Ulrike Renk: Tage des Wandels (Hof Kalmule, Band 2)

Ulrike Renk: Tage des Wandels (Hof Kalmule, Band 2), Köln 2026, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-7577-0185-7, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 496 Seiten, Format: 13,5 x 3,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 14,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) Bastei Lübbe

„Immer wenn ich einen historischen Roman schreibe, gibt es die tatsächlichen Geschehnisse, die Vergangenheit, die Fakten – das ist für mich wie ein Drahtgeflecht, wie eine dieser Kleiderpuppen aus Draht. Um die lege ich meinen fiktionalen Stoff, plustere ein bisschen auf, füge hier etwas Spitze hinzu, dort einen Volant – und am Ende steht der Roman.“

(Ulrike Renk im Nachwort, Seite 479)

Hier ist schon die Entstehungsgeschichte des Buchprojekts erzählenswert: Für die Romane rund um den Kalmule-Hof im Münsterland haben sich Bruder und Schwester zusammengetan. Der Historiker und Ahnenforscher Christian Loefke hat bei seinen Nachforschungen hochinteressante Fakten über die eigene Familiengeschichte zutage gefördert. Basierend auf diesen Recherchen hat seine Schwester, die Schriftstellerin Ulrike Renk, eine auf drei Bände ausgelegte Romanreihe verfasst.

In Band 1, AM FLUSS DER ZEIT, ging es um das Leben der Eigenbehörigen im Münsterland zur Reformationszeit. Im Mittelpunkt stand die kräuterkundige Bauerntochter Elze. Im vorliegenden 2. Band spielt sie nur eine Nebenrolle. Die Heldin hier ist ihre Großnichte Eva, geboren 1585, die wir bis zu einem dramatischen Ereignis in ihrem Leben im Jahr 1627 begleiten.

Die Zeiten sind nicht leicht – und auch nicht leicht zu verstehen:

„Wer glaubt was und warum? Welcher Fürst, Bischof, Herzog herrscht wo und weshalb? […] Es war eine Zeit des Aufbruchs, des Umbruchs und des Kampfes.“

(Seite 479/480)

Versprochen: Auch wer historisch nicht übermäßig bewandert ist, ist hier gut aufgehoben! Die einfachen Leute im Buch wissen auch nicht immer, was die politischen Ursachen für ihre aktuellen Probleme sind. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen jemand – wie beispielsweise der Pfarrer – das Nötigste erklärt. Mit diesen Informationshappen habe ich mich wacker durchgeschlagen. 😉

Kommen wir zum Inhalt: Im Winter 1585 werden auf dem Kalmule-Hof die Zwillinge Eva und Adam geboren. Die Bewohner des Hofes sind allesamt Eigenbehörige des Domkapitels Münster, nur der zweite Zwilling gilt als Geschenk Gottes und ist „leibfrei“. Adam wird also über sein Leben deutlich freier bestimmen können als seine Nachbarn und Verwandten.

In der Kindheit spielt das noch keine Rolle. Hoferbe ist sowieso ihr älterer Bruder Anton. Eva wird entweder mal heiraten oder als ledige Verwandte auf dem Hof bleiben. Adam wird auswärts einen Beruf erlernen. So ist es geplant, aber natürlich kommt es ganz anders. 1598 überfallen marodierende spanische Soldaten den Hof und bringen zu allem Übel auch noch die Pest in die Region. Die familiäre Konstellation ändert sich, und auf einmal ist Eva Hoferbin. Dabei will sie das gar nicht. Sie will den Hof verlassen und Adam will bleiben. Also tauschen sie kurzerhand ihren Status: Adam gibt seine „Leibfreiheit“ auf, um den Hof erben zu können und Eva ist nun frei, ihr Glück anderswo zu suchen.

Evas Patentante Hildis weiß auch schon wo: In Seppenrade ist eine Stelle als Pfarrhaushälterin frei. Das Pikante daran: Das war ursprünglich Hildis‘ Job! Doch die ist inzwischen die Konkubine des dortigen Vikars Johannes Hane und hat vier Kinder mit ihm. Da gibt‘s Arbeit genug – für sie, für Eva und die Magd Trude.

