Birgit Körner: Mord nach Schnittmuster. Ein Näh-Krimi

Birgit Körner: Mord nach Schnittmuster. Ein Näh-Krimi, Köln 2026, Emons Verlag, ISBN 978-3-7408-2640-6, Softcover, 288 Seiten, Format: 11,2 x 3,2 x 18,9 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 11,99.

Abb.: (c) Emons Verlag

„Mich beschäftigt dieser Fall bis heute. Immer wieder träume ich davon […]. Ich kann diese alte Geschichte nicht mehr klären. Aber was ich tun kann, ist, in jedem neuen Fall so lange zu ermitteln, bis ich den tatsächlichen Täter gefunden habe.“

(Seite 262)

Ein Krimi, der im Umfeld von Modedesignerinnen, (Hobby-)Schneiderinnen und Modebloggerinnen spielt und dazu noch in Esslingen, unserer Kreisstadt! Dieses Buch musste ich haben! Bei so vielen persönlichen Bezügen – meine Mutter war Schneiderin, ich blogge und lebe kaum 10 km vom Tatort entfernt – war’s mir fast egal, wie gut die Krimihandlung ist. Aber sie kann sich sehen lassen! 😉

Darum geht’s: Als Corinna Eisenhut, Verkäuferin im Stoffgeschäft „Naht und Rat“ ihren Arbeitsplatz in der Esslinger Altstadt betritt, ist zwar die Tür offen aber die Chefin nicht da. Corinna findet sie schließlich im Keller – tot!  

Ist Hanna Schmidt die steile Treppe hinuntergefallen oder hat jemand nachgeholfen? Letzteres wär‘ kein großes Wunder, denn die Ladeninhaberin war, sagen wir mal, ein bisschen anstrengend. Was genau geschehen ist, das müssen nun Kommissar Martin Leitner und sein Team von der Kripo in Esslingen herausfinden.

Die Kommissare Leitner und Travazzi tapern nun durch das Fachgeschäft wie zwei Aliens. Vieles von dem, was hier verkauft wird, ist ihnen völlig fremd! Jersey, Viskose, Sommersweat? – Nie gehört! Und was, zum Geier, sind Kurzwaren? – Ihre Verwirrung ist schon sehr amüsant!

Wozu diente wohl der hochmoderne Computer-Arbeitsplatz nebst Kamera im Keller? Ach so! Da hat die Chefin, eine studierte Modedesignerin, die Schnittmuster entworfen, die sie im Laden und online zum Verkauf angeboten hat. Ihre Blogbeiträge sind ebenfalls da unten entstanden. Vor allem Videos mit „Näh-Hacks“ hat sie gepostet: Tipps und Tricks, von denen wir einige – in Textform – auch in diesem Krimi finden.

Hannas Blogbeiträge haben den Eindruck gemacht, als würde eine hilfsbereite Person ganz im Vertrauen ihr Expertinnenwissen mit guten Freundinnen teilen, stellen die Ermittler fest. Doch in Wahrheit hatte die Frau kaum Freunde. Sie war eine perfektionistische und rücksichtslose Geschäftsfrau. Niemand scheint traurig darüber zu sein, dass sie nicht mehr lebt. Ihre Mitarbeiterin trauert nur um ihren Arbeitsplatz. Auch Hannas Ehemann wirkt überraschend gefasst, genau wie ihre Schulfreundin Katharina Wagner. Na ja, die hätte auch allen Grund, auf Hanna sauer zu sein …!

Und sonst? Hubert Häfner, der Inhaber eines Kurzwarengeschäfts am Blarerplatz, war auf seine Konkurrentin nicht gut zu sprechen. Aber war er wütend genug auf sie, um ihr etwas anzutun? Er tritt ja ziemlich aggressiv auf!

Und dann ist da noch die rätselhafte Welt der Online-Kommentare und Social-Media-Follower: Vordergründig wirkt alles nett und herzlich, doch unter der Oberfläche brodelt es. Es ist auch nicht jede/r das, was er/sie zu sein vorgibt. Wären nicht die jungen Kollegen von der IT, Kommissar Leitner wäre verloren und sein Kollege Travazzi stünde nicht viel besser da. Dabei sind die beiden noch gar nicht so alt! Travazzi ist Mitte 30 und Leitner hat eine Teenie-Tochter, der ist vielleicht 40. Ein bisschen mehr auf der Höhe der Zeit könnten die zwei schon sein!

