Karen Kliewe: Die Brandung – Blutfänger. Ein Ostsee-Krimi (Band 4), München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26453-2, Klappenbroschur, 366 Seiten, Format: 13,6 x 3 x 21 cm, Buch: EUR 16,00, Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch erhältlich.

„Jetzt war es an Fria, tief durchzuatmen. Familie! Manchmal möchte man einfach nur weg!“
(Seite 361)
„Das alles tat ihm unendlich leid. Für Mølgaard und seine Familie ebenso wie für die Svenssons. Wenn einer wusste, was falsche Entscheidungen anrichten konnten, dann er.“
(Seite 353)
Archäologin Fria gräbt in alten Familiengeschichten
Dieses Mal gräbt die dänische Archäologin und Ex-Polizeischülerin Fria Svensson (40) nicht im Erdreich, um den Geheimnissen der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, sondern in den Lebensgeschichten nahestehender Mitmenschen. Und ob es ihm passt oder nicht, steht ihr dabei der deutsche Kriminalhauptkommissar Ohlsen zur Seite. Er mag sie, kennt ihren Hang zu lebensgefährlichen Alleingängen und bringt es einfach nicht über sich, sie im Stich zu lassen, wenn sie sich wieder mal in einen Kriminalfall verbeißt.
Ähnlich widerwillige Unterstützung erfährt Fria von ihrer Familie: Vater Eskild und ihre Brüder Troels und Jais sind bei der dänischen Polizei, ihr Bruder Matthis ist Staatsanwalt.
Was verbirgt der Freund ihres Mitbewohners?
Was also heckt sie dieses Mal aus? Wir erinnern uns: Ihr WG-Mitbewohner, der labile und nicht besonders lebenstüchtige Künstler Marten, hat einen neuen Lebensgefährten. Poul-Aage Justesen, einen Logistiker aus Dänemark. Ein Bär von einem Mann, aber sehr freundlich und sensibel. So gern Fria diesen Kerl mag: irgendwas stimmt nicht mit ihm! Sie hat schon ihre Brüder auf ihn angesetzt und die haben festgestellt, dass es einen Mann dieses Namens gar nicht gibt.
Bei der erstbesten Gelegenheit verschafft sie sich Zutritt zu Pouls Wohnung und findet dort, gut versteckt, eine Rocker-Kutte der Outlaw Motorcycle Gang MB28. Das sind keine Chorknaben! Und es gibt keine Möglichkeit, wie er zufällig an diese Kutte gekommen sein könnte. Wer so ein Kleidungsstück hat, gehört zur Gang, basta.
Es gibt also genau zwei Möglichkeiten: Entweder Poul ist noch aktives Gangmitglied und macht Marten was vor, vielleicht, um an dessen wohlhabende Familie heranzukommen. Oder er meint es ernst mit ihm, dann macht er der Gang etwas vor. Doch weshalb hätte er dieser Gruppe überhaupt beitreten sollen und wollen? Der Poul, den sie alle kennen, verabscheut deren Ansichten.
Plötzlich verschwunden – aber nicht freiwillig!
Noch halten Kommissar Ohlsen und die Svenssons Frias diesbezügliche Nachforschungen für einen Spleen. Sie spioniert Poul doch nur hinterher, weil sie ihren Mitbewohner Marten beschützen will! Der ist für Fria sowas wie ein vierter kleiner Bruder. Doch dann verschwindet Poul. Dass er das nicht freiwillig getan hat, davon ist auszugehen: Jemand hat seine Nachbarin überfallen, gefoltert und seinen Aufenthaltsort aus ihr herausgepresst. So, wie die alte Dame den Täter beschreibt, dürfte das einer aus der Führungsriege der Rockergang gewesen sein. – Was ist das jetzt für eine Entwicklung? Jedenfalls keine gute!
Plötzlich ist auch Marten wie vom Erdboden verschluckt. Fria und Ohlsen sind sicher, dass die beiden in Lebensgefahr schweben. Sie können nicht warten, bis die Polizeimaschinerie diesseits und jenseits der deutsch-dänischen Grenze anspringt. Sie machen sich unverzüglich auf den Weg ins dänische Hauptquartier der MB28. Kommen sie noch rechtzeitig, um Poul und Marten zu retten? Was können sie überhaupt zu zweit gegen so eine Organisation ausrichten?
Trügerische Kindheitserinnerungen
Auf jeden Fall wissen sie inzwischen, dass hinter Pouls widersprüchlichem Verhalten eine dramatische Familiengeschichte steckt – und eine Abfolge zweifelhafter Entscheidungen. Fria Svensson ist insgeheim froh, dass ihre Brüder und sie in einem so liebevollen Umfeld aufgewachsen sind, auch wenn sie ihre Mutter früh verloren haben und ihr alleinerziehender Vater aufgrund seines Berufs nicht viel Zeit für sie hatte.
Tja … und dann macht ein Unbekannter mit makaberen und strafbaren Aktionen auf einen rätselhaften Verkehrsunfall mit zwei Todesopfern aufmerksam, der sich vor über 30 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft der Svenssons ereignet hat. Die Polizei ermittelt wegen der aktuellen Straftaten und Fria fragt die Leute aus ihrer Heimatgemeinde über den Unfall von damals aus. Dabei erfährt sie mehr, als ihr lieb ist – auch über ihre eigene Familiengeschichte.
Kommissar Ohlsen hat einen Verdacht, wer die Aufmerksamkeit auf den Unfall von 1990 lenken wollen könnte. Fria will davon nichts hören. Doch als einem ihr nahestehenden Menschen Gefahr droht, ist sie zu allem bereit. Es kommt wieder zu einem ihrer berüchtigten Alleingänge …
Krimi und Familiendrama
Ist das jetzt ein Krimi oder ein Familiendrama? – Beides. Eingebettet in zwei voneinander unabhängige Kriminalfälle geht es um Familien, die ihre Geheimnisse haben und auf unterschiedliche Weise dysfunktional sind. Und es geht um spontan getroffene Fehlentscheidungen, die starke Auswirkungen auf die Zukunft etlicher Menschen haben.
Die Geschichte von Poul, die sich schon in den vorangegangenen Bänden abgezeichnet hat, ist zum Teil recht brutal. Ich fand sie aber deutlich mitreißender und plausibler als die Dramen rund um den Verkehrsunfall. Die Unfallgeschichte war mir zu kompliziert konstruiert. Da hängen so viele Leute mit drin …! Mir hätte es gereicht, wenn die Wahrheit durch inoffizielle Nachforschungen ans Licht gekommen wäre. (So, wie es ist, ist es natürlich spannender.)
Die Polizei ermittelt – Fria handelt
Ich mag es, wie die Ermittler in dieser Reihe in unserer Gegenwart denken und argumentieren und so auf nachvollziehbare Weise zu ihren Schlussfolgerungen gelangen. Dass es nicht nur beim Reden bleibt, dafür sorgt schon Fria, die irgendwann einfach handelt – nicht immer wohldurchdacht, aber oft sehr erfolgreich.
Beim nächsten Band, so heißt es, gibt’s wieder mehr Archäologie. Worum es beim kommenden Fall gehen wird, wird schon auf den letzten Seiten dieses Buchs angerissen. Ich wäre auf jeden Fall gerne wieder dabei.
Die Autorin
Karen Kliewe, Jahrgang 1970, hat als Fotografin, Illustratorin und Grafik-Designerin gearbeitet, bevor sie das Krimischreiben entdeckte. Sie lebt mit ihrer Familie im Westfälischen.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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