Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel. Roman

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel. Roman, München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28528-5, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 349 Seiten, Format: 3,8 x 3,3 x 21,5 cm, Buch: EUR 23,00, Kindle: EUR 19,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) dtv

„Glaub ich nicht“, sagte Hannah. „Du bist doch nicht spontan in Kreuzberg und dann fällt dir spontan ein, dass du vor fünfunddreißig Jahren eine Tochter gezeugt hast, zu der du keinen Kontakt hattest und an die du nie gedacht hast, und dann kommst du spontan auf die Idee, da mal unangekündigt zu klingeln? Das ist doch Bullsh*t!“

(Seite 189)

Berlin 2023: In Band 1 der Trilogie (JUNGE FRAU, AM FENSTER STEHEND, ABENDLICHT, BLAUES KLEID) war Hannah Borowski auf der Suche nach ihrer komplizierten Familiengeschichte und nach ihrem Erbe, dem im Buchtitel beschriebenen Gemälde, das in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verlorengegangen war.

Hannahs Familie hatte das wertvolle Gemälde in einem Forsthaus in Güstrow versteckt. Das Haus steht längst nicht mehr und damit ist wohl auch das Bild dahin. Nun ja … nicht ganz. Aber das verrät die Autorin nur uns Leser:innen. Borowskis wissen es nicht.

Güstrow 1945 ff: Auf der Flucht vor den Russen versteckt sich die 14-jährige Marlen in dem bewussten Forsthaus. Durch Zufall findet sie dort das verborgene Gemälde, und weil es hübsch und handlich ist, steckt sie es ein.

Marlen, die im Krieg ihre Familie verloren hat, findet in diesem „Lost Place“ mehr als nur ein Kunstwerk: Die kratzbürstige Kunstmalerin Wilma Engels, die sich zur selben Zeit in dem Gebäude aufhält, hat Mitleid mit dem Mädchen und lässt es in ihrem Haus wohnen. Dort ist genügend Platz. Wilmas Mann, der berühmte Maler Jon Engels, ist mutmaßlich im Krieg gefallen. Wilma rechnet jedenfalls nicht mehr mit seiner Rückkehr, und das ist ihr ganz recht so. Jon hat ihre künstlerischen Ambitionen immer gebremst. Jetzt kann sie sich endlich frei entfalten!

Marlen, inzwischen offiziell adoptiert, erweist sich als künstlerisch begabt. Mehr und mehr wird sie zu Wilmas Assistentin und schließlich zu ihrer „Ghostmalerin“: Wilma diktiert ihr ihre Ideen, so wie wir eine KI „prompten“, und Marlen führt die künstlerische Arbeit komplett aus. So macht Wilma Engels im Arbeiter- und Bauernstaat Karriere mit „ihren“ Bildern von starken werktätigen Frauen.

Sie hat Gründe für dieses Vorgehen, die auch ihre Adoptivtochter nachvollziehen kann. Doch mit der Zeit reicht es Marlen nicht mehr, nur Wilmas verlängerter Arm zu sein. Heimlich malt sie Bilder im eigenen Stil. Die kleine Leinwand, die sie im Forsthaus gefunden hat, hat sie inzwischen zigfach überarbeitet.

Marlen ist Wilma dankbar dafür, dass sie ihr ein Zuhause gegeben hat, aber sie würde liebend gern ihr eigenes Leben führen: Kunst studieren, abstrakt malen, eine Familie gründen, vielleicht auch in den Westen gehen … Aber kann sie das ihrer Adoptivmutter antun, die inzwischen vollständig von ihr abhängig ist? Wäre es nicht Verrat, wenn sie fortginge und Wilmas Leben ins Chaos stürzte?

Das Chaos kommt auch ohne Marlens Zutun. Und nun ist es an Wilma, sich zu fragen, wem sie etwas schuldig ist und wem nicht.

Berlin nach dem Mauerfall: Es kommt zu zwei kurzen Begegnungen zwischen Marlen Engels und der Ärztin Evelyn Borowski, Hannahs Großmutter. Einmal ist sogar Baby Hannah dabei. Evelyn weiß nicht, wie nahe sie ihrem verschollenen Gemälde von der „jungen Frau am Fenster“ ist und Marlen bringt nicht das Gespräch darauf, weil sie nichts von der Beziehung der Borowskis zu dem Bild ahnt. Als Leser lauert man die ganze Zeit darauf, dass endlich jemand die Zusammenhänge erkennt.

Berlin 2023: Hannah Borowski, 34, ist mit ihrem Leben zufrieden. Sie arbeitet für eine Menschenrechtsorganisation und wohnt seit sieben Jahren mit ihrer Freundin Rubi in einer WG.

Ihr Leben gerät durcheinander, als Rubi wegzieht und Hannah sich dazu überreden lässt, das freie WG-Zimmer dem nervigen Neffen ihrer Kollegin zu überlassen. Der ist das wandelnde Kreuzberg-Klischee mit Müsli und Männerdutt. Und weil Hannah sich ohne Rubi einsam fühlt, stürzt sie sich auch wieder ins Abenteuer Partnersuche. Lustig für uns Leser:innen, weniger lustig für die Heldin. 😉

Als wäre Hannahs Leben noch nicht anstrengend genug, meldet jetzt auch noch ihr Erzeuger, der sich noch nie für sie interessiert hat: Rechtsanwalt Martin van der Kampen. Immerhin: Unterhalt gezahlt hat er. Aus heiterem Himmel will er, dass Hannah ihn, seine Frau und seine Söhne kennenlernt. Das hätte er schon viel früher haben können, schließlich leben alle Beteiligten in Berlin.

Soll sie oder soll sie nicht? Hannah sucht Rat bei Rüdiger Hagerle, einem Kindheitsfreund ihrer Mutter. Der meint, sie könne sich ihren Vater und seine Family ja mal unverbindlich ansehen. Das tut sie und findet einen redegewandten Juristen vor mit „Tatort“-Villa, Vorzeigefrau und zwei Söhnen, von denen wenigstens der aufmüpfige jüngere ein wenig hoffen lässt.

Ihrem Vater dagegen glaubt Hannah kein Wort. Weder, dass er sie aus einer spontanen Eingebung heraus kontaktiert hat, noch dass ihm Mutter und Großmutter den Umgang mit ihr untersagt hatten. Ihren neuen Brüdern kommen die Geschichten des Vaters ebenfalls komisch vor. Was will Martin wirklich von Hannah? Durch einen dummen Zufall kommt die Wahrheit ans Licht …

So, und damit ist das Thema „Familie“ für Hannah Borowski nun ein für alle Mal durch. Kein Verlust, findet „Onkel“ Rüdiger, solange man gute Freunde hat. Auch Gemüsehändler Malik, mit dem Hannah beim Einkaufen alles Mögliche bespricht, hält Verwandtschaft für überbewertet. Das, was man verzweifelt sucht und ersehnt, ist nicht immer das, was man braucht.

In diesem Roman geht es zum einen um selbstbestimmtes Leben. Was tut man, wenn man etwas anderes möchte als das, was das Umfeld von einem erwartet? Das ist unter anderem das Thema von Wilma und Marlen Engels und auch von Hannahs „Onkel“ Rüdiger. Muss man aus Dankbarkeit und Rücksichtnahme auf ein Leben nach eigenen Vorstellungen verzichten oder hat man ein Recht darauf?

Zum anderen stellt sich die Frage, was eigentlich eine Familie ausmacht. Waisenkind Marlen hat dank Wilma Engels eine neue gefunden. Blutsbande spielen da keine Rolle. Und Hannah Borowski denkt über ihre Familienbande sowie über Loyalität und Zugehörigkeit ganz neu nach.

Es ist kein Fehler, wenn man zumindest den ersten Band der Trilogie kennt. Das macht es einem leichter, in die Geschichte einzusteigen, weil einem die Figuren schon vertraut sind. In manchen Szenen habe ich mich grinsend bei dem Gedanken ertappt, dass Hannah zwar aussehen mag wie ihre Mutter, aber so biestig sein kann wie Oma Evelyn. Zum Beispiel bei dieser Familienaufstellungs-Sache mit Kollegin Ulrike. Oder bei den Diskussionen mit ihrem Mitbewohner. Szenen wie diese bringen den Leser zum Schmunzeln und nehmen den ernsten Themen und großen Fragen die Erdenschwere.

Ich kann mit dem Abschluss der Trilogie und dem Ende von Hannahs Suche wunderbar leben. Ja, okay, die Sache mit dem Bild …! Aber das ist ja hier kein Hallmark-Film. 😀 So, wie’s ist, ist es sinnvoll, nachvollziehbar und gut.

Alena Schröder, geboren 1979, arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie hat Geschichte, Politikwissenschaft und Lateinamerikanistik in Berlin und San Diego studiert und die Henri-Nannen-Schule besucht. Nach einigen Jahren in der ›Brigitte‹-Redaktion arbeitet sie heute frei u.a. als ›Brigitte‹-Kolumnistin. Gemeinsam mit Till Raether spricht sie in ihrem Podcast »sexy und bodenständig« über das Schreiben. 

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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