Vielleicht sind sie einfach nicht ganz bei der Sache. Salvatore Travazzi ist mit den Gedanken schon im Urlaub und will den Fall möglichst schnell abschließen. Martin Leitner hat Ärger mit seiner Frau Bettina. Auch dabei geht’s um Urlaub: Sie will immer in den Süden, er hasst Hitze und würde lieber nach Norwegen oder Schweden reisen. Als er nun im Zuge der Ermittlungen in Kontakt mit einer sympathischen Skandinavien-Bloggerin kommt, kriegt seine Gattin das in den falschen Hals und der Haussegen hängt schief.

Warum sich zwei so intelligente Leute wie die Leitners nicht auf ein Reiseziel einigen können, wird lange nicht klar. Ein Jahr Süden, ein Jahr Norden, wo ist das Problem? Irgendwann erfahren wir: Es steckt mehr dahinter als nur die Frage „warm oder kalt“. Genau wie hinter Leitners Begeisterung für die Sagengestalt des Esslinger „Postmichels“. Dessen tragische Geschichte erinnert ihn an seinen letzten Fall an seiner alten Wirkungsstätte. Damals hat er sich dazu nötigen lassen, sein Bauchgefühl zu ignorieren – mit fatalen Folgen! Das, so hat er sich geschworen, wird ihm nie wieder passieren!

Als das Alibi des Hauptverdächtigen im Todesfall Hanna Schmidt platzt, lassen Leitners Kollegen schon die Sektkorken knallen. Er aber zweifelt. Irgendwas passt da nicht! Bevor er den falschen erwischt, geht er der Sache lieber nochmals nach. So eine Intuition ist ja schon was Feines, aber wenn man sich davon zu einer spontanen Aktion hinreißen lässt, von der niemand was weiß, kann das auch böse ins Auge gehen …!

Das Mordopfer wird derart unsympathisch dargestellt, dass es dem Leser im Grunde egal ist, wer die Frau umgebracht hat. Mich hätte es nicht mal gestört, wenn der Täter davongekommen wäre. Erst als die Möglichkeit im Raum steht, dass die Polizei den falschen verhaftet hat, lässt uns das munter werden: Nein, das geht auf gar keinen Fall! Nicht nur, weil das Leitners schlimmster Albtraum ist!

Interessanter als der Kriminalfall ist der Kulturclash zwischen den Kommissaren und der Modewelt. Um den Wahnsinn auszuhalten, braucht Martin Leitner verflixt viel süße Nervennahrung! 😀

Wer Esslingen und seine Region kennt, hat bei Erwähnung einzelner Schauplätze sofort ein Bild vor Augen. Wer nicht „von hier“ ist, kann der Handlung trotzdem folgen. Schwäbisch muss man auch nicht verstehen. Nur eine Nebenfigur schwätzt Dialekt: der Heiner vom Empfang.

Auch wenn die Figuren auf Humor und Skurrilität angelegt sind: Ein bisschen habe ich mit dem Widerspruch zwischen dem beruflichen und privaten Kommissar Leitner gehadert. Im Job ist er ein brillanter Ermittler mit gutem Gespür für das, was seine Mitmenschen umtreibt – daheim ein Hampelmann, der keine Ahnung hat, was in seiner Familie vorgeht und der sich von „seinen Frauen“ manipulieren und herumschubsen lässt. Vielleicht hat er nach Feierabend einfach keine Kraft mehr, Motiven nachzuspüren und sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Ob er aus den Ereignissen im Fall Hanna Schmidt was gelernt hat? Das ist eher fraglich. Aber was ein „Nahtschatten“ ist, wird er wohl nicht so schnell vergessen …

Birgit Körner, Jahrgang 1971, liebt das kreative Schaffen – egal, ob beim Nähen oder beim Schreiben. Mit ihren Kurzgeschichten hat sie bei Wettbewerben bereits Preise gewonnen. Sie lebt und arbeitet im Großraum Stuttgart.

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert