Michel Bergmann: Der Rabbi und der Kommissar. Du sollst nicht begehren (Band 2)

Michel Bergmann: Der Rabbi und der Kommissar. Du sollst nicht begehren (Band 2), München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-44130-9, Klappenbroschur, 283 Seiten, Format: ‎11,9 x 2,6 x 18,8 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Galina ist seit Wochen verschwunden, […] vielleicht lebt sie schon gar nicht mehr, und Sie sitzen hier rum […]! Da Ihnen das Schicksal Ihrer Frau egal ist, bleibt nur der kleine Rabbiner, der sich sorgt. Ich werde mich kümmern, darauf können Sie sich verlassen!“

(Seite 135)

Henry Silberbaum, Mitte 40, Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinte zu Frankfurt am Main, strebt nach Wahrheit und Gerechtigkeit, egal in welchem Zusammenhang. Er ist außerstande, Unklarheiten auf sich beruhen zu lassen.

Als ihm zu Ohren kommt, dass Galina Gurewitz, 24, ein Mitglied seiner Gemeinde, seit zwei Wochen verschwunden ist, geht er der Sache nach, auch wenn das bedeutet, dass er ihrem Gatten, dem grobschlächtigen Semjon Gurewitz, 60+, auf den Zahn fühlen muss. Der verbittet sich energisch jegliche Einmischung und droht dem Rabbi unverhohlen, falls dieser weitere Nachforschungen über Galinas Verbleib anstellen oder gar die Polizei einschalten sollte.

Auch Galinas Mutter, Nina Bubka – die ein herrliches jiddisch gefärbtes Deutsch spricht –, verhält sich eigenartig. Sie sagt zwar, sie wisse nicht, wo ihre Tochter sich aufhalte, aber zur Polizei will sie auf gar keinen Fall gehen. Vielleicht sei Galina, die Weltklasseschwimmerin, nur irgendwo hingefahren, wo sie ungestört trainieren kann? Hm … aber ohne jemandem in ihrem Umfeld Bescheid zu geben? Rabbi Silberbaum kann das nicht glauben. Nicht, dass er Galina gut kennen würde. Er hat sie lediglich ein paar Mal im Schwimmbad getroffen. Dort hat sie gegrüßt, konzentriert ihre Bahnen gezogen und nicht viel geredet.

Wenn ihre Familie erklärt, dass ihre Abwesenheit kein Grund zur Sorge sei, könnte Silberbaum ja schulterzuckend zur Tagesordnung übergehen. Sein Chef, Avram Friedländer, würde es begrüßen, wenn der Rabbiner seine gesamte Energie in die Gemeindearbeit stecken würde, statt sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen.

Nachdem Silberbaum tatsächlich einen Kriminalfall hat lösen können und seitdem mit Hauptkommissar Robert Berking befreundet ist, ist alles noch schlimmer geworden! Jetzt gefällt er sich in der Rolle des Privatermittlers und knöpft sich die Angehörigen der verschwundenen Sportlerin vor, auch Gurewitz‘ Ex-Frau Rifka und die Söhne aus dieser Verbindung. Was diese ihm nicht sagen (wollen), das wissen Henry Silberbaums Mutter Cilly und der Buchhändler Jossi Singer:

Semjon Gurewitz ist ein gefährlicher Mann mit dubioser Vergangenheit. Vor 25 Jahren als Kontingentflüchtling aus Russland gekommen, haftet ihm das „Milieu“, in dem er anfangs tätig war, noch immer an. Da helfen weder ehrbar wirkende Geschäfte noch strategisch ausgewählte Ehefrauen, ja nicht einmal großzügige Spenden für wohltätige Zwecke! Man munkelt was von Geheimdienstkontakten und kriminellen Aktivitäten. Der Rabbi würde sich also nicht wundern, wenn Gurewitz seine aktuelle Ehefrau sattgehabt und umgebracht hätte.

