Heike Abidi, Daniela Nagel: Achtsam jammern. Strategien, Übungen und Humor gegen Dauer-Mimimi, Berlin 2026, Goldegg Verlag, ISBN 978-3-99060-539-4, Klappenbroschur mit s/w-Abbildungen, 239 Seiten, Format: 13,4 x 2,1 x 21,2 cm, EUR 19,00.

„Hin und wieder tut es […] ganz gut, sich den erlebten Frust mal von der Seele zu reden. Manchmal wird einem dabei das eigentliche Problem erst richtig bewusst und man findet von selbst Lösungsansätze – oder man bekommt gute Tipps, die sich leicht umsetzen lassen. Außerdem kann gemeinsames Jammern auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen lassen. Jammern ist also nicht grundsätzlich zu verteufeln – aber es sollte eben nicht dabei bleiben, sondern idealerweise in eine Aktivität münden. […]“
(Heike Abidi in einem Interview mit dem Verlag)
Als erstes habe ich im Internet geschaut, was genau man unter „Jammern“ versteht: Das ist, wenn man sich weinerlich, übertrieben und/oder wiederholt über Umstände beklagt.
Eine Definition halte ich für wichtig. Nicht, dass wir das Falsche bleiben lassen! Es ist zum Beispiel sinnvoll und notwendig, sich über Missstände auszutauschen, um etwas dagegen unternehmen zu können. Sonst sitzt jeder in seiner Ecke und glaubt, nur er allein habe dieses Problem. Man muss auch sagen dürfen, dass es einem schlecht geht und man Hilfe benötigt. Es ist ebenfalls okay, sich zu beschweren, zu reklamieren und sich unangemessenes Verhalten zu verbitten. Nicht jedes kritische Wort ist gleich Gejammer (auch wenn einer meiner früheren Chefs das so gesehen hat). Und manchmal muss selbst der größte Optimist ein wenig Dampf ablassen dürfen!
Was jedoch nichts bringt außer schlechter Laune, ist das gebetsmühlenartige Beklagen ein- und derselben Situation, ohne etwas daran ändern zu wollen. Das bringt den Jammerer nicht weit, zieht seine vollgejammerten Mitmenschen runter und schlägt sie schlimmstenfalls in die Flucht.
Wie es um unser eigenes Kommunikationsverhalten bestellt ist, können wir mit einem Test in den Umschlagklappen ermitteln: Sind wir ein Jammerlappen, ein Seelenmülleimer, ein Optimist oder irgendwas in der Mitte? Der Ton ist locker, im Quiz und im Buch, dennoch werden die Menschen und ihre Probleme ernsthaft und mit Sachverstand behandelt.
1. Was das Jammern mit uns macht
Jammern kann helfen. Es sorgt für emotionale Entlastung, baut Stress ab, schafft Solidarität mit Schicksalsgenossen, man bekommt vielleicht hilfreiche Tipps oder anderweitige Unterstützung. Manchmal löst Gejammer tatsächlich eine Veränderung aus! Leider nicht immer. Woran man merkt, dass man selbst zu viel jammert oder sich zu viel Gejammer anhört, erfahren wir in diesem Kapitel.
Nett fand ich die Idee mit den kleinen Kärtchen, die man dem Gesprächspartner im Bedarfsfall zustecken kann. „Bitte Thema wechseln“ ist eines davon.
2. Sind wir nicht alle ein bisschen „mimimi“?
Ist Jammern erblich? Nicht direkt. Man macht es so, wie man es im Elternhaus erlebt hat – wenn man nicht aktiv gegensteuert. Aus einer geborenen Schwarzseherin wird zwar nie ein Sonnenschein werden, doch bis zu einem gewissen Grad ist das eigene Verhalten durch Übung veränderbar.
Während Hobby- und Extremjammerer klagen, ohne zu leiden und alle Aufmerksamkeit bekommen, die sie sich wünschen, gehen depressive Menschen oft unter. Sie jammern nicht, sondern versuchen, sich nichts anmerken zu lassen. Hier erfahren wir, was wir in diesen Fällen tun können.
3. Eigentlich können wir ja über alles jammern …
Ob Wetter, Preise, Familie oder die Bahn – die Jammerthemen sind unendlich. Doch die Energie fließt dorthin, wo der Fokus ist. Denkt man hauptsächlich an Negatives, kann das nicht nur zur selbst erfüllenden Prophezeiung führen, sondern auch dazu, dass wir Positives gar nicht mehr wahrnehmen.
