Michel Bergmann: Der Rabbi und der Kommissar – Fremde Götter, Kriminalroman, Band 3

Michel Bergmann: Der Rabbi und der Kommissar – Fremde Götter, Kriminalroman, Band 3, München 2023, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-44200-9, Klappenbroschur, 269 Seiten, Format: 12 x 2,4 x 18,7 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Du bist also ein Mann deines Gottes.“
„So könnte man es ausdrücken“, meint Henry, „aber mein Gott ist der Gott aller Menschen. Sie nennen ihn nur unterschiedlich.“
„Es gibt keinen Gott!“ […]

„Lassen Sie ihn das nicht wissen“, sagt der Rabbi, „sonst wird er sauer.“

(Seite 78)

Frankfurt am Main, 2024: Das Unheil hatte sich ja schon im letzten Band angekündigt, als Friedhofsgärtner Abi Sternlieb von seinem Urologen erfahren hat, dass er schon immer unfruchtbar gewesen ist. Wer also ist der Vater von Camilla, die er zwei Jahrzehnte lang für sein eigenes Kind gehalten hat? Rabbi Henry Silberbaum (Mitte 40), der ja gern Detektiv spielt, soll das herausfinden. Einfach seine Frau nach dem Kindsvater zu fragen, traut sich der Friedhofsgärtner offenbar nicht.

Der Rabbi zögert nicht lange: Er sieht ein Rätsel, und dem muss er unbedingt auf den Grund gehen. Sein Chef, seine Mutter, seine Verlobte – alle warnen ihn: Bitte nicht schon wieder privat ermitteln! Aber er winkt ab: Das ist ja nur eine Familienangelegenheit und kein Kriminalfall! – Ja, noch nicht!

Was die Frau des Friedhofsgärtners, Stella Sternlieb, damals noch Stella Posner, zur fraglichen Zeit gemacht hat, ist schnell geklärt: Sie war unmittelbar nach dem Abitur mit ihrer Schulfreundin Natalie Fuhrmann ein Jahr lang auf Reisen. Da kann ja allerhand passiert sein! In der Schweiz sind die beiden wohlbehüteten und unerfahrenen jungen Frauen in die Fänge einer Öko-Sekte geraten.

Stella Sternlieb kann der Rabbi nicht nach den Vorkommnissen bei „Les Esprits Libre“ (LEL) befragen, denn sie darf von seinen Nachforschungen nichts wissen. Die Suche nach ihrer damaligen Reisegefährtin gestaltet sich schwierig. Aus dieser Richtung sind also auch keine sachdienlichen Informationen zu erwarten. Also leiert er Gemeindedirektor Friedländer ein paar Tage Urlaub aus dem Kreuz und reist in den Schweizer Jura, wo die Sekte immer noch aktiv ist.

Weder der Guru, Jean-Loup „Lupus“ Hinwiller, noch sein Sekretär Thorwald sind besonders angetan davon, dass ein Rabbiner aus Deutschland bei ihnen vorstellig wird und indiskrete Fragen stellt. Ja, räumt „Lupus“ ein, gut möglich, dass Stella und Natalie vor über 20 Jahren hier gewesen sind und dass Stellas Kind von ihm ist. Oder auch nicht. Damals hat jeder mit jedem … Für die Gruppe ist es bedeutungslos, wer welches Kind gezeugt hat. Sie sind ja alle eine große, glückliche Familie.

Rabbi Silberbaum hat begründete Zweifel daran, dass Stella und Natalie da freiwillig mitgemacht haben. Hat man sie unter Druck gesetzt oder unter Drogen? Solche Mutmaßungen hört der Guru natürlich gar nicht gern. Die Antipathie, die zwischen dem Rabbi und ihm herrscht, kann man mit den Händen greifen. Hinwiller mag keine Religionen und schon gar keine Juden und der Rabbi hat was gegen arrogante Schwätzer, die sich selbst für eine Art Gott halten.

Der verbale Schlagabtausch zwischen den beiden Männern ist hochinteressant – und endet für den Rabbi mit einem Rausschmiss. Nun hat er zwar keine DNA-Probe vom möglichen Kindsvater, dafür aber die Gewissheit, dass bei „Les Esprits Libre“ noch viel mehr Schweinereien laufen als er bislang vermutet hat.

Ein Sektenmitglied nimmt heimlich Kontakt zu ihm auf und bittet um Hilfe. Im Gegenzug offeriert er brisante interne Informationen. Zwar wundert sich Rabbi Silberbaum über den abgelegenen Treffpunkt, zu dem er bestellt wird, aber seine Neugier gewinnt die Oberhand. Vor Ort wird ihm dann doch unheimlich. Er fühlt sich verfolgt und rennt davon, ohne seinen Informanten getroffen zu haben.