Der Vikar lebt offen mit seiner Familie zusammen. Der Gemeinde ist es gleichgültig, ob ihr Pfarrer zölibatär lebt oder nicht. Es juckt sie auch nicht, dass er nicht die Höheren Weihen hat und kein richtiger Priester ist. Dass er von Theologie und Liturgie ebenso wenig versteht wie von Latein und bei der Messe nur selbst ausgedachte Fantasiewörter brummelt, kriegen sie gar nicht erst mit.

Wie der völlig schimmerlose Johannes Hane den Pfarrer spielt, hat schon was von einem Gauner- oder Schelmenstück! Aber was soll’s? Die Gemeinde ist zufrieden und sämtliche kirchlichen und weltlichen Herren sind weit weg. Haushälterin Eva, die eine gewisse Bildung genossen hat, ist zunächst irritiert, gewöhnt sich aber schnell an die Zustände. Doch der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Irgendwann kommt doch ein Beauftragter der Kirche vorbei und der Geistliche, der nur so tut als ob er einer wär‘, ist seinen Posten los.

Nun kommt Pfarrer Heinrich Scharhautz nach Seppenrade, ein vollwertiger Priester. Er ist klug und sympathisch und macht sich viele Gedanken darüber, was er seinen Gemeindemitgliedern Gutes tun könnte. Erfreut stellt er fest, dass seine Haushälterin Eva intelligent und vielseitig interessiert ist, und so sitzen sie bald allabendlich in der Küche zusammen um das Tagesgeschehen und die Meldungen in der „Zeytung“ zu diskutieren. Auch Magd Trude ist dabei, staunt und lernt – genau wie wir Leser:innen.

Keine Frage: Eva ist in Seppenrade heimisch geworden. Ihre Familie und den elterlichen Hof sieht sie nur noch selten. Trotzdem bleibt ihr Zwillingsbruder Adam der Mensch, der sie am besten kennt. Als er sie und Pfarrer Scharhautz bei einer Hochzeit zusammen sieht, sagt er ihr auf den Kopf zu, dass sie ihn liebt – und er sie. Eva fällt aus allen Wolken. Nein, da ist nichts! Niemals würde sie in Sünde leben wie ihre Patentante Hildis! Der Pfarrer würde das auch gar nicht mitmachen, schon aus Respekt vor dem Kirchenrecht. Und überhaupt: Sie arbeitet nur für ihn, das ist alles. Was davon stimmt und was Eva sich nur einredet, kommt ans Licht, als sie in eine lebensbedrohliche Situation gerät …

Die Beziehung zwischen Eva und Pfarrer Heinrich Scharhautz ist natürlich nur ein Teil der Geschichte. Es geht um Kriege und Plünderungen, um die Pest und (land-)wirtschaftliche Probleme. Wenn das Wetter Kapriolen schlägt, die Ernte mager ausfällt und die Abgaben an den Grundherrn trotzdem fällig werden, ist das für die Bauern jedes Mal eine existenzielle Bedrohung. Und dann kommt auch noch ein Kurfürst an die Macht, der überall „Zauber’sche“ wittert. Auf einmal werden heil- und kräuterkundige Frauen wie Lyseke, die Witwe des Vogts von Burg Wolfsberg, als Hexen verfolgt. Das Problem: Lyseke hat die Frauen in Evas Familie in der Heilkunst unterwiesen. Das bedeutet in diesen Zeiten höchste Gefahr …

So lasse ich mir Geschichte gefallen! Mitreißend verpackt in persönliche Schicksale, basierend auf realen Ereignissen, gründlich recherchiert und mit Fantasie ergänzt, wo immer das nötig war. Für manche Personen hätte man sich ein gnädigeres Schicksal gewünscht, aber was will man machen, wenn das wahre Leben Regie geführt hat und die Ereignisse historisch verbürgt sind?

Bereits auf den ersten Seiten wird darauf hingewiesen, dass es im Anhang ein Personenverzeichnis und ein Glossar gibt. Beides habe ich gelegentlich zur Rate gezogen. Man ist aber nicht ständig am Blättern. Viele historische Begriffe erklären sich aus dem Zusammenhang und die wichtigsten Personen kennt man ebenfalls schnell. Ich bin schon jetzt gespannt auf den dritten Band!

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur- und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Die SPIEGEL-Bestseller-Autorin greift dabei wahre Begebenheiten auf und schreibt über Menschen, deren Leben nie in Vergessenheit geraten soll.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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