Angelika Godau: Wie ein Esel auf dünnem Eis (Türkei für Anfänger, Band 10)

Angelika Godau: Wie ein Esel auf dünnem Eis (Türkei für Anfänger, Band 10), Zweibrücken 2026, Independently published, ISBN 979-8-25028375-5, Softcover, 290 Seiten, Format: 12,7 x 1,68 x 20,32 cm, Buch: EUR 13,90, Kindle: EUR 4,99.

Abb.: A. Godau / A. Aldenhoven

„Was hast du? Was wirfst du mir eigentlich vor? Dass ich ein Hotel leiten muss, dass alle Welt mit ihren Problemen zu mir kommt und umgehend Hilfe erwartet?“

(Seite 98)

Wenn Yusuf Karamak, knapp 50 und Hotelier in Side, mal ein paar Stunden lang keine Katastrophenmeldungen bekommt, wird er unruhig. Das kann doch nur die Ruhe vor dem Sturm sein! Meist ist es auch so. Wenn nicht gerade seine große chaotische Familie für Wirbel sorgt, dann seine Angestellten, seine Gäste oder seine Tiere. Weil seine Frau Marie im Tierschutz aktiv ist, haben sie eine ganze Menagerie: Hunde, Katzen, Esel, Vögel … da ist immer was los!

Seine derzeit größte Sorge: Was wird aus der achtjährigen Aylin – ein Mitglied der weitläufigen Verwandtschaft. Die Mutter ist verstorben, der Stiefvater todkrank. In absehbarer Zeit wird das Kind eine neue Familie brauchen.

Und warum ist das Yusufs Problem? Nur weil‘s der leibliche Vater des Mädchens dazu gemacht hat. Das ist, man höre und staune, Yusufs frisch angeheirateter Stief-Opa Kemal (87)! Dem ist es peinlich, dass er mit einer weiteren Geliebten ein Kind hat, und seine Frau, Yusufs Oma „Nene“ (91) ist stinksauer, weil sie jetzt erst davon erfährt.

Kemal und Nene kommen schon allein altershalber nicht als Ersatzeltern in Frage. Sie würden das Mädchen auch nicht wollen, wenn sie jünger wären. Sie möchten es nur diskret loswerden. Irgendwer soll’s adoptieren. Vielleicht Yusuf und Marie, die kümmern sich doch sonst immer um alles! Die kennen sich aus, denn sie haben schon Kinder: Elyas (25) Dilek (20) und jetzt noch den Nachzügler, Baby Deniz. Da kommt’s auf ein weiteres Kind nicht mehr an, oder?

Yusuf ist zwar sehr hilfsbereit, aber ein traumatisiertes Kind aufzunehmen, trauen Marie und er sich nicht zu. Mit dem Mädchen muss man verständnisvolle, tiefschürfende Gespräche führen können, und dazu reicht ihr Türkisch bei weitem nicht aus.

Ein toller Adoptivvater wäre der Schlagersänger Cem, ein Freund der Familie. Der hätte gerne Kinder und hat einen guten Draht zu ihnen. Aber er lebt mit einem Mann zusammen. Das heißt, hier in der Türkei darf das Paar weder heiraten noch Kinder adoptieren. Also kommt das Mädchen doch zu Yusuf und Marie? Tochter Dilek ist strikt dagegen, Sohn Elyas ist’s egal. Aber was ist dem nicht egal? Er will die Hotelangestellte Nuri heiraten, kriegt aber den Allerwertesten nicht hoch, um die Hochzeit auch zu organisieren.

Der Typ kriegt einfach nichts gebacken! Doch wie mir scheint, hat seine künftige Gattin mehr Dampf auf der Kanne als er. Sie lernt nicht nur in Rekordzeit Deutsch, sondern hat es auch geschafft, der bisherigen Küchenchefin Hatice – Yusufs biestiger Mutter – deren angebliche Geheimrezepte abzugucken. Was sich als rettend erweist, als Hatice krankheitsbedingt länger ausfällt. Auch das ist wieder ein Riesendrama, was es sicher nicht geworden wäre, wenn die Patientin rechtzeitig einen Arzt aufgesucht hätte und sich jetzt zügig behandeln ließe. Aber nein …!

Wie immer, wenn Yusuf nicht weiterweiß, bespricht er sich mit seinem Nachbarn und väterlichen Freund Mustafa Kaya (75). Der hat schon alles gesehen und weiß eigentlich immer Rat. Angesichts all der familiären Katastrophen verplappert er sich allerdings und erwähnt, dass in seiner Familie auch nicht alles so rosig ist, wie es den Anschein hat. Mit seinem jüngsten Sohn Hakan hat er seit 20 Jahren kein Wort mehr gesprochen. Er weiß nicht einmal, wo dieser heute lebt. Gerne würde er ihn wiedersehen, aber er traut sich nicht, nach ihm zu suchen.

Das beschäftigt Yusuf mehr als es sollte. Marie wird ihm heimleuchten, wenn er sich jetzt auch noch in die Probleme seiner Nachbarn einmischt! Also redet er nicht mit ihr darüber, sondern mit seinem Kumpel Cem. Das ist auch so ein Gschaftlhuber, der sich überall wohlmeinend einmischt, was leider nicht immer zum gewünschten Erfolg führt.

Schlimmer als so, wie es jetzt ist, kann es nicht werden, meinen die zwei Hobby-Psychologen und machen sich guten Gewissens auf die Suche nach Mustafas Sohn. Sie ahnen ja nicht, was sie damit lostreten …

Die liebevollen Kabbeleien zwischen Yusuf und seiner Marie sowie das Gezicke zwischen Yusufs Mutter und seiner Oma sind so amüsant wie in den vorigen Bänden auch, genau wie die Scherereien mit den Tieren. Doch insgesamt sind die Themen ernster als sonst. Wir erleben mit, wie einem traditionelle Wertevorstellungen das Leben unnötig schwer machen können. Und wir erhalten interessante Einblicke in türkische Krankenhäuser, was aus deutscher Sicht ein bisschen erschreckend ist. Was geschieht denn mit Patienten, die keine Angehörigen (in der Nähe) haben, die sie in der Klinik pflegen und verpflegen? Da hat Hatice, die Bissgurn, mit ihrer engagierten Familie richtig Glück! Unzufrieden ist sie natürlich trotzdem …

Bisher war ich davon ausgegangen, dass dies der Abschlussband der Reihe ist. Doch da ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen (und geschrieben). Man ahnt aber schon, wohin für die Hauptpersonen die Reise gehen könnte. Yusuf arbeitet daran, sich nur noch da „einzubringen“ wo es unabdingbar ist und sich auch mal aus anderer Leute Angelegenheiten herauszuhalten. Kemal, der Stief-Großvater, lässt sich nicht mehr von seiner frisch Angetrauten auf der Nase herumtanzen, und die flatterhafte Dilek scheint langsam ein bisschen ruhiger zu werden.

Jetzt würde mich noch interessieren, wie Cem mit den neuesten Entwicklungen klarkommt und ob der leichtsinnige Elyas als Ehemann und Vater endlich erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Ich könnte mir vorstellen, dass seine pfiffige Gattin schon dafür sorgen wird. Falls es wirklich noch zwei weitere Bände geben sollte, werde ich ja demnächst sehen, ob ich damit recht habe.

Angelika Godau, geboren in Oberbayern, hat in verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt und fast 10 Jahre lang in der Türkei. Sie hat als Journalistin gearbeitet, Psychologie studiert und in Mannheim eine eigene Praxis betrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze in Zweibrücken, schreibt Bücher und engagiert sich im Tierschutz.

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert