Felicitas Fuchs: Rosen im Asphalt. Roman

Felicitas Fuchs: Rosen im Asphalt. Roman, München 2026, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-44296-2, Klappenbroschur, 414 Seiten, Format: 13,7 x 3,6 x 20,7 cm, Buch: EUR 17,00, Kindle: EUR 15,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) Heyne

„Linda, wir beide sind nicht perfekt. Es geht auch gar nicht darum, perfekt zu sein. Sondern darum, weiter zu machen. Jeden verd*mmten Tag. Und manchmal muss man auch dankbar für das sein, was das Leben einem gibt. Nicht immer nur daran denken, was es einem vorenthält.“

(Seite 371)

In diesem Roman begleiten wir zwei grundverschiedene Freundinnen praktisch vom Tag ihrer Geburt an bis zu ihrem 60. Geburtstag. Dabei basiert die Geschichte von „Linda“ und ihrer Familie lose auf dem realen Leben einer Freundin der Autorin. „Irmi“ und ihre Angehörigen dagegen sind fiktiv, wirken aber nicht minder lebendig.

Die beiden Romanheldinnen sind nur wenige Jahre älter als die Autorin und ich. Wir haben, ungeachtet unseres familiären Hintergrunds, alle dieselben gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen miterlebt. Ein paar Stichwörter im Roman genügen also, um Leserinnen im Boomer-Alter schlagartig in die damalige Zeit zurückzuversetzen. (Ich kann natürlich nur für Leute sprechen, die in Westdeutschland groß geworden sind.)

Linda: Als Baby im Krankenhaus zurückgelassen

Hamburg ab 1956: Die Geburt von Belinda Weinstock ist gewissermaßen ein Betriebsunfall: Ihre Mutter Hilde ist alkoholabhängig und geht anschaffen; das Kind ist von einem Freier. Hilde hat kein Interesse an der Kleinen. Nach der Entbindung türmt sie aus dem Krankenhaus und lässt das Frühchen dort zurück. Obwohl sie eine falsche Adresse angegeben hat, macht Jugendamt-Mitarbeiter Gustav Jansen sie ausfindig und nötigt sie dazu, sich um ihr Kind zu kümmern.

Hilde bleibt nichts anderes übrig, als mit dem Baby zu ihren Eltern nach Köln zu ziehen. Die sind nicht begeistert davon, dass sie wieder auf der Matte steht – mit noch einem Kind. Sie ziehen doch schon ihre Tochter Elise (15) auf, die sie nach einer Vergewaltigung mit 14 bekommen hat.

Wir ahnen es schon: Das Zusammenleben geht nicht lange gut. Nach wenigen Monaten hat Hilde die Nase voll von den beengten Wohnverhältnissen und dem schlecht bezahlten Job. Klammheimlich verschwindet sie nach Hamburg und nimmt ihr altes Leben wieder auf.

Eine lieblose Pflegekind-Karriere

Leider kann die kleine Linda nicht auf Dauer bei ihren Großeltern bleiben. Ihre „Karriere“ in den Pflegeeinrichtungen beginnt: Kinderheime, diverse Pflegefamilien – und nirgendwo wird sie besonders gut behandelt. Es wird nie explizit ausgesprochen, aber es gibt Anzeichen dafür, dass Linda sich im autistischen Spektrum bewegt. Das macht die Sache nicht leichter.

Der beste Freund, den sie in der Zeit hat, ist ein alter Nachbar, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt hat. Er nimmt ihre Traurigkeit wahr und spricht mit ihr ernsthaft aber kindgerecht über das Leben. Erst als Linda auf Vermittlung ihrer Klassenlehrerin als Pflegekind zu den Eheleuten Sandmann kommt, sieht es so aus, als würde es für sie aufwärts gehen. 1966 kommt das intelligente Mädchen in Köln aufs Gymnasium …

Irmi: Zu Verwandten wegorganisiert

Köln ab 1956: Aus ganz anderen Verhältnissen stammt Irmi. Sie kommt als 2. Kind des Facharztes Dr. Ludwig Rohndorf und seiner Frau Helene, einer reichen Erbin, zur Welt. Das Problem hier: Nach jedem Kind fällt die junge Frau in eine schwere Depression und braucht Monate, um sich wieder zu erholen. Nach Irmis Geburt kommt sie gar nicht mehr auf die Beine. Vermutlich steckt mehr dahinter als eine Wochenbettdepression.

