Karin Thaler, Carina Heer: Stark, weil ich stark sein musste

Karin Thaler, Carina Heer: Stark, weil ich stark sein musste. Die Doppelrolle meines Lebens, München 2026, Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-56311-3, Hardcover mit Schutzumschlag, 236 Seiten mit farbigen Abbildungen, Format: 14,8 x 2,4 x 22 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 18,99.

Abb.: (c) Droemer Knaur

„Ich kümmere mich darum“, flüsterte ich nur in den Hörer. […] Mein Herzschlag hämmerte in den Ohren, und in meinem Hirn ratterte es. Was war zu tun? Wen konnte ich anrufen? Und warum, verdammt noch mal, war ich immer diejenige, die die Sch***e der anderen auszubaden hatte?

(Seite 135)

Ach, du lieber Himmel! Diese Schauspielerin spielt nicht nur in Krimiserien mit – sie hat Jahre ihres Lebens in einem Krimi gelebt!

Ihr privates Drama muss Anfang der 1990er Jahre durch die Medien gegangen sein. Das ging an mir vorbei, weil ich Karin Thaler erst auf dem Schirm habe, seit ich DIE ROSENHEIM-COPS für mich entdeckt habe. Dort ist sie seit 25 Jahren als die patente und meist gut gelaunte Marie Hofer zu sehen. Dass die Darstellerin so harte Zeiten erlebt hat, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Manchmal schließt man naiverweise von der Rolle auf den Schauspieler.

Das, was Karin Thaler uns mit Hilfe ihrer Co-Autorin Carina Heer in diesem Buch erzählt, halte ich für eine transgenerationale Problematik. Nicht umsonst beginnt sie ihre Erinnerungen mit ihrer Großmutter mütterlicherseits. Adamine Sauer ist mit 29 schon eine Witwe mit drei kleinen Kindern. Sie ist ganz auf sich gestellt, muss sich durchkämpfen und vor allem anpassen. Wenn sie als Flüchtling schon nicht willkommen ist, will sie um keinen Preis unangenehm auffallen.

Jahre später: Dass einer von Adamines Söhne ins kleinkriminelle Milieu abgerutscht ist, muss vor allem die kluge und fleißige Tochter Hedwig „Hedi“ ausgleichen. Als zuverlässige Bürokraft ernährt sie zeitweise die Familie. Was ihr Bruder treibt, wird unter den Teppich gekehrt. Und was Hedi sich vom Leben wünscht, spielt keine Rolle. Ihr einziger Akt der Rebellion: Sie heiratet den nichtsnutzigen Hallodri Hannes Fuggenthaler, der sie alsbald mit zwei kleinen Töchtern sitzenlässt und keinen Pfennig Unterhalt zahlt. Die ältere der Töchter ist Karin, die später ihren Nachnamen zu „Thaler“ verkürzt.

Oma Adamine sieht sich durch Hedis Scheidung bestätigt: Wenn sie die Kontrolle abgibt und ihre Nachkommen wursteln lässt, geht das schief. Fortan führt sie (wieder) das Regiment im Leben ihrer Tochter und Enkelinnen. Hedi kann sich nicht wehren und nimmt alles hin.

Karin liebt zwar ihre Familie, träumt aber von einem anderen Leben. Berühmt will sie werden, ob als Sängerin oder Schauspielerin – egal! Ihre Freundin Tine, die sie seit der Grundschule kennt, unterstützt und bestätigt sie darin. Talentwettbewerbe, Misswahlen … als Teenie und Twen nimmt Karin alles mit. Die Beschreibung ihres Lebensgefühls in den 80ern kann ich gut nachvollziehen:

„Die Arbeit ödete mich an, Chris hatte mich enttäuscht und doch vibrierte ich weiter vor Erwartung. Ich war und blieb mir sicher: Auf die kleine Karin Fuggenthaler aus Deggendorf wartet etwas ganz Großes.“

(Seite 61)

Was in ihrer Familie vorgeht, bekommt sie nicht mit. Als plötzlich ein Möbelwagen vor der Tür steht und Fuggenthalers zwangsgeräumt werden sollen, weil Hedi die Miete nicht bezahlt hat, fällt Karin aus allen Wolken. Weil die Mutter einfach nur dasteht und schaut, liegt es an der 20jährigen Tochter, das Unheil abzuwenden. Und das ist erst der Anfang! Immer wieder leiht sich Hedi Geld und verspielt es. Sie begeht eine Unterschlagung und wird rechtskräftig verurteilt. Warum sie das alles tut, kann oder will sie nicht sagen. So geht das Jahr um Jahr und wird immer schlimmer. Es ist unfassbar, auf welche Ideen diese Frau kommt, wenn es darum geht, sich Geld zu beschaffen!

