Heike Abidi: Spätsommerglück. Roman

Heike Abidi: Spätsommerglück. Roman, München 2026, Penguin-Verlag, ISBN 978-3-328-11377-5, Softcover, 348 Seiten, Format: 12 x 2,8 x 18,8 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Penguin Verlag

Nun bin ich offiziell keine Übersetzerin mehr. Was also bin ich jetzt? Früher war ich eine berufstätige Mutter und Ehefrau. Mutter bin ich natürlich immer noch, aber mein Sohn ist erwachsen […]. Und Fred ist tot. Ich bin nur noch Hannah. Eine Frau, die ein neues Kapitel aufschlägt, aber noch nicht weiß, wie sie es mit Leben füllen soll.“

(Seite 71)

Frankfurt im Frühling: Seit Hannah Bergers Mann Fred vor 5 Jahren tödlich verunglückt ist, hat sich die 59-jährige Übersetzerin von der Welt zurückgezogen und sich in ihre Arbeit gestürzt. Quasi im Akkord übersetzt sie seitdem skandinavische Thriller ins Deutsche. Kontakt hat sie praktisch nur zu ihrem Sohn Jonathan (31), dessen Frau Louisa und zu ihrer Freundin und Auftraggeberin, der Verlagsprogrammleiterin Miriam Sonntag.

Eines Tages kann Hannah den immer gleichen Trott nicht mehr ertragen. Sie möchte nicht länger allein sein und sie will auch nicht mehr diese blutrünstigen Thriller übersetzen. Ein anderes Genre wäre mal nett. Liebesromane, vielleicht? Aber das hat Skandinavien anscheinend nicht zu bieten. Dort kommen nur düstere Kriminalfälle her, und sprachlich ist die Skandinavistin Hannah nun mal auf Dänisch, Schwedisch und Norwegisch spezialisiert. Tja, Pech!

Sie könnte ihren Beruf an den Nagel hängen. Finanziell kann sie sich das leisten. Aber was dann? Für den Ruhestand fühlt sie sich noch zu jung. Eine neue Lebensaufgabe müsste her! Mit Partnersuche braucht man ihr aber nicht zu kommen. Sie hatte ihre große Liebe; mit diesem Thema ist sie durch. Und wenn ein Mann eine „Aufgabe“ ist, läuft sowieso was grundlegend falsch.

Ganz unverhofft tun sich neue Möglichkeiten auf. Freundin Miriam muss aus ihrer Wohnung raus und zieht übergangsweise in Freds früheres Arbeitszimmer. Gesellschaft hat Hannah schon mal. Und als sie erfährt, dass sie in Kürze Oma wird, glaubt sie, nun auch ihre neue Aufgabe gefunden zu haben: den Enkel hüten! Doch Sohn und Schwiegertochter machen ihr unmissverständlich klar, dass sie das nicht wollen. Ihr Kind soll von einer jüngeren Person betreut werden, die mit den modernen Erziehungsmethoden vertraut ist. Das sei alles schon geklärt.

Ein bisschen diplomatischer hätten sie das der (Schwieger-)Mutter schon beibringen können! Jetzt ist Hannah beleidigt. Als sie kurz darauf zufällig einen Fernsehbeitrag über so genannte „Granny Au-pairs“ sieht, wird sie hellhörig. Da gehen nicht blutjunge Mädchen ins Ausland, um bei Gastfamilien Kinder zu betreuen, sondern ältere Frauen wie sie! Ha! Es gibt also doch noch Menschen, die Reife und Erfahrung zu schätzen wissen!

Spontan bewirbt sie sich um eine Au-pair-Stelle in Skandinavien. So schnell kann sie gar nicht gucken, wie sich eine interessierte Familie aus dem westschwedischen Varberg meldet! Die Eheleute Saga und Joakim Persson – Anwältin und Zahnarzt – suchen eine Granny-Nanny für den fünfjährigen Samuel und die dreijährige Lycka. Die jungen Leute sind unwesentlich älter als Hannahs Sohn und machen gleich beim ersten Videocall einen so sympathischen Eindruck, dass Hannah sofort zusagt.

