Heike Abidi: Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie – Der Schlamassel beginnt (ab 10 J.), München 2026, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, ISBN 978-3-570-18324-3, Hardcover, 268 Seiten, Format: 16,2 x 2,7 x 21,6 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 9,99.

„Es heißt doch immer: Du bekommst ein Geschwisterchen, wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben. Update: Wenn Mama und Papa sich gar nicht mehr lieb haben, geht’s noch schneller! Dann bekommt man nämlich einen ganzen Haufen Geschwister auf einen Schlag!“
(Seite 12)
12 ½ Jahre lang war Nelly ein glückliches Einzelkind. Dann passieren drei Dinge auf einmal, und ihr Leben steht komplett Kopf:
- Ihre Eltern lassen sich scheiden.
- Ihre beste Freundin Antonia wandert mit ihrer Familie nach Neuseeland aus.
- Die Pubertät setzt ein.
Auf einen Schlag 5 Stiefgeschwister!
Das arme Mädchen ist völlig überfordert. Das mit der Scheidung wäre vielleicht noch auszuhalten gewesen, wenn Nelly, sagen wir mal, mit ihrer Mutter in ihrem bisherigen Haus wohnen geblieben wäre und sie ihren Vater nur an den Wochenenden gesehen hätte. Doch so einfach machen es ihr die Erwachsenen nicht:
- „Mum“ – die Steuerberaterin Dunya – zieht mit ihrem Freund, dem Rechtsanwalt Florian, zusammen, der aus seiner Ehe mit Lilo drei Kinder hat: Annabelle (14) und die Zwillinge Jonathan und Valentin (9).
- „Paps“ – der Mathematik- und Musiklehrer Marius – lebt nun mit seiner Partnerin, der Kellnerin Romy, zusammen, die ihrerseits zwei Kinder mit dem Gastwirt Emilio hat: Nevio (14) und Gianna (10).
Nelly hat bei jeder der beiden Familien ein Zimmer und wechselt wochenweise hin und her. Sie nennt es „das Pingpong-Modell“.
Nelly ist überfordert und keiner sieht‘s
In dem ganzen Trubel geht das introvertierte Mädchen völlig unter. Nelly fühlt sich entwurzelt und übersehen. Immer ist die Bude voller Leute, denen sie sich anpassen und auf die sie Rücksicht nehmen muss. Das ist sie nicht gewöhnt. Dass sie Mum oder Paps mal einen Augenblick für sich alleine hat, kommt gar nicht mehr vor. Außer der gleichaltrigen Antonia, mit der sie chattet und sich in Videocalls austauscht, hat sie niemanden, mit dem sie über ihre Situation sprechen könnte. Fragt doch mal ein Erwachsener nach ihrem Befinden, antwortet sie „geht schon“, weil sie genau weiß, dass die Wahrheit niemanden interessiert. Alle sind nur mit sich selbst beschäftigt.
„Happy Family“ um jeden Preis
Vor allem Nellys Mutter ist von der romantischen Vorstellung beseelt, nun eine große, glückliche Patchworkfamilie zu haben, die auch die Ex-Partner und deren neue Familien einschließt. Es gibt vorne im Buch ein sehr hilfreiches Personenverzeichnis. Ich habe mir trotzdem ein Diagramm gezeichnet um die verwandtschaftlichen Beziehungen besser im Blick zu haben.
Es ist der Irrsinn! Da wird einem schon beim Lesen schwindlig! Ist es wirklich nötig, dass die Ex von Mums Neuem die Stieftochter von Paps mit auf einen Ausflug nimmt? Was hat die ehemalige Schwiegermutter von Paps‘ aktueller Lebensabschnittsgefährtin auf Dunyas Familienfoto zu suchen? Und zu all diesen Leuten soll Nelly nun aus dem Stand eine familiäre Beziehung aufbauen!
Also, die gute Dunya spinnt ja schon ein bisschen! Statt mit Hinz und Kunz „Happy Family“ zu spielen und ihrer Tochter über Nacht 14 neue Angehörige zu präsentieren, hätte sie vielleicht mal ernsthaft interessiert nachfragen sollen, wie Nelly sich fühlt. Nämlich wie ein Puzzleteil, das nirgends reinpasst und gewaltsam in verschiedene Lücken gepresst wird. In der Pubertät bezieht man sowieso alles auf sich und ist starken Stimmungsschwankungen ausgesetzt, da ist das kein Wunder. Aber Hauptsache, Mum Dunya fühlt sich wohl in dem Gewusel! (Die Männer, außer vielleicht Opa Kurt, fallen hier eher in die Kategorie „Lauch“.)
Auch die Stiefgeschwister sind nicht begeistert
Die neuen Stiefgeschwister finden es auch nicht so prickelnd, dass Nelly nun zu ihnen gehört. Gut, Florians neunjährige Zwillinge haben jetzt einfach eine Person mehr, die sie ärgern können, aber für die vierzehnjährige Annabelle ist Nelly ein unerwünschter Eindringling. Sie sind auch grundverschieden: Annabelle ist so eine Schmink- und Modemaus, Nelly ein burschikoser Bücherwurm mit recht speziellen Zukunftsplänen. Doch alles Stänkern, Mobben und Zicken nutzt Annabell nichts: Nelly ist jetzt – unfreiwillig – da und kann nirgendwo anders hin.
Auf Vaters Seite schaut’s ein wenig besser aus: Die zehnjährige Gianna heißt Nelly freudig willkommen. Sie haben sogar ein gemeinsames Hobby: die Musik. Wenn die Kleine nur nicht gar so viel quasseln würde! – Das Beste an ihrem Angeber-Bruder Nevio (14) ist zweifellos sein Kumpel Lounis. Nelly ist schockverliebt, als sie den attraktiven Skater kennenlernt. Aber hat er auch Interesse an ihr? Er behandelt sie nicht anders als die kleine Gianna.
Ein Notfall! Können sie auch zusammenhalten?
Mit der Zeit findet Annabelle (Mums Stieftochter) Gefallen an Nevio (Paps‘ Stiefsohn). Na, das passt doch: die Zicke und der Poser! Auf einmal ist Nelly als Ratgeberin und Vermittlerin gefragt! Ruckelt sich der große wilde Patchworkzirkus jetzt doch langsam zurecht? Als eines der Stiefgeschwister plötzlich verschwindet, muss sich zeigen, ob sie wirklich zusammenhalten können. Jetzt ist keine Zeit für Eifersüchteleien: Es ist Gefahr in Verzug und sie müssen ganz schnell gemeinsam handeln …!
Beim Lesen war ich im Geiste schlagartig wieder in Nellys Alter. Mit 12 kann man nicht die Perspektive der Erwachsenen einnehmen und sich sagen, okay, ist übel, aber man gewöhnt sich an alles, und in 6 Jahren bin ich hier sowieso raus. 6 Jahre, das ist für Nelly das halbe Leben! Ich habe so sehr mit ihr mitgelitten!
Giannas Einfall, sie könnten doch alle gemeinsam in ein Haus ziehen, wird von den anderen als lächerlich abgetan. Ich könnte der Idee was abgewinnen, vorausgesetzt, jeder hätte eine feste Wohnung und würde nicht gegen seinen Willen zwischen den Familien herumgeschubst. Jeder könnte mit jedem interagieren, könnte es aber auch bleiben lassen. Doch, das hat was!
Geht die Geschichte weiter?
Gibt es echt Familien, die mit diesem „Pendelmodell“ glücklich sind? Auf mich wirkt das wahnsinnig anstrengend, auch wenn Nelly ihre Schilderungen oft mit einer Prise Humor würzt.
Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, die losen Enden sind verknüpft. Trotzdem würde mich interessieren, ob Dunyas Happy-Family-Konzept auf lange Sicht funktioniert. Ob uns die kluge und sympathische Nelly in einem weiteren Band über die Geschehnisse auf dem Laufenden hält? Vielleicht landet die musikalische Gianna ja bei einer Castingshow oder Annabell wird Influencerin. Dieser unterhaltsame Chaotenhaufen wäre sicher noch für etliche Abenteuer gut.
Die Autorin
Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder.
Affiliate Links
- Buch: https://amzn.to/4uLEH7L
- Kindle: https://amzn.to/4nSXlb6
Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.
Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de