Katharina Fuchs: Vor hundert Sommern. Roman

Katharina Fuchs: Vor hundert Sommern. Roman, München 2025, Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-56127-0, Hardcover mit Schutzumschlag, 542 Seiten, Format: 15,1 x 4,4 x 22 cm, Buch Hardcover: EUR 24,00, Buch Softcover: EUR 13,99, Kindle: EUR 16,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) Droemer Knaur

„Es war so viel anders, als ihr denkt“, murmelte Elisabeth. „Ich habe es so lange für mich behalten, weil … weil meine Mutter … weil ich nicht anders konnte, weil sie es so wollte und weil ich dachte, es wäre besser so.“

(Seite 387/388)

Berlin und Hamburg 2024: Über Jahrzehnte hinweg hat sich die Familie Brand/Liebig/Petersen mit ausweichenden Antworten auf Fragen nach ihrer Familiengeschichte abspeisen lassen. Nie scheint jemand versucht zu haben, einen Stammbaum zu erstellen, denn dabei wäre unweigerlich ans Licht gekommen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Doch Familiengeheimnisse bleiben selten auf Dauer geheim.

Im Januar 2024 beginnt Anja Petersen (57) die Eigentumswohnung ihrer Mutter in Berlin auszuräumen. Elisabeth Liebig (94) lebt jetzt in einem Seniorenheim in Hamburg, ganz in der Nähe ihrer Tochter. Die Berliner Wohnung soll verkauft werden.

Weil Anja, System-Administratorin in einer Hochschulbibliothek, allein mit dem Räumen der Wohnung überfordert ist, spannt sie ihre jüngste Tochter Lena (19) ein. Die studiert in Berlin Produktdesign, hat erstaunlich viel Freizeit und kann sich deshalb durch Großmutters Besitztümer wühlen, wenn Anja beruflich unabkömmlich ist. Von Anjas ältester Tochter Anabel (25), die als Influencerin und Content-Creator in Köln lebt ist ebenso wenig Hilfe zu erwarten wie von Anjas Mann Stefan. Die halten sich da schön raus.

Lena quartiert sich also samt Hund Finn in Omas Wohnung ein und nimmt sich viel Zeit, alles zu sichten. Das lenkt sie vom ungeliebten Studium ab. Und es ist ja auch interessant, was Oma alles angehäuft hat, vor allem auf dem Dachboden: Dokumente, nie gesehene Fotoalben, die Ausrüstung eines Hundesalons und, gut versteckt, eine rund hundert Jahre alte Pistole!

Wer war die mondäne Clara, die offenbar in den 20er-Jahren in Berlin einen Hundesalon betrieben hat, wie man in einem Album sehen kann? Warum hat sich jemand die Mühe gemacht, aus den Familienalben sämtliche Fotos von Elisabeths Vater – also Lenas Urgroßvater – zu entfernen? Wofür bittet Clara bei Elisabeths Mutter Mathilde so flehentlich um Entschuldigung? Und vor allem: Was hat es mit der Waffe auf sich?

Die einzige Person, die diese Fragen noch beantworten kann, ist Oma Elisabeth. Auf die Funde angesprochen, erzählt sie zunächst widerwillig und so schleppend, als wolle sie sich davor drücken, eine schreckliche Wahrheit auszusprechen.

Berlin in den 1920er- und 1930er-Jahren: Clara Brand, geboren 1904, stammt aus einfachen Verhältnissen und schuftet schon im Teenageralter als Flaschenspülerin in einer Brauerei. Ihre Familie braucht das Geld. Clara ist fleißig und gewissenhaft, aber sie lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Kritisches Denken und Zivilcourage hat sie von ihrem Vater, einem Journalisten, gelernt.

Dass sich Vorarbeiter Pahlke immer wieder an jungen Arbeiterinnen vergreift, nimmt sie nicht widerspruchslos hin. Das bringt ihr zwar die Loyalität und Bewunderung ihrer Kolleginnen ein, doch ihren Job ist sie los. Was sie rettet, ist ihr Talent, mit Hunden umzugehen. So kommt sie auf Umwegen zu einer Anstellung in einem Hundesalon.

