Melanie Metzenthin: Die Psychoanalytikerin. Roman

Melanie Metzenthin: Die Psychoanalytikerin. Roman, München 2025, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN: 978-3-453-29256-7, Klappenbroschur, 382 Seiten, Format: 13,8 x 3,4 x 20,7 cm, Buch: EUR 17,00, Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Heyne

„Vera Albers hatte nicht nur das erste Mordopfer behandelt, sondern auch die Ehefrau eines weiteren Mannes aus diesem Regiment, der nun verschwunden war? Konnte das ein Zufall sein? Oder steckte mehr dahinter?“

(Seite 142)

Hamburg 1920: Die junge Witwe Vera Albers (Anfang 30) hat nach dem Tod ihres Mannes dessen Praxis übernommen. Nicht als Hausärztin, denn sie selbst hat nicht Medizin studiert, sondern als Psychoanalytikerin.

Zu ihren Klienten gehört auch Hermann Braun, der vom Großen Krieg ein Zittern zurückbehalten hat. Vera kennt den traumatisierten Mann nur als höflich und unsicher. Umso verblüffter ist sie, als er sie aus heiterem Himmel in unpassender und übergriffiger Weise anspricht. Offenbar hat er das nicht nur ihr gegenüber getan. Ihre Klientin Johanna Schuster (25), ist Braun nach dessen Therapiestunde im Treppenhaus begegnet und beschwert sich nun bei Vera, dass er sie belästigt habe.

Vera denkt darüber nach, Braun den Wechsel zu einem männlichen Psychoanalytiker nahezulegen, doch dazu kommt es nicht mehr. Zur seiner nächsten Therapiesitzung erscheint nicht er, sondern Kommissar Karl Bender von der Kriminalpolizei. Hermann Braun ist einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen.

Von der Psychoanalytikerin erhofft sich der Kommissar Informationen über das Opfer sowie Unterstützung bei der Suche nach Motiv und Täter. Doch für eine Zusammenarbeit gibt es zu der Zeit kaum Vorbilder. Beide Berufsgruppen sind an ihre Schweigepflicht gebunden und es ist eine Gratwanderung, nützliche Informationen zu liefern ohne gegen Vorschriften zu verstoßen. Ein passendes Vorgehen müssen sich Vera und der Kommissar erst mühsam erarbeiten.

Die persönliche Ebene stimmt: Die Analytikerin und der ebenfalls verwitwete Kommissar Bender (Mitte 30) sind einander auf Anhieb sympathisch – auf rein professioneller Ebene, wie beide betonen. Auch wenn Benders Kollegen mehr dahinter vermuten und ihn damit aufziehen.

Es dauert nicht lange, da gibt es einen zweiten Toten: einen Kriegskameraden von Hermann Braun, und er wurde auf die gleiche Art und Weise getötet wie er. Vera Albers hatte die beiden Männer einmal zusammen gesehen. Zudem stellt sich heraus, dass auch Willi Schuster, der Ehemann von Veras Klientin Johanna, im selben Regiment gedient hat wie die beiden Mordopfer.

Willi hätte Grund gehabt, sich an seinen Regimentskameraden zu rächen. Sie seien schuldig an seinem entstellten Gesicht, erzählt seine Frau. Willi selbst ist nie greifbar. Er ist ständig unterwegs und weder die Analytikerin noch die Polizei schaffen es, mit ihm persönlich zu sprechen. Seine naive Gattin hat angeblich keine Ahnung, wo er sich aufhält. So gerät Willi unter Verdacht. Als es einen dritten Toten gibt, der nicht zu identifizieren ist, stellt sich die Frage, ob das nun Willi Schuster ist oder ein weiterer Regimentskamerad, der dem Serientäter zum Opfer gefallen ist.

Der gesamte Fall ist irgendwie seltsam, und so gibt es bald verschiedene Theorien darüber, wer aus welchem Grund für diese Mordserie verantwortlich sein könnte. Die Polizei hat eine andere Vorstellung von Abläufen und Zusammenhängen als die Psychoanalytikerin. Und dann kommt noch eine dritte Partei mit eigenen Ideen ins Spiel: Die junge Journalistin Alma Lehmann, die für Veras Vater, einen Zeitungsverleger, arbeitet. Alle drei Szenarien haben eines gemeinsam: Sie funktionieren nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann gibt es jeweils Ungereimtheiten, die sich durch nichts wegerklären lassen.

