Gespräch auf Augenhöhe zurückhieven muss, um nicht in die Opferrolle zu rutschen.

„Wollen Frauen erfolgreich mitsprechen, müssen sie die Regeln der Männer kennen und erst mal übernehmen.“

(Seite 65)

Und weil niemand in gehobener Position automatisch eine Frau erwartet, dürfen wir auch wieder und wieder klarstellen, dass wir nicht die Assistentin sind und nicht den Herren den Kaffee bringen. Auch das ist ermüdend.  „Ruhig bleiben und nicht provozieren lassen“ sagt sich so leicht!

Haben wir Qualifikation und Daseinsberechtigung geklärt, wird noch unser Aussehen und Verhalten kritisiert. Adaptiert man „männliches“ Verhalten, verletzt man die Erwartungen an eine Frau und wird als unsympathisch empfunden. Ist unser Führungsstil kollegial und teamorientiert, gelten wir als zu weich und werden nicht respektiert. Wie man es macht, ist es verkehrt.

Was trotz #MeToo nicht ausstirbt: s e x uelle Übergriffe durch Männer, die man erst laut und deutlich in ihre Schranken weisen muss. Oder soll ich sagen: „müsste“? Nicht immer ist eine Beschwerde von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil! – Da sind schon ein paar echt krasse Stories dabei!

Und wer jetzt glaubt, dass dieses Problem zusammen mit den vielgeschmähten „alten weißen Männern“ aussterben wird, täuscht sich. In den Startups geht’s oft auch nicht zivilisierter zu. Im Buch fällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Wild West“.

Ja, wenn die Kerle so anstrengend im Umgang sind, dann machen wir doch einfach unseren eigenen Laden auf! – Das geht, wenn du Einzelkämpferin bist und außer einem Computer nicht viel brauchst. Doch sobald man Kapital/Investoren benötigt, wird’s schwierig. Über die Vergabe von Geldern entscheiden meist Männer. Die investieren – verkürzt gesagt – aufgrund des unconscious bias lieber in männliche Gründer, weil sie sich mit denen eher identifizieren können.

Ein bisschen selber schuld sind wir Frauen schon auch, weil wir z.B. die Wachstumsziele zu zurückhaltend darstellen und nicht so auf die Sahne hauen, wie Männer es tun würden.

Man gewinnt hier durchaus den Eindruck, dass man als Frau alles haben kann: Karriere und Familie. Wenn ich mir die Beispiele so durchlese, frage ich mich allerdings, um welchen Preis. Eine der Managerinnen erzählt, sie habe in einer Phase ihres Lebens Kleinkind, Vollzeitjob plus berufsbegleitendes Studium gewuppt und in der Zeit sogar noch ein zweites Kind bekommen. – Hut ab! Aber ich kann nachvollziehen, dass sich nicht jede Frau diesem Megastress aussetzen möchte und sich sagt, dann lieber keine Karriere. Oder keine Kinder.

Ich kann gar nicht alle interessanten Themen anreißen, die in diesem Buch besprochen werden! Es kommen so viele verschiedene Persönlichkeiten mit ihren Tipps und Erfahrungen zu Wort! Es geht im Buch auch um Partnerschaft, um den Gender Pay Gap, um Männerzirkel, in die man als Frau gar nicht erst reinkommt und um fiese Intrigen am Arbeitsplatz. Es gibt aber auch positive Gegenbeispiele. Man muss sich nicht mit Zähnen und Klauen bekämpfen, denn auch Männer profitieren von der Gleichstellung, wie die Autorinnen schlüssig belegen.

Ja, und wie machen wir nun weiter, damit mal Bewegung in die Sache kommt? Wir sollten zum Beispiel genauer hinsehen, bevor wir uns irgendwo verheizen lassen, und wir können uns von den Männern das eine oder andere abgucken. Doch die Frauen zu verändern, damit sie ins System passen, kann nicht die alleinige Lösung sein. Auch das System muss sich bewegen. Wie das aussehen sollte und was wir selbst dazu beitragen können, zeigen die Autorinnen im vorletzten Kapitel auf.

Das wird noch ein hartes Stück Arbeit, fürchte ich. Bei manchen der angesprochenen Punkte dachte ich, Mensch, das war doch schon vor 40 Jahren so! Ich hab‘ geglaubt, da wären wir inzwischen weiter!

  • Anna Sophie Herken, Ex-Allianz-Managerin, Multi-Aufsichtsrätin, ist seit Sommer 2023 Vorständin.
  • Christina Sontheim-Leven, Ex-SDAX-Vorständin, ist Aufsichtsrätin und anerkannte Multiplikatorin für Female Empowerment.
  • Bettina Weiguny, freie Wirtschaftsjournalistin, Publizistin und F.A.S.-Kolumnistin, hat zuletzt ein Buch über junge Rebellinnen aus aller Welt veröffentlicht.

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert