Madeleine Becker: Gekommen, um zu bleiben. Unser Haus im Wald. Von Hühnern, Hürden und dem Zauber eines Neuanfangs, München 2026, Wilhelm Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-30241-3, Klappenbroschur, 284 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen (Fotos, Lageplan, illustriertes „Personenverzeichnis“), Format: 13,8 x 2,8 x 20,7 cm, Buch: EUR 18,00, Kindle: EUR 16,99.

„Zugegeben, die Frage nach dem Warum ist durchaus berechtigt. Wir hätten uns eigentlich genauso gut irgendwo eine Wohnung oder ein Häuschen im Grünen suchen können, ohne die ganze Bagage im Schlepptau und vor allen Dingen ohne die ganze Verantwortung, die damit einhergeht. Warum in aller Welt tun wir also, was wir tun?“
(Seite 142/143)
Zieht ein Paar aufs Land …
Super, dachte ich, ein Paar zieht aufs Land und erlebt dort mit baufälligem Gemäuer und allerhand Getier sein blaues Wunder! Das könnte spannend und lustig werden. Ist es auch! Informativ ist das Buch obendrein, weil die Autorin und ihr Partner keine naiven Aussteiger sind, sondern wirklich was von Landwirtschaft und artgerechter Tierhaltung verstehen.
Kann es aber sein, dass sich das Buch hauptsächlich an Leser:innen richtet, die Madeleine Becker schon aus dem Internet kennen (@ frau_freudig) und/oder die ihre beiden vorangegangenen Bücher gelesen haben? Wer ihr Landleben schon länger verfolgt, ist emotional ganz anders involviert als eine wildfremde Person wie ich. Die Autorin erzählt ehrlich und authentisch, aber mir war es etwas unangenehm, in ihre Familien- und Partnerschaftskonflikte so hineingezogen zu werden. Okay, ein bisschen was sollte man über die Vorgeschichte schon wissen, um den Verlauf der Ereignisse zu verstehen.
Fluchtartiger Umzug mit Tieren
September 2023: Geradezu fluchtartig verlassen Madeleine und ihr Lebensgefährte Lukas mit Sack und Pack und ihren Tieren seinen elterlichen Bauernhof in Oberkärnten um auf einem entlegenen, stark renovierungsbedürftigen Anwesen in der Steiermark von vorn anzufangen.
Vier Jahre lang hat sie mit ihm auf dem Hof seiner Familie gelebt und gearbeitet, doch irgendwie hat’s mit den Schwiegereltern nicht gepasst. Deshalb haben sie sich zu diesem überstürzten Neustart entschlossen. Normalerweise hätte man den Hof am Waldrand vor dem Umzug auf Vordermann gebracht und sich nicht mit Rindern, Schweinen, Hühnern, Kaninchen und Katzen in so einem abenteuerlichen Provisorium einquartiert. Aber das war in dem Fall leider keine Option.
Der ganze Hof ist eine Baustelle
„Auf dem Immobilienmarkt scheint ein Bauernhof bezugsfertig zu sein, wenn das Dach nicht einzustürzen droht, wenn es ein funktionierendes Heizsystem gibt und wenn die Wasserleitungen intakt sind.“
(Seite 51)
Keine Frage: Für uns Leser ist es unterhaltsam, wenn das junge Paar von einem Renovierungs-Schlamassel in den nächsten stolpert und weder die Sachkenntnis noch das nötige Budget hat, um der Probleme Herr zu werden. Aber sie sind zäh, einsatzbereit und lernfähig, und sie kennen immer jemanden, der weiß, wie’s geht. Man kann ihnen also nicht vorwerfen, das Unternehmen blauäugig angegangen zu sein.
Diese nie enden wollenden Herausforderungen gehen jedoch körperlich und seelisch an die Substanz. Madeleine und Lukas stemmen dieses Mammutprojekt ja nebenberuflich. Beide haben noch „Brot- und-Butter-Jobs“.
Im Kampf gegen Schnecken und Raupen
Mit Ach und Krach kommen sie über den ersten Winter, und im Frühjahr geht dann mit dem Anlegen des Nutzgartens der Zirkus von vorne los. Wir Leser:innen lernen unter anderem: Wollschweine fressen sogar Nacktschnecken, aber am liebsten, wenn sie vorher mit Gerstenschrot paniert wurden. Wir lernen auch, dass der Name „Gemüseeule“ zwar nach einem freundlichen Tierchen klingt, es sich dabei aber um einen hartnäckigen Nahrungskonkurrenten des Menschen handelt.
„Natur ist Natur, und wir Menschen haben uns damit abzufinden, dass unser persönlicher Wille dabei nicht viel mehr als eine bedeutungslose Randnotiz darstellt (…).“
(Seite 74)
Abenteuer mit Rindern, Schweinen, Hühnern und Katzen
Nach und nach lernen wir die Tiere des Hofes kennen: Kater Theo hat all die Eigenheiten, die man rotbepelzten Katzen nachsagt, ist aber auch sehr feinfühlig, was die Stimmungen seiner Menschen angeht. Wollschwein-Eber Lasse geht, im Gegensatz zu seinen standorttreuen Damen, gerne mal auf Tour, was seine Menschen nicht so toll finden.
Die Rinder, die hier kein Nutzvieh mehr sind, sondern ihr Gnadenbrot erhalten, sorgen für besonders viel Aufregung. Sie sind den Sommer über auf einer Gemeinschaftsalm, wo sie sich immer mal wieder in Kleingruppen absentieren und aufwändig gesucht und gerettet werden müssen. Ihnen verdanken wir auch eine der dramatischsten Episoden in dem Buch: Ein plötzlich einsetzender Schneesturm macht den geplanten Almabtrieb zu einem lebensgefährlichen Unterfangen für Mensch und Tier.
Auch die Hühner machen Sorgen: Ständig sind sie in Gefahr, von Raubvögeln angegriffen zu werden. Ein Hahn soll’s richten. Er soll die Hennen zusammenhalten, warnen und notfalls verteidigen. So kommt „der Admiral“ auf den Hof und kommandiert die Hühner herum. Als die Schar vergrößert wird, kommt er allerdings an seine Grenzen: Die Weiber machen einfach nicht mehr, was er will! 😉
Den Tieren geht es gut. Und den Menschen?
Es gibt eine Vielzahl aufregender, berührender und amüsanter Erlebnisse. Den Tieren geht es hier gut, den Menschen nicht immer, denn Verantwortung und „Mental Load“ sind eine enorme Belastung. Wenn die vielen Helferlein nicht wären – Praktikantinnen, Freunde, Verwandte und Besucher:innen – wäre Madeleine vermutlich schon längst zusammengeklappt. Aber gut: Lukas und sie wollen kein anderes Leben, und das ist der Preis dafür. Für sie ist alles besser als ihre Zeit in Kärnten und die Tätigkeit in der Milchviehwirtschaft.
Jetzt müssen sie nicht mehr vergeblich versuchen, den Ansprüchen der (Schwieger-)Eltern gerecht zu werden, und auch der Druck, eine Balance zwischen Tierwohl und Profitabilität zu finden, ist jetzt weg. Vor allem Madeleine ist das wichtig. Aber wie sollen Bauernhöfe generell tierische Produkte produzieren, ohne die Nutztiere dabei zu quälen? Dass sich alle Fleisch- und Milchkonsumenten in Veganer verwandeln, ist illusorisch. Es müsste irgendeinen Mittelweg geben … aber das ist, als suchte man nach der Quadratur des Kreises. Vielleicht findet ja mal jemand eine wirklich schlaue Antwort auf diese Frage.
Die „Krone der Schöpfung“ ist das Problem
Wer es sich zum Thema macht, dass der Mensch sich für die Krone der Schöpfung hält und die Natur ausbeutet und ruiniert, statt sie zu schätzen zu wissen, kann daran verzweifeln. Das verstehe ich, und es tut mir leid, dass das der Autorin so zu schaffen macht. Ich hoffe für sie, dass die glücklichen Momente in ihrem neuen Leben überwiegen … solche wie die, die auf den wunderbaren Fotos in dem Buch festgehalten worden sind.
„Es gibt da diese Zeit, kurz vor Sonnenuntergang, in der unser gesamter Hof in goldenes Licht getaucht ist. Alles leuchtet, es sieht aus, als würde man mit einem dieser kitschigen Bildbearbeitungsfilter vor Augen durch die Gegend laufen.“
(Seite 15)
Die Autorin
Madeleine Becker, geboren 1992 in Speyer, Rheinland-Pfalz, zog mit sechs Jahren in die Nähe von Köln. Später studierte sie Geschichte, Politik- und Kommunikationswissenschaften in Jena. Seit 2019 lebte und arbeitete die selbsternannte »Kuhschelfachkraft« auf einem Bauernhof in Kärnten, bevor sie im Sommer 2023 den Schritt wagte und mit ihrem Freund Lukas und einigen Vierbeinern einen eigenen Hof in der Steiermark bezog. Von dort aus unterhält Madeleine ihre stetig wachsende Follower*innenschaft auf Instagram mit Fotos und Storys vom Hof. Sie ist beliebte Talkshowgästin sowie Expertin für Öffentlichkeitsarbeit landwirtschaftlicher Betriebe und setzt sich als solche für Tierschutz und Nachhaltigkeit ein.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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