Weil Helene sich nicht um ihre Kinder kümmern kann, schickt Ludwig seinen sechsjährigen Sohn Erik aufs Internat und seine Babytochter zu Verwandten nach Amsterdam. Vorübergehend, heißt es. Nun, Erik wird bis zu seinem Abitur im Internat bleiben. Irmi wird Knall auf Fall zu ihrer Einschulung wieder nach Köln geholt. Dass sie inzwischen ihr Deutsch verlernt hat, ist ihr Problem.

Helene Rohndorf bekommt noch zwei weitere Kinder und kommt aus dem ständigen Wechsel von Depression und Euphorie ihr Leben lang nicht mehr heraus. Auch die beiden jüngeren Kinder werden ins Internat und in andere Familien wegorganisiert. Theoretisch haben die Rohndorf-Kinder eine Mutter, praktisch wachsen sie ohne sie auf.

Linda und Irmi geben einander Halt

Als Irmi Rohndorf aufs Gymnasium kommt, lernt sie dort Linda Weinstock kennen. Auch wenn sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen, freunden sich die beiden an. Die ganze Schulzeit über sind sie unzertrennlich und geben einander den Halt, den sie zuhause vermissen. Nach dem Abitur trennen sich ihre Wege zwar, aber sie bleiben immer in Verbindung. Linda zieht nach Westberlin zu ihrer älteren Schwester und macht eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten, Irmi bleibt in Köln und studiert Biologie.

Linda und Irmi sind füreinander immer die engste Bezugsperson. Sie begleiten einander in glücklichen Zeiten und durch Trennungsdramen, bei allen lebensverändernden Entscheidungen und durch die schlimmsten Schicksalsschläge. Davon scheint es bei Irmi mehr zu geben als bei Linda. Die hat ihr Kontingent vielleicht schon als Kind aufgebraucht. Gut – sie macht sich mit anderen Menschen auch weniger zu tun als Irmi. Wer sich an niemanden bindet, kann auch von niemandem enttäuscht und verletzt werden. Linda sagt an einer Stelle, sie wisse nicht, was Liebe ist. Schließlich heiratet sie einen Mann, bei dem sie sich sicher fühlt. Irmi dagegen hat enge Bindungen und damit auch viel zu verlieren.

Eine Zufallsbegegnung im Jahr 1986 gibt dem Leben beider Freundinnen noch einmal eine ganz neue Wendung …

Es waren andere Zeiten

Ich habe mitgelitten mit den wehrlosen Kindern aber auch mit dem überforderten Dr. Rohndorf, der das Beste will aber nicht merkt, was er seinen Kindern damit antut. Und Lindas Mutter Hilde war doch eigentlich auch eine tragische Figur. Sie hat in jungen Jahren Schreckliches erlebt und nie Hilfe erfahren. Heute wäre weder ihr Schicksal noch das von Helene Rohndorf oder ihrem Sohn Erik besiegelt gewesen. Da wir die Ereignisse von damals mit dem Wissen von heute lesen, macht uns das traurig und auch ein bisschen wütend. So viel unnötiges Leid! Aber es waren eben andere Zeiten.

Umso schöner, dass die Geschichte für Linda und Irmi so hoffnungsvoll endet. Und diesen versöhnlichen Schluss hat sich nicht allein die Autorin ausgedacht – daran war das wahre Leben maßgeblich beteiligt. Manchmal blühen eben auch Rosen im Asphalt und geborene Pechvögel haben ein bisschen Glück.

PS: Das Erbsenzählkommando bemängelt, dass der Name der neuen Rohndorf-Köchin zwischen Margret (Seite 236) und Margot (z.B. Seite 259) wechselt. 😉 Na ja, wenn weiter nix is‘ …!

Die Autorin

Felicitas Fuchs ist das Pseudonym der Erfolgsautorin Carla Berling, die sich mit Krimis, Komödien und temperamentvollen Lesungen ein großes Publikum erobert hat. Schon bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war sie als Reporterin und Pressefotografin immer sehr nah an den Menschen und ihren Schicksalen. Für ihre historischen Familienromane lässt sie sich gern von Geschichten aus dem wahren Leben inspirieren.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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