Nachdem die naseweise Journalistin Alma massiv bedroht worden ist, wagt Vera einen radikal neuen Ansatz, bei dem es keine Denkverbote gibt: Unter welchen Voraussetzungen – und seien sie noch so abenteuerlich – würden die bekannten Fakten Sinn ergeben? Die Lösung, auf die sie kommt, klingt gleichzeitig absurd und logisch. Sie traut sich kaum, ihre Vermutung laut auszusprechen. Ihre gewagten Schlussfolgerungen finden jedoch spontan Anklang. Die Polizei braucht aber handfeste Beweise, die es nun so zu sammeln gilt, dass die clevere Tatperson nicht vorzeitig gewarnt wird …

Der Roman hat starke Krimi-Elemente, denn natürlich geht es darum, wer hier reihenweise Regimentskameraden heimtückisch um die Ecke bringt. Doch Hauptperson ist die Psychoanalytikerin Vera Albers, deren Arbeitsweise und Gedankengänge wir verfolgen. In ihrem Beruf steckt sie in einem engen Korsett von Geboten und Vorschriften. Sie muss zu Beispiel mit aller Macht Distanz zu ihren Klienten wahren. Keine privaten Gespräche und keinerlei Kontakt außerhalb der Praxis zulassen! Als Johanna Schuster sich in einem Café zu ihr an den Tisch setzt und sie neugierig ausfragt, ist das für sie ein Problem.

Wichtige Voraussetzung für eine gelingende Therapie ist zudem das Vertrauen zwischen Klient und Therapeut. Schwierig wird’s, wenn der Klient nicht ehrlich ist und seinem Analytiker was vormacht. Und wenn der Therapeut was zu verbergen hat …? Vera gerät in Gewissenskonflikte, weil sie Informationen aus den Therapiesitzungen mit der Polizei teilt. Ja, sie tut dies wohldosiert und nur, um einen Mörder zu überführen und Leben zu retten. Doch ihr ist klar, dass sie dadurch das Vertrauen der Analysanden missbraucht.

Kommissar Bender ist bewusst, in welche Lage er Vera Albers durch sein Hilfeersuchen gebracht hat. Doch er kann nicht mehr zurück: Ihre psychologische Perspektive ist für diesen außergewöhnlichen Fall einfach von unschätzbarem Wert!

Ich fand diese zur damaligen Zeit noch neuartige Kooperation zwischen Polizisten und Therapeutin spannend. Mit Vergnügen habe ich mich auf die verschiedenen Theorien zu diesem Fall eingelassen und mich zusammen mit Vera Albers, Karl Bender und Alma Lehmann beharrlich „vorwärts geirrt“.  Ganz nebenbei bekommt man als Leserin noch mit, mit welch heftigem Gegenwind ehrgeizige berufstätige Frauen damals zu kämpfen hatten. (Gibt’s heute auch noch, aber anders.)

Dadurch, dass ich das Buch in recht kurzer Zeit gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass sich manche Gedankengänge mehrfach wiederholen. Liest man den Roman mit längeren Pausen in mehreren Etappen, ist eine gelegentliche Kurz-Zusammenfassung des aktuellen Wissenstands wahrscheinlich ganz hilfreich.

Mit dem Schluss kann ich leben. Die Geschichte ist damit zu meiner Zufriedenheit abgeschlossen. Sollte es neue Fälle für Kommissar Karl Bender und Psychoanalytikerin Vera Albers geben, wäre ich gerne wieder dabei.

Melanie Metzenthin lebt in Hamburg, wo sie als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen psychische Erkrankungen oft eine wichtige Rolle spielen. Beim Schreiben greift die Autorin gern auf ihre berufliche Erfahrung zurück, um aus ihren fiktiven Charakteren glaubhafte Figuren vor einem realistischen Hintergrund zu machen. 2020 wurde sie für ihr Buch „Mehr als die Erinnerung“ mit dem DELIA Literaturpreis ausgezeichnet.

Unter dem Pseudonym „Antonia Fennek“ schreibt sie Psychothriller. 

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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