Eve Chase: Das Geheimnis meiner Schwestern. Roman

Eve Chase: Das Geheimnis meiner Schwestern. Roman, OT: The Vanishing of Audrey Wilde, aus dem Englischen von Carolin Müller, München 2020, Blanvalet, ISBN 978-3-734-10744-3, Softcover, 384 Seiten, Format: 12,7 x 3 x 18,7 cm, Buch: EUR 11,00, Kindle: EUR 5,99.

Abb.: (c) Blanvalet

Bellas Gesichtsausdruck ist lebhafter als Jessie es in den letzten Monaten erlebt hat. „Audrey ist verschwunden. Sie verschwand aus Applecote Manor. […] Sie ging eines Tages hinunter zum Fluss […] und wurde nie wieder gesehen“

(Seite 178, Hardcover-Ausgabe)

Applecote Manor in den Cotswolds/England, August 1959: Bei der Witwe Bunny Wilde (39) und ihren vier halbwüchsigen Töchtern herrscht permanente Geldnot. Als Bunny einen befristeten Job in Marrakesch angeboten bekommt, zögert sie keine Sekunde. Ihre Töchter Flora (17), Pam (16), Margot (15) und Dot (12) kann sie weder mitnehmen noch alleine in London zurücklassen. Sie schickt sie kurzerhand zu Onkel und Tante in die Cotswolds, in das etwas vernachlässigte Herrenhaus „Applecote Manor“.

Früher sind die Mädchen jeden Sommer für ein paar Wochen dort gewesen, doch nicht mehr, seit vor fünf Jahren ihre Cousine Audrey spurlos verschwunden ist. Für Onkel Perry und Tante Sybil wäre ihr Besuch zu schmerzhaft gewesen. Doch jetzt geht es nicht anders.

Tante Sybil ist durch den Schicksalsschlag ein bisschen seltsam geworden. Sie glaubt nach wie vor fest an die Rückkehr ihrer Tochter. Für diesen Fall hält sie deren Kinderzimmer unverändert bereit und sorgt für ein regelmäßiges „Update“ ihrer Garderobe. Denn wenn Audrey wieder heimkommt, wird sie ja Kleidung in ihrer aktuellen Größe brauchen.

Sybil nötigt ihre 15jährige Nichte Margot, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Audrey hat, dazu, deren Kleider zu tragen und sich so zu frisieren wie sie. Selbst der „seltsamen Margot“ kommt das reichlich schräg vor, aber weil sie ihre Cousine geliebt hat und die Tante ihr leid tut, spielt sie mit.

Weil die Eheleute Wilde seit Audreys Verschwinden sehr zurückgezogen leben, ist es in Applecote Manor für die vier Mädchen schrecklich öde. Sie sehen nur Onkel, Tante und das Hauspersonal. Sie sind schon so weit, das Ende der Schulferien herbeizusehnen.

Erlösung von der Langeweile verspricht das Auftauchen zweier junger Männer, die den Sommer im nahegelegenen Herrenhaus Cornton Hall verbringen wollen. Harry Gore ist ein reicher Erbe, sein Cousin Tom hat deutlich weniger Geld, sieht aber besser aus. Wenn also Flora, Pam und Margot nicht gerade versuchen, herauszubekommen, was vor fünf Jahren ihrer Cousine zugestoßen ist, wetteifern sie um die Gunst der beiden Gore-Jungs. Aus den drei Schwestern, die bis jetzt immer zusammengehalten haben wie Pech und Schwefel, sind über Nacht erbitterte Konkurrentinnen geworden. Dot, die Jüngste, sieht kopfschüttelnd zu.