Was hat die damals 19jährige Galina eigentlich dazu bewogen, diesen groben Klotz zu heiraten, der 35 Jahre älter ist als sie? Hat sich hier ein naives junges Ding vom Geld blenden lassen, oder hat eine durchtriebene Person ganz gezielt einen Plan verfolgt, der nun schiefgegangen ist? Und was weiß Juri Tarassow vom russischen Generalkonsulat über die Familie Gurewitz und über Galinas Verbleib? Sein Name taucht immer wieder auf. Der Rabbi fragt nach, doch Tarassow lässt ihn routiniert auflaufen.

Eine beiläufige Bemerkung macht den Rabbi jedoch stutzig. Jetzt hat er einen Verdacht, der sich erhärtet, als er anonyme Hinweise bekommt. Nur beweisen kann er nichts. Und Kommissar Berking kann ihm nur bedingt helfen, weil es ja keine offiziellen Ermittlungen gibt. Wenn er nur wüsste, wer ihm diese anonymen Nachrichten schickt …!

Kann es vielleicht sein, fragt sich nun der Leser, dass der Rabbi für eine perfide Intrige benutzt wird? Schiebt ihm irgendwer die zweifelhafte Aufgabe zu, Semjon Gurewitz‘ schmutzige Geheimisse ans Licht zu zerren? Falls ja, sollte er gut auf sich aufpassen, denn dann ist er im Begriff, zwischen die Fronten von Gegnern zu geraten, die vor gar nichts zurückschrecken …!

In dieser Geschichte pokert mancher höher, als gut für ihn ist.

Was Semjon Gurewitz‘ Problem ist, habe ich recht bald geahnt, weil ich Geschichten wie diese kenne, wenn auch nicht ganz so drastische. Doch wer hier wen womit in der Hand hat und was mit Galina passiert ist, da musste ich mich auf den Spürsinn von Rabbi Silberbaum verlassen, der mich auch dieses Mal nicht enttäuscht hat.

Wie schon beim 1. Band, DER RABBI UND DER KOMMISSAR. DU SOLLST NICHT MORDEN, werden die Fakten für meinen Geschmack ein wenig zu oft wiederholt und zusammengefasst. Aber mir gefällt, wie der Rabbi denkt, besonders im Zusammenspiel mit seinem Kumpel, dem Buchhändler Jossi. Und der Wortwitz ist genau mein Humor!

Wenn Rabbi Silberbaum eine Konvertitin unterweist, seine Klasse unterrichtet – und dabei regelmäßig von einem zwölfjährigen nudnik über den Haufen gelabert wird – oder wenn er den nichtjüdischen Kommissar zu einer erklärungsbedürftigen Veranstaltung mitschleppt, dann lernt auch der Leser ein bisschen was dazu.

Manche Personen in dem Roman sind weit herumgekommen und sprechen ein wildes Sprachgemisch. Die Bedeutung ergibt sich meist aus dem Zusammenhang, es gibt aber auch ein hilfreiches Glossar. Mir ist aufgefallen, dass sie dort vergessen haben das Wort „risches“ zu übersetzen: Antisemitismus.

Und das ist das Lied, das der Rabbi am Schluss am Klavier vorträgt:

Michel Bergmann, geboren 1945 in Basel, Kinderjahre in Paris, Jugendjahre in Frankfurt am Main. Nach Studium und Job bei der »Frankfurter Rundschau« landete er beim Film: zuerst als Producer, dann als Regisseur, zuletzt als Drehbuchautor u. a. für »Otto – Der Katastrofenfilm«, »Es war einmal in Deutschland«. Ab 2010 schrieb er vor allem Romane: u. a. »Die Teilacher«, »Herr Klee und Herr Feld«, »Weinhebers Koffer«, »Mameleben: oder das gestohlene Glück«. Mit der Reihe um den ermittelnden Rabbi Henry Silberbaum trat er auch als Krimiautor in Erscheinung. 2025 ist Michel Bergmann verstorben.

Affiliate Links

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert