Martin Wehrle: Wer wärst du ohne deine Sorgen? – Gedankenspiralen stoppen, Ängste loswerden, Zuversicht gewinnen, München 2026, Mosaik Verlag, ISBN 978-3-442-39422-7, Klappenbroschur, 381 Seiten, Format: 13,7 x 3,3 x 21,6 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 17,99, auch als Hörbuch erhältlich.

„Ich mache mir Sorgen“ bedeutet: Sorgen sind ein Produkt Ihrer eigenen Herstellung. Wenn Sie der Produzent sind – warum nicht die Produktion runterfahren oder einstellen?
(Seite 12)
Es ist natürlich sinnvoll, sich auf Eventualitäten vorzubereiten und Lösungen für aktuell anstehende Probleme zu suchen. Doch wenn wir uns in Katastrophenphantasien hineinsteigern, ergebnislos über vergangene Ereignisse grübeln oder uns von unseren Ängsten lähmen lassen, bringt uns das nicht weiter. Das belastet uns nur.
Wie bremsen wir das Gedankenkarussell?
Weil Martin Wehrles Buch ICH ARBEITE IN EINEM IRRENHAUS für mich seit 15 Jahren sowas wie meine Bibel in Firmen-Angelegenheiten ist, dachte ich, er hat bestimmt auch kluge Tipps auf Lager, wie wir das unnütze Grübeln und Sorgenmachen bleiben lassen können. Auf Kommando geht das ja nicht, wie wir alle wissen, und Verdrängung bringt auch nicht viel. Wir werden uns schon irgendwie mit unseren Ängsten und Problemen auseinandersetzen müssen, um das Gedankenkarussell bremsen zu können.
Wie das funktionieren kann, erfahren wir in diesem Buch. Wir finden hier Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie, der positiven Psychologie und Anleihen bei den Stoikern. Konkrete Beispiele aus dem Alltag, Tests und Übungsaufgaben zum Selbstausfüllen gibt es obendrein.
Ich war ein bisschen überfordert
Wenn sich für den Leser alles selbst erklärt, wunderbar! Ich war teilweise überfordert und hätte gerne zurückgefragt, wie etwas gemeint ist. Klar kann ich bei den Übungen irgendwas reinschreiben, aber ob das eine zielführende Antwort ist oder nicht, war mir oft nicht klar. Das ist das alte Problem mit Ratgeberbüchern: Wer in der Materie nicht ganz so firm ist und Feedback bräuchte, kann keines bekommen. Das ist nicht die Schuld des Buchs, das liegt in der Natur der Sache.
Praktisch und übersichtlich fand ich die Tabellen, die am Ende eines Kapitels jeweils die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen. Da ist aufgelistet, was wir Unbekömmliches denken, was dabei in unseren Köpfen passiert und wie wir gegensteuern können – auch wenn wir den theoretischen Teil vielleicht nicht vollumfänglich begriffen haben.
Unser Gehirn meint’s gut, übertreibt aber manchmal
Dass unser Gehirn auf die Erkennung und Abwehr von Gefahren programmiert ist, dürfen wir ihm nicht verübeln. Das hat uns in der Frühzeit der Menschheit einen entscheidenden Überlebensvorteil gesichert. Heute lauert nicht mehr hinter jeder Ecke ein Raubtier, ein feindlicher Stamm oder eine Hungersnot. Unsere heutige Zivilisation ist ein vergleichsweise sicherer Ort, aber für unser Gehirn anscheinend zu ruhig. Kaum ist ein Problem gelöst (er)findet es das nächste, auch wenn gar keine Gefahr besteht.
Vor allem, wenn wir passiv sind und unsere Gedanken treiben lassen, „überfallen“ uns die Sorgen und wir ergehen uns in fruchtlosen Grübeleien. Diesen Gedanken sind wir aber nicht wehrlos ausgeliefert. Wir können sie zum Beispiel durch Perspektivwechsel oder bestimmte Fragestellungen gezielt verändern. Auch therapeutisches Schreiben hilft, wie Studien zeigen. Ebenfalls durch Studien belegt: Wenn sich unser Denken verändert, verändern sich auch unsere Gefühle und Handlungen.
