Melanie Metzenthin: Wer sich der Wahrheit stellt (Eine starke Liebe, Band 3 von 3).

Melanie Metzenthin: Wer sich der Wahrheit stellt (Eine starke Liebe, Band 3 von 3). L-Luxembourg 2026, Tinte & Feder, ISBN 978-2-49671-977-2, Softcover, 298 Seiten, Format: 12,6 x 2,54 x 18,59 cm, Buch: EUR 11,99, Kindle: EUR 4,49, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: Tinte & Feder

„Renate konnte sich ein feines Lächeln nicht verkneifen. Alte Schule, das klang vornehm, vor allem für einen alten N*zi, dem die notwendige Empathie im Umgang mit seinen Patienten fehlte.“

(Seite 223)

Hamburg 1960: Frau Dr. Renate Studt, 28, Psychiaterin, arbeitet als Medizinalassistentin im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll in der Frauenabteilung der Psychiatrie. Seit 10 Monaten ist sie mit dem ehemaligen Fußballprofi und angehenden Juristen Matthias Studt verheiratet, aber erst jetzt schaffen es die beiden, ihre Hochzeitsreise anzutreten. Matthias‘ Onkel Rudi, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, und seine Frau, die Schauspielerin Leonore Gold („Goldie“) haben sie schon vor Monaten zu sich nach New York eingeladen.

Jetzt sind sie dort. Und das ist das Amerika, von dem man uns (Boomern) in unserer Kindheit erzählt hat! Wer Frau Dr. Studt aus den vorigen Bänden der Reihe kennt, dem ist klar: Die Hektik und das ständige Oberklassen-Getue der US-Verwandtschaft kann ihr unmöglich gefallen! Dazu ist sie viel zu bodenständig. Ihrem Mann geht es ähnlich. Das Luxusleben von Onkel und Tante nehmen sie staunend zur Kenntnis. Die Aktivitäten von Cousine Margot und deren Mann Jonathan entsprechen ihnen eher: Die beiden engagieren sich als Lehrerin beziehungsweise Rechtsanwalt für die People of Color in Harlem. Für „die Unterschicht“, wie Tante Goldie naserümpfend sagt.

Bei Goldies Vorgeschichte ist es erstaunlich, dass sie so rassistisch ist. Ist das nur Show, weil „man“ in ihren Kreisen eben so denkt? Keine Ahnung! Die Frau hat so viele Gesichter, dass es Renate noch immer nicht gelungen ist, die wahre Goldie kennenzulernen.

Manchmal hat die Tante aber gute Ideen, zum Beispiel die, Renate mit ihrem Psychiater bekannt zu machen. Der lädt die junge deutsche Kollegin spontan zu einem seiner Seminare ein. Während Renates Mann seinen Onkel zu Gerichtsverhandlungen begleitet, lernt sie, dass Symptome Botschaften sind, die man wie einen Code entschlüsseln oder wie eine Fremdsprache übersetzen kann, wenn man nur richtig zuhört. Das mag aus heutiger Sicht selbstverständlich klingen, damals war es das nicht, und Renate nimmt sich fest vor, diese Methode künftig bei ihren Patientinnen anzuwenden und nicht schon mit einer vorgefertigten Diagnose-Vermutung ins Gespräch zu gehen.

Dass sie nach Deutschland zurückkehren werden, ist für Renate und Matthias sonnenklar. Das Angebot des Onkels erwischt sie unvorbereitet: Sie könnten doch in New York bleiben. Für eine fähige Psychiaterin gäbe es auf jeden Fall Arbeit, und Matthias könnte sein Jurastudium hier fortsetzen und später in Rudis Kanzlei eintreten. (Schwiegersohn Jonathan hat andere Pläne.)

Das junge Paar lehnt spontan ab, bekommt das Angebot aber nicht mehr aus dem Kopf. Immer, wenn es daheim in Deutschland nicht gut läuft, fragen sie sich jetzt, ob es nicht doch sinnvoll wäre, in den USA von vorn anzufangen. Und Probleme gibt’s: Matthias muss sich unter anderem dafür mobben lassen, dass er älter ist als seine Kommilitonen, dass er verheiratet ist und schon eine Karriere hatte. Und Renate kämpft an ihrem Arbeitsplatz ihren täglichen Kampf mit Oberarzt Dr. Kleinschmidt. Der hat was gegen Neuerungen aller Art und vor allem gegen Ärztinnen. Und machen wir uns nichts vor: Er ist ein alter N*zi. Die sind ja nach dem Krieg nicht einfach verschwunden.

Es passt Kleinschmidt nicht, dass Renate jetzt mit neumodischen US-amerikanischen Methoden daherkommt und seine Diagnose(n) anzweifelt. Im Gegensatz zu ihm hält sie die 19jährige Patientin Gisela Meyer nicht für schizophren und rollt deren ganze Familiengeschichte auf. Das hält der Oberarzt für Mumpitz und verpasst der jungen Patientin ein Medikament, auf das sie mit starken Nebenwirkungen reagiert. Darin sieht Dr. Kleinschmidt die Chance, Frau Dr. Studt ein für allemal loszuwerden und lässt es so aussehen, als sei die Medikation/Überdosis ihre Idee gewesen.

Bis dato sind jedoch all seine Versuche gescheitert, Renate Studt aus ihrem Job zu mobben. Sie ist eben kein unerfahrenes Dummchen, sondern eine scharfsinnige, zielstrebige Frau, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Außerdem ist sie bis in höchste Kreise gut vernetzt. Sie hat Ärzte, Juristen und jede Menge Polizeibeamte in der Familie und kennt durch ihre Mitgliedschaft in einem Frauenverein einflussreiche Akademikerinnen jeglicher Couleur, die jederzeit bereit sind, für eine Vereinskameradin ihre eigenen Kontakte spielen zu lassen.

Ja, Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat. Und man sollte sich immer gut anschauen, mit wem man sich anlegt. Das muss auch Oberkommissar Wismar feststellen, der besessen davon ist, Renates Onkel etwas anzuhängen. Das hat eine Vorgeschichte – und ein Nachspiel.

Auch wenn man viel Unterstützung erfährt: Dauernd kämpfen zu müssen macht müde. Immer wieder fragen sich Renate und Matthias, ob es nicht doch sinnvoll wäre, nach New York zu gehen und unbelastet von alten Geschichten neu zu beginnen. Oder würden sie sich in Amerika nur andere Schwierigkeiten einhandeln ohne auf ihr bewährtes Netzwerk zurückgreifen zu können? Gehen oder bleiben? Wie werden sie sich entscheiden?

Ich mag diese Reihe, unter anderem weil hier kluge Menschen bemerkenswerte Gedanken äußern – und weil sie die jüngere deutsche Geschichte anhand konkreter Personen lebendig macht, vor allem aus der Perspektive der Frauen. Für die ändert sich zu der Zeit einiges, langsam zwar, aber immerhin.

Gut, man könnte einwenden, dass es hier hauptsächlich um Akademiker:innen geht. Stimmt – aber die stammen nicht aus dem Geld- und Bildungsadel. Matthias Studts Familie kommt aus einfachen Verhältnissen und die höchst (einfluss)reiche Familie Kellermann, die hier eine wichtige Rolle spielt, hat recht dubiose Wurzeln. Es sind im Grunde Aufsteigergeschichten.

Spannend wie die von mir sehr geschätzte TV-Reihe „Abenteuer Diagnose“ sind die Fälle, mit denen es Renate Studt im Krankenhaus zu tun bekommt. Niemand lacht über das bizarre Verhalten der Patientinnen, auch wenn’s schon lustig ist, dass eine schizophrene ältere Dame ausgerechnet den Oberarzt mit dem  F ü h r e r  verwechselt. Ihre Gedankengänge mögen bizarr anmuten, aber sie folgen einer inneren Logik, wie Renate bald feststellt.

Bei anderen Patienten liegt die Ursache für ihrer Erkrankung in den äußeren Lebensumständen. Doch dafür ist leider niemand zuständig, weder die Psychiatrie noch sonst einer. Und Renate stellt sich die Frage, ob man manchen Patienten ihre Illusionen nicht lieber lassen sollte, weil sie damit besser dran wären als mit der brutalen Realität. – Gute Frage!

Last not least habe ich einen etwas kindischen Grund, diese Reihe zu mögen: Ich habe ein Herz für unterschätzte Held:innen! Jeder sieht in Renate Studt nur eine Frau, die sich in einem „Männerberuf“ behaupten will, aber keiner sieht das Netzwerk, in das sie eingebunden ist. Wer alles bereit ist, für sie in die Bresche zu springen, bekommt erst der zu spüren, der ihr was Böses will. Und ich liebe es, wenn Antagonisten an die Falsche geraten …!

Melanie Metzenthin lebt in Hamburg, wo sie als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen psychische Erkrankungen oft eine wichtige Rolle spielen. Für »Mehr als die Erinnerung«, den Auftakt zu ihrer »Gut Mohlenberg«-Reihe, wurde Melanie Metzenthin mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Beim Schreiben greift die Autorin gern auf ihre berufliche Erfahrung zurück, um aus ihren fiktiven Charakteren glaubhafte Figuren vor einem realistischen Hintergrund zu machen.

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert