Elisabeth Kabatek: Chaos in Cornwall. Roman, München 2020, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-30812-7, Klappenbroschur, 364 Seiten, Format: 12,6 x 2,69 x 19 cm, Buch: EUR 16,99, Kindle: EUR 9,99.

„Margarete […] fühlte sich schon viel besser. Eigentlich fühlte sie sich sogar richtig gut. Sie war Roland los, die Sonne schien, sie war ganz nah am Meer, sie hatte etwas im Magen, und alles in ihr fühlte sich nach Abenteuer an. Cornwall! Endlich war sie in Cornwall!“
(Seite 58)
Das ist wieder mal eines der Bücher, von dem ich nicht weiß, wie es in meinen Besitz gelangt ist. Egal: Ich hab’s in den unendlichen Weiten meiner Regale gefunden und gelesen, und jetzt stelle ich es vor:
Margarete hat pünktlich zum 50. Geburtstag ihren Job als Pressereferentin bei einem württembergischen Automobil-Zulieferer verloren. Jetzt bleibt ihr, die immer so viel gearbeitet hat, neben dem Bewerbungsschreiben die Zeit, sich per Dating-Apps auf Partnersuche zu begeben. So ist ihr Roland George zugelaufen, ein attraktiver Mittfünfziger, Professor für Astrophysik an der Uni in München, aber gebürtig aus Stuttgart, wie sie. Ein Mann mit dubiosem Klamottengeschmack und einer tiefen Liebe zu seinem Mercedes.
Ein katastrophaler Kurztrip! Margarete haut ab
Roland hat sie zu einer Kurzreise nach Cornwall eingeladen. Da wollte sie schon immer mal hin! Aber die Reise läuft nicht wie erwartet. Roland schnarcht, nervt mit übertriebener Sparsamkeit und nennt Margarete, eine durchaus auffallende Erscheinung, unpassender Weise „Häschen“. Irgendwann hält sie das einfach nicht mehr aus. Mitten in der Nacht leert sie seinen Geldbeutel, schnappt sich seinen Mercedes und flüchtet aus dem Billighotel. Nicht die feine englische Art, zugegeben.
Kurz vor dem malerischen Fischerdörfchen Port Piran geht ihr der Sprit aus, mitten in der Nacht. Sie hat keine Ahnung, wo sie ist und was sie jetzt tun soll. Also schläft sie im Auto, wo sie der Biobauer Christopher „Chris“ Nankivell (40+), am nächsten Morgen aufliest.
Er nimmt sie erst einmal mit auf seine Farm, macht ihr Frühstück, lässt sie das Auto in seiner Scheune unterstellen und fährt sie dann zu Mabels B&B, dem Honeysuckle Cottage. Da kommen die beiden keine Sekunde zu früh: Mabel (61), die Besitzerin des Cottage, ist im Haus gestürzt und hat sich den Knöchel gebrochen.
Von der Urlauberin zur Pensionswirtin in 10 Sekunden
Mabels größte Sorge: Wer kümmert sich um ihre Pensionsgäste und das Cottage, wenn sie jetzt ins Krankenhaus muss? Margarete fackelt nicht lange und bietet gegen Kost und Logis ihre Hilfe an. Nicht, dass sie Ahnung von Hotellerie oder Gastronomie hätte. Sie ist nicht mal eine gute Köchin. Aber sie will die verunglückte Wirtin einfach nicht hängen lassen. Mabel ist skeptisch, aber der Krankenwagen ist da, und sie hat keine Zeit zum Diskutieren. Und so nimmt das Chaos seinen Lauf. Wenigstens muss Margarete es nicht ganz alleine stemmen: Mabels Nachbarn und Freunde helfen ihr. Und Mabel ruft ständig aus dem Krankenhaus an und gibt im Feldwebelton Kommandos.
Sonderlich sympathisch ist Mabel tatsächlich nicht. Im Grunde hasst sie ihren Job. Vor 34 Jahren hat sie das Cottage von einer Tante geerbt, davor war sie ein punkiges Straßenkind aus Manchester, aus prekären Verhältnissen, drogenabhängig, ohne Schulbildung und ohne Zukunft. Dass das B&B ihre Rettung war, hat sie damals begriffen und die Kunstfigur der biederen und freundlichen Wirtin Mabel kreiert. Nicht einmal ihr Name stimmt. Eigentlich heißt sie Lori, und im Herzen ist sie stets ein Punk geblieben.
Probleme mit Maggies unverblümter Art
Auch wenn Mabel manchmal deutliche Worte findet: Mit der generell unverblümten Art der Deutschen haben sie und ihre Gäste ein Problem. Mabel will nicht, dass „Maggie“ sich um anderer Leute Privatangelegenheiten kümmert und sie will auch nicht, dass ihre Aushilfe eigene Entscheidungen trifft und Dinge anders macht als sie, selbst wenn das zu ihrem Nutzen wäre. Als die geschäftstüchtige Deutsche einem Fernsehteam gestattet, in einem der Räume eine Szene für eine populäre TV-Serie zu drehen und denen dafür einen beachtlichen Betrag abknöpft, flippt Mabel aus. Auch wenn das ihr Geld ist: Es ist ein Eingriff in ihr „Revier“.
Noch schlimmer wird’s, als sich zwischen Margarete und dem Biobauern Chris eine Beziehung anbahnt. Für Mabel, die ihn als Siebenjährigen kennengelernt hat, als sie mit 27 in dieses Dorf gekommen ist, ist Chris wie ein Sohn. Sie möchte verhindern, dass ihm noch einmal das Herz gebrochen wird, nachdem ihn schon seine Frau samt Kindern verlassen hat. Denn eines ist klar: Auch Margarete wird nicht bei ihm bleiben und zurück nach Deutschland gehen.
Ein folgenschweres Missverständnis
Was sie übersieht: Chris ist längst erwachsen und weiß, dass er sich mit Maggie auf ein zeitlich begrenztes Glück einlassen würde …, wenn er sich denn wirklich darauf einlassen könnte. Irgendwie scheint er nicht so recht zu wissen, was er will. Oder er kann es nicht kommunizieren. Die geradlinige Margarete verzweifelt an der verklausulierten Art der Briten. Auf einem Dorffest kommt es zu einem folgenschweren Missverständnis und Margarete reicht’s endgültig. Sie beschließt, alles hinzuschmeißen und wieder nach Stuttgart zurückzukehren.
Nachbar John Curnow (86) redet mit Engelszungen auf sie ein, doch wenigstens bis zum Musikfestival zu bleiben. Sonst hätte er mit Mabel und ihr ja ganz umsonst für ihren großen Auftritt geprobt. Maggie hatte keine Ahnung, dass ihm das so viel bedeutet. Und sie fällt aus allen Wolken, als John ihr aufzählt, was sie in der kurzen Zeit, in der sie in Port Piran ist, schon alles zum Positiven verändert hat. Wird jetzt doch noch alles gut, auch wenn es gar nicht danach aussieht?
Cornwall-Klischees gegen den Strich gebürstet
Hier wird das Rosamunde-Pilcher-Cornwall-Klischee gegen den Strich gebürstet, und das ist recht unterhaltsam. Manche Personen und deren Handlungen sind gut nachvollziehbar. Maggies Sehnsucht nach einem Neustart konnte ich gut verstehen und auch die Tatsache, dass sie das nicht um jeden Preis wollte. Und auch John, der einsame alte Witwer, hat mich überzeugt.
Bei der feindseligen Mabel/Lori war’s schon schwieriger. Wenn sie ihre Arbeit im B&B so sehr hasst, wieso hat sie dann das Cottage nicht schon längst verkauft, statt sich ein halbes Leben lang selbst zu verleugnen? Wie ist sie, ein ehemaliges Straßenkind, das kaum lesen, schreiben und rechnen konnte, eigentlich damals auf die Idee gekommen, eine Bed-and-Breakfast-Pension zu eröffnen? Ich habe mich gewundert, dass die junge Lori überhaupt gewusst hat, was das ist und dass sie imstande war, bei der Bank einen Kredit für den Umbau auszuhandeln. Das ist für mich unbegreiflich. Ja, und Professor Roland George, Maggies Kurzzeitlover, ist in meinen Augen die pure Karikatur.
Unterhaltsam, aber nicht immer ganz logisch
Das war mir alles ein bisschen zu wild. Ich bevorzuge Geschichten, die etwas näher am Leben sind – oder gleich so abgefahren, dass sich Vergleiche mit der Realität von vornherein verbieten.
Allerdings war der Auftritt der drei Hobbymusiker Mabel, John und Maggie auf dem Festival sehr berührend. Das war ganz großes Kino! Ich werde die Reihe trotzdem nicht weiterverfolgen. Sie liegt einfach nicht ganz auf meiner Linie.
Die Autorin
Elisabeth Kabatek lebt als Autorin, Kolumnistin und Bloggerin in Stuttgart. Ihre Romane Laugenweckle zum Frühstück, Brezeltango, Spätzleblues, Zur Sache, Schätzle!, Schätzle allein zu Haus und Ein Häusle in Cornwall wurden alle zu Bestsellern. Mehr unter: www.e-kabatek.de und https://ekabatek.wordpress.com
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Rezensentin: Edith Nebel
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