Susanne Goga: Die wilden Jahre. Roman, München 2025, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42965-9, Softcover, 445 Seiten, Format: 11,9 x 3,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 7,99, auch als Hörbuch lieferbar.

„Hannes, die Polizei glaubt, du hättest jemanden getötet. Einen ehemaligen Offizier, er hieß Leuchtenberg. Hast du ihn gekannt? Warum warst du überhaupt in diesem Haus? Ich verstehe das alles nicht.“
(Seite 95)
Düsseldorf/Mönchengladbach (damals noch München-Gladbach), im Jahr 1919: Nach dem Krieg gehört München-Gladbach zur belgischen Besatzungszone. Für die Fabrikantentochter Viktoria „Thora“ Bernrath, Anfang 20, die in Düsseldorf eine Schauspielschule besucht, ist es jedes Mal ein enormer Aufwand, wenn sie ihre Eltern und ihren Bruder Hannes (25) in ihrer Heimatstadt besuchen will.
Thora sorgt sich um ihren Bruder – zu Recht!
Hannes ist zum Glück nur leicht verwundet aus dem Krieg zurückgekehrt. Das wird heilen, doch die 4 Jahre als Soldat haben ihn psychisch verändert. Thora ahnt, dass er mehr erlebt hat als er verkraften kann. Als er ihr einen Brief mit rätselhaften Andeutungen schickt, schwingt sie sich voller Sorge auf ihr klappriges Fahrrad und nimmt den beschwerlichen Weg nach München-Gladbach auf sich, um ihn persönlich zu sprechen.
Statt ihres Bruders trifft sie nur ihre völlig aufgelösten Eltern an: Hannes ist über Nacht nicht nach Hause gekommen! Gut, könnte man sagen, der Mann ist 25, da kommt sowas schon mal vor. Doch für ihn ist das derart untypisch, dass die Familie in heller Aufregung ist. Zu Recht, wie sich herausstellt: Hannes sitzt in Düsseldorf im Gefängnis! Er soll den Hauptmann Heinrich Leuchtenberg erschlagen haben. Zeugen wollen gesehen haben, wie er vom Tatort weggerannt ist.
Hannes‘ Eltern bekommen derzeit keine Genehmigung, von der besetzten Zone nach Düsseldorf zu fahren. Für Thora, die dort wohnt, ist das Pendeln dagegen vergleichsweise einfach. Also müssen Benraths es notgedrungen ihrer Tochter überlassen, die Angelegenheiten ihres Bruders zu regeln.
Mordverdacht! Und Hannes schweigt …
Es ist nicht einfach für eine junge Frau, sich in dieser Männerwelt Gehör zu verschaffen und ernst genommen zu werden. Thora gelingt es trotzdem, im Gefängnis zu ihrem Bruder vorgelassen zu werden. Sie ist fassungslos, weil er nichts zu den Vorwürfen sagen will. Er macht nicht die geringsten Anstalten, sich zu verteidigen. Das kann ihrer Meinung nach nur eines bedeuten: Er deckt den wahren Täter. Dass ihr Bruder das Tötungsdelikt selbst begangen haben könnte, hält sie für ausgeschlossen.
Da für die Polizei der Täter feststeht und Hannes eisern schweigt, bleibt Thora nur eines übrig: Sie muss den wahren Mörder finden um ihren Bruder zu entlasten. Wie aber soll eine behütete Tochter aus gutem Hause das anstellen? Sie hat keine Ahnung von Recherche und Mordermittlungen, und ihre ersten Schritte fallen entsprechend unbeholfen aus. Unerwartete Unterstützung erhält sie von der erfahrenen Journalistin Trude Busch. Die weiß, wie man an Informationen kommt.
Thora muss den wahren Täter finden. Aber wie?
Und tatsächlich: Eine Spur führt mitten ins Kriegsgeschehen im Jahr 1914. Da scheint in Belgien etwas vorgefallen zu sein, das Akteuren und Mitwissern auch in Friedenszeiten noch mächtig auf die Füße fallen könnte. Im Prolog hat die Autorin das schon angedeutet.
Doch wie sollen Thora und Trude der Sache nachgehen, wenn die Zeugen tot sind oder nicht an die Öffentlichkeit treten wollen, weil das ihr Ruin wäre? Eine plausible Geschichte muss her, die überzeugend genug ist, um Zweifel an Hannes Bernraths Schuld zu wecken, ohne dass die Privatangelegenheiten Unschuldiger ans Licht gezerrt werden müssen …
Gute Freunde und große Vorbilder
Rat holt sich Thora Bernrath bei ausgewählten Freunden und Kollegen von der Schauspielschule. Dabei kommen manchmal ganz schön schräge, ja geradezu tollkühne Aktionen raus. Ich sag‘ nur: Rechtsanwalt Schiffer! – Den nötigen Mut dazu geben der Schauspielschülerin unkonventionelle Frauenfiguren aus klassischen Theaterstücken. Wenn diese Damen es geschafft haben, über die ihnen zugeschriebenen Rollen als brave Tochter oder Ehefrau hinauszuwachsen und etwas zu erreichen, das ihnen kein Mensch zugetraut hätte, dann hat vielleicht auch Thora eine Chance.
Wir dürfen nicht vergessen: Die Geschichte spielt vor über 100 Jahren. Da waren die Grenzen für Frauen noch deutlich enger gesteckt als heutzutage. Wir Leserinnen von heute ahnen auch recht bald, was Hannes zu verbergen trachtet. Dass bei einer jungen Frau von damals der Groschen sehr viel später fällt als bei uns, ist verständlich.
Wird Thora es trotz aller Widrigkeiten schaffen, ihren Bruder aus dem Gefängnis zu holen? Wir Leserinnen würden es den beiden so gönnen!
Zwei Wochen im April
Mir war völlig neu, dass es nach dem 1. Weltkrieg im Rheinland belgische Besatzungstruppen gegeben hat. (Geschichte ist nicht meine starke Seite.) Es tröstet mich, dass die Autorin davon auch nichts wusste und erst bei ihren Recherchen auf diese Tatsache gestoßen ist. Was diese Besatzung für die Menschen damals bedeutet hat, erleben wir hier hautnah mit. So lernen selbst Geschichtsmuffel wie ich ganz nebenbei was dazu.
Der Kern der Handlung umfasst gute zwei Wochen im April 1919. Es gibt aber zahlreiche Rückblenden, die uns die Personen und ihre Beziehungen untereinander deutlich machen. Da geht’s munter durch die Monate und Jahre und stellenweise zurück bis in die Kindheit der Bernrath-Geschwister. Auch wenn über jedem Kapitel deutlich ein Datum steht, hatte ich mitunter leichte Orientierungsschwierigkeiten: Rudi? Wer ist Rudi? Ach, der wird erst später in die Geschichte eingeführt! Und wen hat Thora im Krieg verloren? Habe ich da was überlesen? Nein! Auch diese Erklärung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt.
Ich musste häufig überlegen, wo im Verlauf der Geschichte wir gerade sind und was Thora zu diesem Zeitpunkt schon alles weiß – oder eben noch nicht. Das hat das Lesevergnügen ein kleines bisschen gebremst. Aber wirklich nur unwesentlich.
Krimi, Zeitreise – und ein Roman über Liebe und Loyalität
Liest man DIE WILDEN JAHRE als Kriminalroman, könnte das Buch in der Tat spannender sein. Aber es ist ja kein reinrassiger Krimi. Es ist (auch) ein historischer Roman, der uns Einblicke in die Gesellschaft und das Leben in der Zeit rund um den 1. Weltkrieg gibt. Und es ist ein berührender Roman über Liebe und Loyalität. Was die Personen hier auf sich nehmen, um ihre Liebsten zu schützen, ist mehr als bewundernswert.
Die Autorin
Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und lebt dort bis heute. Die renommierte Literaturübersetzerin und Autorin reist gern – mit Vorliebe auch in die Vergangenheit. Das spiegelt sich in ihren überaus erfolgreichen historischen Romanen wider. Für die Kriminalreihe um Leo Wechsler taucht sie ein ins Berlin der 1920er-Jahre, für viele ihrer Romane begab sie sich schon ins geschichtsträchtige 19. Jahrhundert.
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Rezensentin: Edith Nebel
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