Schon am 1. Mai soll es losgehen. Hannahs Umfeld erklärt sie für verrückt, als sie ihren Beruf aufgibt, ihre Sachen packt und abreist. Hannah ist das egal. Lange genug hat sie sich nach anderen Menschen gerichtet. Jetzt tut sie das, was sich für sie gut anfühlt. Und ihr neues Leben in Schweden fühlt sich sehr, sehr gut an! Das ist schon fast zu schön um wahr zu sein.

Doch der Großvater der beiden Kinder, Sagas Vater Anders Holm, sorgt dafür, dass es Hannah nicht zu wohl wird. Aus Gründen, die nur er kennt, benimmt er sich ihr gegenüber vom ersten Augenblick an garstig und unverschämt. Hannah hätte ja verstanden, wenn sie einander nach dem ersten Kennenlernen unsympathisch gefunden hätten, aber so weit hat er es ja gar nicht kommen lassen. Offenbar ist ihm egal, wer oder wie Hannah Berger ist. Ihm stinkt ihre bloße Anwesenheit.

Leider ist er schwer zu ignorieren, weil er in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt und sie einander ständig über den Weg laufen. Hannah erfährt, dass er Zahnarzt war, wie sein Schwiegersohn, dass er Hobbymusiker ist – und sogar ein guter -, sozial engagiert und sehr liebevoll im Umgang mit seinen Enkeln. Wie kann er da gleichzeitig so ein Hornochse sein? (Sie nennt ihn so, nicht ich!)

Ist er eifersüchtig, weil er glaubt, dass sie ihm die Enkelkinder streitig machen will? Oder ist er generell gegen das Konzept „Au-pair“ und will sie loswerden, bevor die Kids sie richtig ins Herz schließen und leiden, wenn sie wieder abreist? – Man weiß es nicht, denn der Kerl sagt nicht, was sein Problem ist. Also kann auch keiner was dagegen tun.

Als Hannah ihm in einer Notlage hilft, sieht es zwar kurz so aus, als könne er sich zu einer friedlichen Koexistenz durchringen, doch ruckzuck ist er wieder sein altes miesepetriges Selbst.

Hannah erwägt ernsthaft, das Experiment „Granny Nanny“ vorzeitig abzubrechen. Nicht nur wegen Anders, sondern weil sie im Kinder-Hüten doch nicht die Erfüllung findet. Im Grunde ist sie jetzt nicht viel weiter als vor einem halben Jahr. Sie hat nur begriffen, dass Enkel – ob die eigenen oder die von Gastfamilien – kein Projekt für unterbeschäftigte Senioren sind. Doch was sie stattdessen mit ihrer Zeit anfangen soll, weiß sie noch immer nicht. Freundin Miriam hätte da eine Idee …

Auch wenn man mit Skandinavien nicht viel am Hut hat: In diesem herzerwärmenden Roman würde man sich am liebsten häuslich niederlassen – und den einen oder anderen Akteur mal ordentlich schütteln: „Jetzt sag endlich, was dich beschäftigt und eiere hier nicht so rum! Wir können schließlich nicht Gedanken lesen!“ Da lobe ich mir direkt Hannahs Sohn und Schwiegertochter, die klar und deutlich formuliert haben, wie sie sich die Zukunft ihrer Familie vorstellen. Das war zwar nicht nett aber wenigstens zielführend. „Nett“ bringt einen nicht unbedingt dorthin, wo man hinwill, Mut und Offenheit schon eher.

Zugegeben: Wie bei allen Geschichten, die in die Grobrichtung „Romcom“ gehen, ahnt man hier recht bald, wie es wohl ausgehen wird. Doch dank der klugen und (überwiegend 😉) sympathischen Figuren, der humorvollen Dialoge und der spannenden Frage, was hinter manch rätselhaftem Verhalten steckt, bleibt man hier mit Vergnügen bei der Stange.

Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder. »Eine wahre Freundin ist wie ein BH«, das sie zusammen mit Ursi Breidenbach veröffentlichte, hielt sich monatelang auf den Bestsellerlisten.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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