Petra Durst-Benning: Heimatsommer. Roman, München 2026, Blanvalet, ISBN: 978-3-7645-0892-0, Klappenbroschur, 445 Seiten, mit Rezepten im Anhang, Format: 13,7 x 4 x 21,6 cm, Buch: EUR 18,00, Kindle: EUR 14,99, auch als Hörbuch erhältlich.

„Es ist bekannt, dass der deutsche Weinbau in der schwersten Krise aller Zeiten steckt. […] Die Frage, die wir uns hier in Goldberg gestellt haben, war die: Wollen wir wirklich tatenlos zusehen, wie unsere Weinbauern aufgeben?“
(Seite 408)
Nur ein kurzer Heimaturlaub …
Goldberg im württembergischen Remstal, 2024: Eigentlich will Jean-Claude Spaich (39), Sohn einer französischen Köchin und eines deutschen Arztes, nur die Zeit zwischen zwei Jobs mit einem Besuch bei seiner Mutter überbrücken. Doch dann kommt alles ganz anders …
Vor 15 Jahren hatte er, ein ausgebildeter Winzer, seinen Heimatort verlassen, eine Kochlehre absolviert und arbeitet seitdem in Hotels, Restaurants und auf Kreuzfahrtschiffen in aller Welt. Seine kleine schwäbische Heimatstadt war ihm immer schon zu eng und zu l a n g w e i l i g. Er braucht Freiheit, Umtrieb und Abwechslung.
Als er jetzt unangekündigt daheim auftaucht, kommt er gerade rechtzeitig zur Beerdigung der jung verwitweten Winzerin und Gärtnerin Helene Schönberger, mit der seine Mutter Agnes seit über 40 Jahren befreundet war. Helene und ihre Tochter Fleur, 37, waren für Agnes, Jean-Claude und seine jüngere Schwester Eleonore eine Art Ersatzfamilie. Jean-Claudes Vater, vor zwei Jahren verstorben, war mit seiner Arztpraxis verheiratet, und den Großeltern waren „die Französin“ und deren Kinder nie gut genug.
In Goldberg hat sich einiges verändert
In den letzten Jahren hat Jean-Claude die Menschen und Ereignisse in Goldberg etwas aus den Augen verloren. Er hat nicht mal gewusst, dass Helene krank war. Fleur wähnte er glücklich liiert als Tourismuskauffrau in Mannheim und wundert sich, dass sie jetzt allein in Goldberg wohnt und sich als Trauerrednerin durchschlägt. Seine Schwester Eleonore ist Stadträtin und mit dem erfolgreichen bildenden Künstler Elias Hufnagel verheiratet, den er bis jetzt nur einmal kurz gesehen hat.
Und was muss er hören? Den Winzern in der Gegend geht’s schlecht, weil die Verbraucher überwiegend ausländische Weine kaufen. Wenn niemand was unternimmt, werden in den nächsten Jahren 50% der Weinbauern insolvent sein. Das klingt dramatisch!
Weinbau in der Krise – man muss etwas tun!
Fleur Schönberger, jetzt Erbin eines Weinbergs, und Stadträtin Eleonore Hufnagel wollen da nicht tatenlos zusehen. Jammern allein bringt nichts, man muss etwas verändern! Die beiden haben allerhand Ideen, wie man den Zusammenhalt im Ort stärken, das Image des regionalen Weins aufpeppen und den Umsatz ankurbeln könnte.
Die Frage ist, ob sie auch Mitstreiter:innen finden, denn wenn es um ehrenamtliches Engagement geht, haben die Leut‘ mehr Ausreden als die Maus Löcher. Jean-Claude bekommt das hautnah mit, weil Eleonore und Fleur ihn zu allen möglichen Versammlungen mitschleppen. Er staunt: Die zwei Frauen haben ganz schön Power! Und sie schaffen es tatsächlich, eine Reihe von Leuten zum Mitmachen zu motivieren – sogar Jean-Claude selbst! Als der Kellermeister überraschend kündigt, bietet er an, den Posten interimsweise zu übernehmen. Die Ausbildung hat er, er muss nur seine Kenntnisse auffrischen. – Die Winzer sind erleichtert, Jean-Claude ist in Panik. Hat er den Mund vielleicht zu voll genommen? Aber er hat ja Unterstützung.
Viel Kreativität und Einsatzfreude
Es gibt überhaupt erstaunlich kreative und einsatzfreudige Menschen in Goldberg. Gemeinsam stampfen sie Events für alle erdenklichen Zielgruppen aus dem Boden. Wer hätte das gedacht? Klar: Stinkstiefel, die nur meckern und quertreiben, gibt’s natürlich auch, genau wie Leute, die das neue Netzwerk für ihre eigenen Ziele missbrauchen oder solche, die lieber alles kaputtmachen als etwas aufzubauen. Und auch das Wetter schert sich nicht um die Pläne der Goldberger Winzer.
Trotz aller Rückschläge geht’s voran und Jean-Claude verlängert seinen Aufenthalt im Heimatort. Das große Finale, das „Rebenbeben-Fest“ nach der Lese, will er unbedingt miterleben. Und er ertappt sich bei der Vorstellung, vielleicht für immer hierzubleiben. Weil er das Herumreisen satthat, weil Goldberg gar nicht so übel ist … und wegen Fleur. Auch wenn die nach dem Fiasko mit ihrem Ex von den Männern erst mal die Nase voll hat.
Jean Claude überlegt zu bleiben
Jean-Claudes Mutter Agnes sähe es gerne, wenn er hierbliebe, und Fleur wäre ihr als Schwiegertochter willkommen. Nur mit den Aktivitäten zur Rettung des Weinbaus will sie nichts zu tun haben. Jetzt, nachdem sie ihren Weinberg abgegeben hat, fühlt sie sich endlich frei, ihren eigenen Interessen nachzugehen. Mit 60+ lässt sie sich von niemandem mehr vor den Karren spannen! Was man verstehen kann. Ein großer Teil der Gemeinde hat es aber geschafft, den H i n t e r n vom Sofa zu erheben und sich zu engagieren. Inzwischen interessieren sich sogar die Medien und andere Gemeinden für das Konzept der Goldberger. Ist die Aktion „Rebenbeben“ also ein voller Erfolg?
Böse Überraschungen! War alles umsonst?
Ähm … na ja: Ganz so glatt läuft’s nicht! Selbst in einem Ort wie Goldberg, in dem man glaubt, alles über jeden zu wissen, ist manches anders als es nach außen hin scheint. Und nicht jeder Mensch ist das, was er vorgibt zu sein! Der Gemeinde droht das aufwändig geplante und groß beworbene Herbstfest mit Schmackes um die Ohren zu fliegen! Bei all den bösen Überraschungen hilft kein Schnaps mehr und kein Beruhigungstee, da bräuchte es schon ein handfestes Wunder! Ist die Aktion noch zu retten? Oder war alles umsonst?
Es ist unterhaltsam und erhebend zu sehen, wie sich die Goldberger nach und nach vom Eifer und der Begeisterung der Initiatoren mitreißen lassen. Nicht alle, natürlich. So nah am Leben ist die Geschichte. Aber etliche kapieren doch, dass man sich rühren muss, wenn man was haben oder bewegen will. Sonst geschieht gar nichts – oder das Falsche. Was nicht nur für den ökonomischen Bereich gilt.
Amüsant fand ich, wie stark hier manche Akteure unter- beziehungsweise überschätzt werden! Für die Leserinnen gibt’s beizeiten Hinweise. Wir erfahren da ein bisschen mehr als die Goldberger! Wer in der Region lebt und die Gegebenheiten kennt, dürfte besonders früh die Augenbrauen hochziehen: Da kann doch was nicht stimmen …! Und dann sitzt man da und wartet genüsslich darauf, dass es kracht … 😊
Offen sein für das, was kommt
Im wahren Leben wär’s am Schluss wahrscheinlich deutlich heftiger zur Sache gegangen als im Buch. In einem inspirierenden Wohlfühlroman wie diesem sind die Leute aber eher wohlwollend als rachsüchtig. Was ja auch okay ist und zum Grundthema passt:
„Schließe ab mit dem, was war.
(Seite 5)
Sei glücklich mit dem, was ist.
Und sei offen für das, was kommt.“
Die Autorin
Petra Durst-Benning wurde 1965 in Baden-Württemberg geboren und lebt seit einigen Jahren in der Pfalz inmitten von Weinbergen. Seit dreißig Jahren schreibt sie historische und zeitgenössische Romane, viele davon landeten auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Zwei Romane wurden verfilmt, auch in Amerika ist Petra eine bekannte Autorin mit über 1,8 Millionen verkauften Exemplaren.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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