Michel Bergmann: Der Rabbi und der Kommissar. Du sollst nicht morden (Band 1), München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-44129-3, Klappenbroschur, 283 Seiten, Format: 12 x 2,6 x 18,8 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch erhältlich.

„Schnell zieht der Rabbi sein Telefon aus der Tasche und geht zum Nachttisch. Er macht Fotos von den Pillen, dem Teller, dem Wasserglas, dem Fußboden, der Toten. Natürlich würden ihn alle jetzt für einen Spinner halten, der zu viele Krimis gelesen hat, doch irgendetwas kommt ihm seltsam vor. Er weiß nur nicht, was. Noch nicht.“
(Seite 59)
Vor einiger Zeit ist mir zufällig der vierte Und letzte Band der Reihe zugelaufen. Weitere gibt’s nicht, weil der Autor leider verstorben ist. Wenigstens konnte ich Band 1 bis 3 nachkaufen! Das Konzept der Reihe hat mir nämlich gefallen: Ein Krimi mit Grips, Kultur sowie Spurenelementen von Psychologie und Philosophie, mit skurrilen Figuren und Dialogen, die genau meinem Humor entsprechen. Dass die Leute in dieser Krimireihe zum Teil einen wilden Mix aus verschiedenen Sprachen sprechen, liegt in ihrer Biographie begründet. Viele der fremdsprachigen Begriffe und Redewendungen erschließen sich aus dem Zusammenhang, aber es gibt auch ein hilfreiches Glossar.
Ein unkonventioneller Rabbiner
Frankfurt am Main, ca. 2020: Hauptfigur ist Henry Silberbaum, Mitte 40, Rabbiner der Jüdischen Liberalen Gemeinde. Er ist in Frankfurt aufgewachsen, hat in New York alles Mögliche studiert, bis er eher zufällig zur Judaistik gekommen und Rabbiner geworden ist. Jetzt sind seine Mutter Cilly (Mitte 60) und er seit ein paar Jahren wieder in Frankfurt am Main. Hier hat er noch ein paar Freunde, die er seit der Grundschule kennt, und denen er nichts vormachen kann: Er ist ein Spätberufener, er war nicht immer fromm.
Unkonventionell ist er noch heute, sehr zum Leidwesen des Gemeindedirektors Dr. Avram Friedländer. Der ist gewissermaßen Silberbaums Chef.
Verheiratet ist der Rabbi nicht, war er noch nie. Das ist ungewöhnlich. Er hat eine Freundin in New York, mit der er ständig chattet, die aber nicht nach Deutschland ziehen will – und er nicht in die USA. Er zeigt auch auffälliges Interesse an der attraktiven Leiterin des Jüdischen Seniorenheims, Esther Simon (Mitte 30). Mich wundert, dass die Gemeinde nicht ausgiebiger darüber tratscht. Aber vielleicht ist sie mit dem Thema ja schon durch. 😊
Rabbi Silberbaum gibt auch sonst genügend Gesprächsstoff her: Zum Beispiel, als er von der Polizei festgenommen wird, weil die ihn für einen Friedhofsschänder halten, nur weil sie nicht verstanden haben, was genau er da tut. Bei dieser Gelegenheit lernt er den miesepetrigen Hauptkommissar Robert Berking kennen, was sich noch als nützlich erweisen soll.
Es stimmt was nicht mit Ruth Axelraths Tod!
Kurz nachdem Gemeindemitglied Ruth Axelrath (80+) beim Rabbi gewesen ist, ihm ihr Leid geklagt und der Gemeinde ein Erbe in Höhe einer Million Euro für eine Bibliothek in Aussicht gestellt hat, wird sie in ihrer Villa tot aufgefunden. Als der Rabbi auf Bitte der Familie dort eintrifft, kommt ihm manches seltsam vor: Wieso war ihre Vermögensverwalterin Sibylle Siemer dabei, als Max Axelrath seine Frau gefunden hat? Warum hat sie nicht den Hausarzt der Familie, Dr. Marek Perlmann, angerufen, sondern einen „wildfremden“ Notarzt? Und weshalb steht ein falscher Teller auf dem Nachttisch? Ruth hat einen koscheren Haushalt geführt, ihr wäre dieser Fehler niemals unterlaufen und ihrem Mann auch nicht. Da muss ein Fremder herumgewirtschaftet haben!
Ein falsches Testament?
Das Testament, das schließlich eröffnet wird, enthält nichts von dem, was Ruth dem Rabbi gegenüber erwähnt hat: Keine Millionenspende für die Jüdische Gemeinde, kein Wohnrecht in der Villa für den Witwer – und keinen Cent für Miriam, Ruths Tochter aus erster Ehe! Ruths komplettes Vermögen geht an eine Stiftung, deren Vorständin Ruths Vermögensverwalterin ist. Sogar Miriams Hotel in Eilat verleibt sich die Stiftung ein! Nie im Leben hätte Ruth Axelrath das so gewollt! Da stimmt was nicht!
Kommissar Berking winkt nur ab, als Rabbi Silberbaum mit seinen Vermutungen daherkommt. Ja, klingt schon irgendwie plausibel – nur das mit dem Teller versteht er nicht. Er braucht mehr als Hörensagen und Verdächtigungen, um offiziell einschreiten zu können.
Rabbi Silberbaum ermittelt
Der Rabbi will aber unbedingt Gerechtigkeit. Wenn es dazu weiterer Informationen bedarf, bitte! Bei der Beschaffung derselben ist er nicht zimperlich, und die Freunde und Bekannten, die er in seine privaten Ermittlungen mit hineinzieht, sind es ebenso wenig. Ein Rechtsanwalt, Ärzte, ein, ähem, „Computerspezialist“ und noch ein paar andere werden für Henry Silberbaum recht kreativ aktiv.
Gemeindedirektor Friedländer springt derweil im Viereck. Wenn das publik wird! (Dabei weiß er noch nicht mal alles!) Er sieht im Geiste schon die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Sicher wird man dem Rabbi unterstellen, dass er das alles nur macht, um an die Million für die Bibliothek zu kommen.
Dem Rabbi ist das Wurscht. Er ist hier nicht der Geier. Das sind die, die auf perfide Weise die alte Dame getötet haben und nun deren Familie um ihr Erbe bringen wollen. Wer da alles mit drinhängt, weiß Silberbaum noch nicht. Aber wenn keiner der Beweise, die seine Freunde und er anschleppen, Polizei und Staatsanwaltschaft zum Handeln bewegen, dann muss er eben dafür sorgen, dass sich die Verdächtigen selbst verraten. Er stellt ihnen eine Falle.
Der Rabbi mag schlau sein, aber seine Gegner sind brutal
Wir glauben aufs Wort, dass der Rabbi und seine nicht minder schlitzohrigen Kumpels schlauer sind als die „Geier“. Aber die Geier sind deutlich rücksichtsloser und brutaler! Der finale Showdown verläuft entsprechend dramatisch, hat aber auch einen Hauch von Slapstick …
Es stimmt, was der Kommissar sagt: Rabbi Silberbaum ist ein begnadeter Kriminalist und hat durch sein talmudisches Studium die Fähigkeit entwickelt, dem Offensichtlichen zu misstrauen und dahinter zu schauen. Trotzdem ist er kein Polizeibeamter, sondern nur ein gerechtigkeitsbesessener Amateurschnüffler mit fragwürdigen Methoden.
Wie bei den Rabbi-Krimis von Harry Kemelman und Alfred Bodenheimer lernt man hier ganz nebenbei einiges über die jüdische Kultur. Wenn sich der Rabbi nichtjüdischen Mitbürgern erklären muss oder mit seinen Schülerinnen und Schülern spricht, wird der Leser gleich mit informiert. Wenn er sich nicht sowieso schon in der Materie auskennt. (Ein paar Jiddischkenntnisse wären von Vorteil.)
Schräge Figuren, Dialogwitz und interessante Informationen
Wie gesagt: Ich mag das schräge Romanpersonal, den Dialogwitz und das Umfeld, in dem die Geschichte spielt. Wer sich in Frankfurt auskennt, dürfte noch ein zusätzliches Vergnügen haben, weil er/sie bei der bloßen Erwähnung von Straßen oder Stadtteilen schon ein konkretes Bild vor Augen hat.
Der Kriminalfall selbst ist raffiniert konstruiert. Seine Aufklärung, beziehungsweise die Gedankengänge des Rabbiners, werden jedoch für meinen Geschmack ein bisschen zu kleinteilig ausbuchstabiert. Wir Leser haben lägst kapiert, wohin Silberbaums Überlegungen gehen! Da hätte uns der Autor gern ein bisschen mehr zutrauen dürfen.
Der Autor
Michel Bergmann, geboren 1945 in Basel, Kinderjahre in Paris, Jugendjahre in Frankfurt am Main. Nach Studium und Job bei der »Frankfurter Rundschau« landete er beim Film: zuerst als Producer, dann als Regisseur, zuletzt als Drehbuchautor u. a. für »Otto – Der Katastrofenfilm«, »Es war einmal in Deutschland«. Ab 2010 schrieb er vor allem Romane: u. a. »Die Teilacher«, »Herr Klee und Herr Feld«, »Weinhebers Koffer«, »Mameleben: oder das gestohlene Glück«. Mit der Reihe um den ermittelnden Rabbi Henry Silberbaum trat er auch als Krimiautor in Erscheinung. 2025 ist Michel Bergmann verstorben.
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Rezensentin: Edith Nebel
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