Am nächsten Morgen steht die Schweizer Polizei bei ihm auf der Matte. Man verdächtigt ihn, den Sektenführer getötet zu haben. Der ist genau da tot aufgefunden worden, wo der Rabbi mit seinem Informanten verabredet war. Auf den Aufnahmen einer Überwachungskamera ist er angeblich zu sehen. Stimmt: Der Mann auf dem Video ist ähnlich gekleidet wie der Rabbi, aber er ist es nicht. Da will ihm jemand was anhängen!

Wieder einmal hat ihn seine unbezähmbare Neugier schnurstracks in eine Falle laufen lassen. Und hier kann ihn auch sein Kumpel, der Frankfurter Kriminalkommissar Robert Berking, nicht raushauen. In der Schweiz hat er nichts zu sagen. Und wenn’s wirklich stimmt, dass LEL die Politik und die Polizei in der Tasche hat, schaut’s für den Rabbi finster aus! Als ihm das klar wird, vergehen ihm seine launigen und spitzfindigen Sprüche, für die er bei Freund und Feind bekannt ist.

Sein brillanter Verstand funktioniert jedoch auch unter Stress. Bald hat er eine ziemlich klare Vorstellung davon, wer für den Tod des Sektenführers verantwortlich ist. Die Frage ist nur, ob er die Schweizer Polizei von seiner Theorie überzeugen kann …

Aus Rabbis Silberbaums Diskussionen mit den Sektenmitgliedern und aus den Gesprächen mit seinen Schülerinnen und Schülern erfährt man einiges über das Judentum, was man vielleicht noch nicht wusste. Berührend finde ich den Umgang des Rabbiners mit den Bewohnern des Seniorenheims. Wie er zum Beispiel einem trauernden Witwer zu neuem Lebensmut verhilft, das ist eine sehr schöne Geschichte!

Anstrengend ist Silberbaums New Yorker Verlobte, mit der er seit 4 Jahren eine Fernbeziehung führt. Ihr kann er gar nichts recht machen. Sie ist fast noch schlimmer als seine Mutter! Ich habe immer gehofft, dass sie sich trennen und er stattdessen mit Esther Simon, der Leiterin des Seniorenheims, zusammenkommt. Leider ist die Buchreihe durch den Tod des Autors vorzeitig beendet worden. Wir werden also nie erfahren, was Michel Bergmann diesbezüglich geplant hatte.

Ich habe gelesen, dass die Zuständigkeiten bei der Schweizer Polizei hier nicht korrekt wiedergegeben werden. Das kann ich nicht beurteilen, für mich ist FREMDE GÖTTER einfach ein ungewöhnlicher und unterhaltsamer Krimi, der mit etwas mehr Action aufwartet als die ersten beiden Bände. Dass es allenthalben stark menschelt, ist der kompletten Reihe gemein. Ein Glossar am Schluss gibt’s auch wieder. Wir werden also mit den jiddischen, hebräischen, englischen und französischen Einsprengseln nicht allein gelassen.

Gerne hätte ich zu jeden der 10 Gebote einen Rabbi-Silberbaum-Krimi gelesen. Ich nehme an, dass das auch der ursprüngliche Plan war. Leider ist es anders gekommen und es gibt nur vier Bände:

  • Band 1: DER RABBI UND DER KOMMISSAR: DU SOLLST NICHT MORDEN (2021)
  • Band 2: DER RABBI UND DER KOMMISSAR: DU SOLLST NICHT BEGEHREN (2022)
  • Band 3: DER RABBI UND DER KOMMISSAR: FREMDE GÖTTER (2023)
  • Band 4: DER RABBI UND DER KOMMISSAR: DU SOLLST NICHT LÜGEN (2025)

Michel Bergmann, geboren 1945 in Basel, Kinderjahre in Paris, Jugendjahre in Frankfurt am Main. Nach Studium und Job bei der »Frankfurter Rundschau« landete er beim Film: zuerst als Producer, dann als Regisseur, zuletzt als Drehbuchautor u. a. für »Otto – Der Katastrofenfilm«, »Es war einmal in Deutschland«. Ab 2010 schrieb er vor allem Romane: u. a. »Die Teilacher«, »Herr Klee und Herr Feld«, »Weinhebers Koffer«, »Mameleben: oder das gestohlene Glück«. Mit der Reihe um den ermittelnden Rabbi Henry Silberbaum trat er auch als Krimiautor in Erscheinung. 2025 ist Michel Bergmann verstorben.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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