Ein Trick, den ich so ähnlich aus der kognitiven Verhaltenstherapie kannte: Man gibt seinen jäh auftauchenden Sorgen einen Namen und lädt sie für später zu einer Sprechstunde ein: „Servus, Gustav Grübel! Jetzt ist’s grad ganz schlecht! Wie wäre es heute Abend zwischen 19:00 und 19:15 Uhr? Da nehme ich mir dann Zeit für dich.“ Warum das funktioniert, erfahren wir auch.
Hilft es, die Sorgen zu relativieren?
Das mit dem Relativieren der Sorgen habe ich womöglich nicht richtig verstanden. Klar kann man fragen, ob das, was mich gerade bewegt, in 20 Jahren noch ein Problem sein wird. Rückblickend wahrscheinlich nicht, weil ich mich irgendwie durchgewurstelt und weitergemacht haben werde. Aber aktuell redet das meine Lage klein und ich fühle mich nicht ernst genommen. Auch der Gedanke, dass wir sowieso nur ein Krümel im Universum sind, alles vergänglich ist und mit unserem Tod auch unsere Probleme null und nichtig werden, ist für mich eher deprimierend als hilfreich. Wenn sowieso alles egal ist, wozu braucht’s dann noch Therapeuten, Coaches und Ratgeber? Dann setzen wir uns doch einfach hin und sterben!
Was ich mir erst von klugen Menschen aus meinem Umfeld erklären lassen musste: dass das Wort „Akzeptanz“ in der Psychologie anders verwendet wird als im Alltag. Ich dachte tatsächlich, der Autor verlange von uns, jedes Unglück, das uns widerfährt, auch noch gutzuheißen. Tut er nicht! Wir sollen lediglich anerkennen, dass eine Situation ist, wie sie ist (und nicht nur jammern). Dann müssen wir sehen, was wir daran verändern können und dies auch tun. Nur, was wir nicht ändern können, ist hinzunehmen.
Was lernen wir von den Stoikern?
Wenn ich das mit der Akzeptanz schon ohne Freundeshilfe missverstanden hätte, will ich lieber gar nicht wissen, wie sehr ich den armen Stoikern in dem ihnen gewidmeten Kapitel Unrecht tue! 😉 Wir sollen so gut wie nichts erwarten und alles emotionslos über uns ergehen lassen? Und in dem Bewusstsein leben, dass wir außer unseren Gedanken nichts kontrollieren können und dass wir wie ein Hund leben, der an einem fahrenden Wagen angebunden ist? Dem bringt es auch nichts, wenn er mal das Tempo oder die Richtung wechseln will – alles, was er tun kann, ist mitlaufen. Oh!
Den Stoiker-Ideen von Vernunft, Mäßigung, realistischen Erwartungen und dem Vorsatz, sich nur über Dinge aufzuregen, die man auch beeinflussen kann, kann ich durchaus was abgewinnen. Auch über Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und Selbstdisziplin kann man mit mir reden. Aber will ich wirklich wie die Vulkanier aus STAR TREK sein oder wie ein Hund an der Leine? Ich glaub‘ nicht. Aber, wie gesagt: Vielleicht meinen die ja alles ganz anders!
Hilfreiche Erklärungen, Tipps und Übungen
Es gibt in diesem Buch viele sehr einleuchtende Erklärungen, hilfreiche Tipps und Übungen. Schnell umsetzbar sind sicher die beruhigenden Atemtechniken bei Stress und Ängsten. (Bei einer ausgewachsenen Phobie oder Angststörung sollte lieber ein Therapeut ran. Das sagt auch der Autor.)
Wenn ich mehr von Psychologie und Philosophie verstehen würde, hätte ich den Ratgeber sicher viel besser würdigen können. Tut mir leid! Für derart laienhafte Laien wie mich ist das Buch wohl doch nicht geschrieben worden.
Der Autor
Martin Wehrle ist Karriere- und Lebenscoach. Seine Bücher sind in zwölf Sprachen erschienen. Mit »Ich arbeite in einem Irrenhaus« und dem Folgeband »Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus« landete er gefeierte Bestseller. An seiner Hamburger Karriereberater-Akademie bildet er Karrierecoaches aus. Zudem gibt er sein Wissen in seinem Podcast »Frag Martin« weiter.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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