Niemand traut Clara zu, sich nach ein paar Jahren mit einem eigenen Salon selbstständig zu machen. Doch nach anderer Leute Meinung hat sie noch nie gefragt. Dass sie sich geraume Zeit nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann, mag für viele ein Skandal sein, für Clara ist es einfach eine Tatsache: Zum russischen Emigranten Aleksei, einem engagierten Kommunisten, fühlt sie sich hingezogen. Der Automechaniker Willy jedoch wäre besseres „Heiratsmaterial“. Wie soll sie sich entscheiden, zumal sie tief in Alekseis Schuld steht?

Claras Schwester, die Apothekenhelferin Mathilde, ist da schon längst verheiratet und hat zwei Kinder, Fritz und Elisabeth. Was, um Himmels Willen, ist zwischen den beiden Schwestern vorgefallen, das den Rest ihres Lebens zwischen ihnen stand?

Oma Elisabeth zögert bei ihren Erzählungen die Wahrheit immer weiter hinaus und Enkelin Lena hat schon Angst, dass sie das Ende der Geschichte nie erfahren wird. An ihrem 95. Geburtstag lässt Elisabeth Liebig schließlich die Bombe platzen.

Selbst wenn sie das nicht getan hätte, wäre ihre Rückschau auf die Familiengeschichte nicht für die Katz gewesen: Das Leben der unkonventionellen (Ur-)Großtante Clara, wenn es auch nicht perfekt war, wirkt auf ihre Nachfahrinnen inspirierend. Anja Petersen, die mit den Zuständen an der Uni hadert, an der sie arbeitet, fasst Mut zu einem Neustart. Wenn Clara sich nicht um die Meinung anderer Leute geschert hat, unbeirrbar ihren Weg gegangen ist und damit erfolgreich war, warum sollte das dann nicht auch bei Anja funktionieren?

Es ist gar nicht notwendig, dass Anja immer zurücksteckt um sich um ihr komplettes Umfeld zu kümmern. Die meisten Menschen sind durchaus in der Lage, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Es ist für sie nur bequem, wenn Anja das macht. Und Studentin Lena stellt im Lauf von Omas Erzählungen fest, dass sie mehr ist als nur das arme Hascherl, für das sie sich bis jetzt immer gehalten hat. Sie hat Ideen, sie hat Ziele, sie hat eine Meinung und eine Haltung, die sie sehr wohl zu vertreten weiß. In Clara hat Lena ein starkes Vorbild.

Der Roman springt zwischen der Gegenwart (Elisabeth und ihre Nachkommen) und der Vergangenheit (Clara Brand) hin und her. Es ist aber stets klar, wann und wo die Geschichte gerade spielt. Wie die ungeduldige Enkelin zappeln wir der rückhaltlosen Aufklärung der Familiengeheimnisse entgegen. 😊

Was vor annähernd 100 Jahren in der Familie vorgefallen ist, habe ich schon verstanden, auch die damit verbundenen Schuld- und Schamgefühle. Mir ist nur nicht klar, warum Mathilde ihre Schwester für die dramatischen Entwicklungen verantwortlich macht. Aus meiner Sicht war das eine Verkettung unglücklicher Umstände, verbunden mit einem unzureichenden „Briefing“ der Kinder. Nichts davon war Claras Schuld. Aber gut: Mathilde hat das eben so empfunden.

Ich habe diese allmähliche Enthüllung der Familiengeschichte mit Spannung und Interesse gelesen.  Okay: Die politischen Auseinandersetzungen an den Universitäten sind für meinen Geschmack ein wenig zu plakativ geraten. Das mag aber eine Einzelmeinung sein. Ein paar Erbsen muss ich auch noch zählen: Wie heißt Anjas Kollegin Esther mit Nachnamen? „Sturm“ (Seite 158) oder „Rosenthal“ (Seite 319)? Und so, wie Lena recherchiert, wird sie Urgroßtante Claras Freund nicht finden. Alekseis Familienname müsste „Volkov“ gelautet haben.

Katharina Fuchs, geboren 1963 in Wiesbaden, verbrachte ihre Kindheit am Genfer See, bevor sie zurück nach Deutschland zog. Nach ihrem Jurastudium in Frankfurt am Main und in Paris wurde sie Rechtsanwältin und Justiziarin eines DAX-notierten Unternehmens. Sie lebt mit ihrer Familie im Taunus.

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Rezensentin: Edith Nebel
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