Warum tun wir das? Vielleicht, weil die Opferrolle manchmal bequemer ist, als an einer unangenehmen Situation etwas zu ändern. Was können wir unternehmen, um selbst in die Puschen zu kommen? Und was ist, wenn wir sehen, dass eine nahestehende Person in einer solchen Situation feststeckt? Sollen wir uns einmischen oder nicht? Kommt darauf an …
4. Jammern – eine Sportart mit vielen Disziplinen
Der Mensch ist ein soziales Wesen und will dazugehören. Deshalb jammern wir manchmal, damit andere nicht neidisch werden und wir nicht aus einer vertrauten Gruppe ausgeschlossen werden. Warum das keine gute Idee ist, zeigt uns dieses Kapitel.
Hier lernen wir auch besonders nervige Spielarten des Wehklagens kennen: Das „kompetitive Jammern“ zum Beispiel, bei dem man sich gegenseitig mit Elend übertrumpft: „Meine Operation war aber viel schlimmer als deine“. Das hilft keinem der Beteiligten. Noch unsympathischer: Gejammer, das in Wirklichkeit verkappte Angeberei ist. Auf solche Spielchen sollten wir uns gar nicht erst einlassen. Wie wir das bewerkstelligen, sehen wir hier.
5. Raus aus der Jammerschleife!
Wenn Gejammer so schädlich ist, was sollten wir stattdessen tun? Alles weglächeln? Bloß nicht! Negatives zu verdrängen ist toxische Positivität und auch nicht gesund! Das Jammern und Sorgenmachen sollen wir uns gar nicht ganz abgewöhnen. Es hat auch seinen Nutzen! Es soll nur nicht so viel Zeit und Energie kosten, dass wir nichts mehr für notwendige Veränderungen übrighaben.
Wir finden hier eine Vielzahl von Tipps und Übungen, mit denen wir aus der Jammerschleife herausfinden können. Es bleibt aber eine Gratwanderung. Was immer wir tun, kann schnell ins Gegenteil umschlagen, wie die Beispiele auf den Seiten 196 bis 198 anschaulich zeigen. Patentlösungen gibt es keine. Aber wir bekommen hier verschiedene „Werkzeuge“ an die Hand, die wir im Bedarfsfall einsetzen können.
Wissen, Tipps und Unterhaltung
Unterhaltsam ist das Buch obendrein. Manche Fallbeispiele sind zum Piepen und dabei nur milde überspitzt. Ich zumindest kenne solche Leute! 😉 Dazu gibt es noch die Bullsh*t-Bingos, zum Beispiel „Das Leben ist kein Ponyschlecken“ (Seite 137). Da man nicht gleichzeitig kichern und jammern kann, ist das eine feine Sache.
ACHTSAM JAMMERN nimmt uns mit auf einen ebenso amüsanten wie hilfreichen Streifzug durch die menschliche Kommunikation. Wahrscheinlich werde ich jetzt eine Weile streng kontrollieren, was ich erzähle, es könnte ja nutzloses Gejammer sein. Ob ich das dauerhaft beibehalten kann, werden wir sehen. Sinnvoll wär’s schon:
„Je achtsamer du durch das Jammertal wanderst, je mehr du die richtigen Muskeln trainierst, desto mehr wird sich das Jammertal in ein Paradies verwandeln.“
(Seite 230)
Die Autorinnen
Daniela Nagel, auch bekannt als Marie Adams, ist Bestsellerautorin, Schreibcoach und Podcasterin. Seit über zehn Jahren schreibt sie erfolgreich Romane und Ratgeber, darunter die gefeierte Hebammen-Trilogie „Das Haus der Hebammen“ (Blanvalet). Als erfahrene Autorin verbindet sie fundiertes Wissen über Buchmärkte, Storytelling und Schreibprozesse mit einer großen Leidenschaft dafür, andere auf ihrem Weg zum eigenen Buch zu begleiten. In ihrem Podcast „Bring dein Herzensthema in die Welt“ und in ihren Coachings unterstützt sie angehende Autor:innen dabei, ihre Botschaft sichtbar zu machen und ihr Herzensbuch zu veröffentlichen. Daniela lebt mit ihrer Familie in Köln.
Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin und schreibt seit über 20 Jahren erfolgreich als Werbetexterin, Romanautorin und Co-Autorin humorvoller Sachbücher. Sie veröffentlicht unter mehreren Pseudonymen Liebes- und Jugendromane und ist Präsidentin von DELIA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autorinnen. Heike Abidi lebt in der Pfalz und engagiert sich aktiv in der Literaturszene.
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Rezensentin: Edith Nebel
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