Karin paukt ihre Mutter immer wieder raus, verliert kein Wort darüber und arbeitet an ihrer Karriere. Als Geniestreich entpuppt sich ihre Idee, eine Prominente anzuschreiben und um Rat und Hilfe zu bitten. Das klappt tatsächlich! 1985 bekommt sie die Hauptrolle in einem Fernsehfilm. Doch so schnell kann sie das Geld gar nicht verdienen, wie ihre Mutter es ihr wieder abschwatzt und verzockt.

Als Karin in dem Bemühen, ihre Mutter vor dem Gefängnis zu bewahren, für sie eine Bürgschaft übernimmt, geht’s rasant bergab. Dadurch verschuldet sich die Tochter derart, dass sie und ihr Mann, der Musiker Miloš Malešević, auf keinen grünen Zweig mehr kommen. Auf dem absoluten Tiefpunkt essen sie gespendetes Katzenfutter. (Welche Mutter kann das für ihr Kind wollen?!)

Karin lässt sich von Freunden und Kollegen nichts anmerken, denn so hat sie es zuhause gelernt. Als Leser:in leidet man mit ihr mit und fragt sich, wie sie aus diesem Schlamassel jemals wieder herauskommen will.

Ich hatte recht schnell eine Vermutung, was mit Hedi los ist. Das ist heute keine Kunst, weil man über psychische Erkrankungen viel offener spricht als vor 30 oder 40 Jahren. Man kann sich im Internet informieren, es gibt Therapien, Schuldnerberatungen und die Möglichkeit der Privatinsolvenz. Für Karin und ihre Familie war das nicht zugänglich. Die Mutter bekommt ihre Diagnose erst im Rentenalter, als sie ihr Leben und das ihrer Familie bereits erfolgreich ruiniert hat. Da ist therapeutisch auch nichts mehr zu machen.

Dass Karin Thaler trotzdem die Zuversicht nicht verloren hat, verdankt sie einer enormen Resilienz und der Unterstützung wirklich guter Freunde. Ich hätte der Familie aber mehr professionelle Hilfe gewünscht. So schlimm, wie alles gekommen ist, hätte es nicht kommen müssen. Doch es war eine andere Zeit.

Neben all den Familiendramen gibt’s in dem Buch natürlich auch das, weswegen viele Fans hier sind: Einblicke in die Arbeit bei Film und Fernsehen. Ist das so glamourös, wie wir uns das vorstellen? Und bilden wir es uns nur ein, oder hat sich die Arbeit an den Fernsehserien in den letzten 20+ Jahren deutlich verändert? Vergleichen wir aktuelle Folgen mit solchen aus der Anfangszeit, drängt sich der Verdacht auf.

Es ist beeindruckend, wie offen die Schauspielerin aus ihrem Leben erzählt. Auch von Einfällen und Aktionen, die bestenfalls mittelschlau waren, berichtet sie ganz ungeschönt. Das rechne ich ihr hoch an. Trotzdem ist es keine Generalabrechnung. Manche Namen hat sie im Buch geändert und manche Personen, die in ihrem Leben sicher eine größere Rolle spielen, kommen zu deren Schutz nur ganz am Rande vor. Das halte ich für anständig. Wir müssen nicht alles wissen. Karin Thalers Erinnerungen sind auch so schockierend und berührend genug. Und es ist gut, dass wir heute bessere Möglichkeiten haben, psychischen Problemen zu begegnen als damals. Wir können mehr tun als schweigen und aushalten.

Karin Thaler ist eine deutsche Schauspielerin, geboren 1965 in Deggendorf. Sie hat in zahlreichen deutschen Fernsehfilmen und -serien mitgewirkt und ist besonders bekannt für ihre Rolle in der Serie „Die Rosenheim-Cops“. Karin Thaler ist seit 1997 mit dem Musiker Milos Malesevic verheiratet und lebt mit ihm zusammen in der Nähe von München.

Carina Heer ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und seit 2014 als freie Autorin und Lektorin tätig. Sie verfasste unter anderem die erfolgreiche Biografie von Grimme-Preis-Trägerin Michaela May „Hinter dem Lächeln“, und ist identisch mit der Spiegel-Bestseller-Autorin Carolina Graf („Heute zieht ein Wichtel bei uns ein“) und der erfolgreichen Spielentwicklerin Emma Hegemann („Wahrheit oder Pflicht“ und „Pass auf, was du sagst“). Carina Heer ist seit ihrer Jugend als Oberministrantin, Lektorin, Organisatorin von Kindergottesdiensten kirchlich aktiv. Sie lebt und arbeitet bei Bamberg.

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Rezensentin: Edith Nebel
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