Margot Wilde ist die engagierteste und cleverste „Amateurdetektivin“ unter den vier Schwestern. Sie stellt die richtigen Fragen – aber sie stellt sie den falschen Leuten. Dies und die Tatsache, dass sie neuerdings als Kopie ihrer vermissten Cousine herumläuft, löst eine gefährliche Kettenreaktion aus …

50 Jahre später: Sybil Wilde muss schweren Herzens Applecote Manor verkaufen und in ein Seniorenheim übersiedeln. Die neuen Besitzer des Anwesens kommen aus London: Der Unternehmer Will Tucker (49), seine zweite Frau, die Grafikdesignerin Jessie (40), Bella, Wills Teenie-Tochter aus erster Ehe sowie die dreijährige Romy. Aufs Land wollen sie, um Bella dem Einfluss ihrer Londoner Freundesclique zu entziehen. Es hat da einen Vorfall gegeben, der sich tunlichst nicht wiederholen sollte.

Bella hat immer noch mit dem Verlust ihrer Mutter Mandy zu kämpfen, die vor 5 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Jessie und Romy lehnt sie rundheraus ab. Die sollen dorthin verschwinden, wo sie hergekommen sind! Bella wurde aber auch auf sehr ungeschickte Weise mit der neuen Frau in Dads Leben und dem gemeinsamen Kind konfrontiert.

Jessie hofft, hier in der Einöde ihrer widerborstigen Stieftochter etwas näher zu kommen. Ihr Mann arbeitet die Woche über in London und kommt nur an den Wochenenden heim. Jedenfalls so lange, bis der Verkauf seines Unternehmens unter Dach und Fach ist. Doch mit Stiefmutter und Halbschwester hat Bella nach wie vor nichts am Hut. Sie schnappt irgendwo die Geschichte der verschwundenen Audrey Wilde auf und will nun unbedingt den rätselhaften Cold-Case-Vermisstenfall aufklären.

Die naseweise Nachbarin mit den zwei Hunden weiß offenbar mehr über diese Sache, als sie zugeben will, und wir Leser:innen wissen auch, warum. Nur Will und Jessie Tucker haben keine Ahnung. Sie halten das mit Audrey nur für eine dörfliche Gruselgeschichte. Dass diese einen sehr realen Hintergrund hat, kommt schließlich durch Zufall ans Licht. Doch was genau an jenem schicksalhaften Abend vorgefallen ist, liegt nach wie vor im Dunkeln …

Die Autorin wollte immer über Familien schreiben, und so habe ich den Roman auch gelesen. Nicht als Krimi, trotz des Vermisstenfalls. Es geht um Familien, die durch tragische Ereignisse aus der Bahn geworfen werden und sich völlig neu orientieren müssen. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut.

Für alle Betroffenen gilt: Themen, die man ängstlich verdrängt, kann man nicht erfolgreich verarbeiten. Ob das nun Audreys Verschwinden ist oder, in Jessie Tuckers Fall, die Frage nach Wills erster Frau. In Jessies Phantasie mutiert die verstorbene Mandy zu einer Mischung aus Amal Clooney und Daphne DuMauriers Romanfigur „Rebecca“: ein übermächtiges Ideal, dem sie als stinknormale Frau nicht das Wasser reichen kann.

Es herrscht keine atemlose Spannung, doch die Autorin beschwört in dem alten Gemäuer voller morbidem Lost-Place-Charme eine latent bedrohliche Atmosphäre herauf. Genau wie die Wilde-Schwestern und die neugierige Bella Tucker will man als Leser:in unbedingt wissen, was hinter all den Geheimnissen steckt.

Der Roman ist nichts Außergewöhnliches, aber auf jeden Fall solide Unterhaltung mit einem leichten Gruselfaktor.

Eve Chase wollte schon immer über Familien schreiben – solche, die fast untergehen aber irgendwie doch überleben – und über große, alte Häuser, in denen Familiengeheimnisse und nicht erzählte Geschichten in den bröckelnden Steinmauern weiterleben. Eve Chase ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Oxfordshire.

Carolin Müller studierte Kommunikationswissenschaft, Literaturwissenschaft und Psychologie in München und Paris. Nach weiteren Stationen in Ho Chi Minh Stadt und London zog es sie wieder zurück in ihre Heimatstadt München, wo sie nun als literarische Übersetzerin mit Begeisterung Geschichten eine weitere Stimme verleiht.

Abb.: (c) Blanvalet

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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