Sarah Wynn-Williams: Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor, OT: Careless People, aus dem Englischen von Dorothee Merkel, Köln 2026, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-01460-0, Klappenbroschur, 490 Seiten, Format: 13,4 x 3,1 x 21,5 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 14,99, auch als Hörbuch erhältlich.

„Igitt. Mir war durchaus bewusst, dass es keine Seltenheit ist, dass Facebooks Führungsriege den Konsequenzen ihrer Entscheidungen vollkommen gleichgültig gegenübersteht. Ich wäre nur nie auf die Idee gekommen, dass diese Gleichgültigkeit so weit gehen würde.“
(Seite 397)
Als Teenager hat die Neuseeländerin Sarah einen schweren Unfall. Ihre Eltern nehmen ihre Verletzungen nicht ernst. Das Kind soll sich nicht so anstellen! Erst als sie halb tot daliegt, bequemen sich Vater und Mutter, sie ins Krankenhaus zu kutschieren. Vielleicht kam es ihnen ja auf ein Kind mehr oder weniger nicht an.
Auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe
Sarah überlebt mit knapper Not und lernt: Um Hilfe zu bitten bringt nichts, du musst dich schon selbst retten. Und: Wer dem Tod von der Schippe gesprungen ist, sollte mit seinem Leben etwas anfangen, das die Welt besser macht. Sie studiert Politikwissenschaft und Jura und arbeitet bei den Vereinten Nationen. Natur und Klima will sie schützen, doch außer kleinlichem Gezänk passiert da nicht viel.
2009 entdeckt Sarah Facebook für sich: ein Netzwerk, das Menschen weltweit verbindet. Da können sich die Leute blitzschnell informieren, austauschen und organisieren. Na, wenn das nicht den Verlauf der Menschheitsgeschichte verändern wird …! Sarah ist wild entschlossen, ein Teil dieser Revolution zu werden. Sie bewirbt sich, doch Facebook hat kein Interesse. Man hält die eigene Plattform nur für einen netten Zeitvertreib. Dass sie die explosive Kraft entwickeln könnte, politische Strukturen zu sprengen und neu zusammenzusetzen, sieht dort keiner. Politik ist für das Unternehmen irrelevant.
Manager bei Facebook. Ist es das?
Zwei Jahre und etliche Versuche später wird Sarah tatsächlich „Manager of Global Public Policy“ bei Facebook in Washington. Oh-oh, denkt der Leser: ein Kiwi allein unter US-Amerikanern! Falsche Nationalität, falsches Geschlecht, falsche kulturelle Prägung, falscher Stallgeruch und dann noch eine Position, die man der Firma erst aufnötigen musste – das kann nur schiefgehen! Tut’s auch. Nur nicht gleich.
Sarah ahnt: Die sozialen Netzwerke werden Wahlen beeinflussen, den Datenschutz, die Meinungsfreiheit, das Steuerrecht und vieles mehr. Dazu will sie zusammen mit den Regierungen Regeln aufstellen, mit denen alle leben können. Unreguliert kann man sowas nicht laufen lassen. Doch davon wollen ihre Chefs nichts wissen. Keine Regeln, keine Einmischung, keine Beschränkungen! Die Plattform soll wachsen und Profit abwerfen, basta. Die Aus- und Nebenwirkungen ihres Tuns sind der Facebook-Führung vollkommen egal. Warum sollte man überhaupt mit Leuten verhandeln, wenn man sie auch schmieren, austricksen und nötigen kann?
So hat Sarah sich das nicht vorgestellt!
Sarah ist nicht begeistert, fliegt aber in den kommenden Jahren für das Unternehmen rund um die Welt, um sich mit Politikern zu besprechen. Manchmal ist das eben unvermeidlich. Die Firma hat übrigens kein Problem damit, die junge Mutter nach Südkorea zu schicken um zu testen, ob die wirklich ihre Drohung wahr machen und einen Facebook-Vertreter ins Gefängnis werfen.
Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, warum Sarah das mitmacht und für diese Bande von rücksichtslosen Egozentrikern Leib und Leben riskiert. Ist der Job das wirklich wert? Aber sie weiß immer einen guten Grund, warum sie sich gerade keine neue Arbeit suchen kann: Schwangerschaft, kleine Kinder, die Krankenversicherung, der drohende Verlust der Eigenkapitalanteile, das schwebende Einbürgerungsverfahren, ihr Status als Hauptverdienerin der Familie … Sie schafft es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen. Dabei ist wahrlich genug vorgefallen!
Haarsträubende Vorfälle
- Den Südkorea-Einsatz übersteht sie schadlos. Doch als ihr brasilianischer Facebook-Kollege für etwas verhaftet wird, das WhatsApp verbockt hat, sieht sie, wie wenig das die Führungsetage kratzt: „Diego … wer? Ach, unwichtig! Gehen wir erst mal schick essen!“
- Ein autokratisches Regime will Facebook nur dann ins Land lassen, wenn es Zugriff auf sämtliche Nutzerdaten inklusive privater Nachrichten bekommt. Machen wir, kein Problem!
- Eine Junta lässt massenweise populäre Facebook-Seiten kapern und von dort aus Fake News und Hassnachrichten verbreiten, was schließlich in gewalttätige Ausschreitungen und einen Genozid mündet. Man hätte im Vorfeld gegen die Propaganda vorgehen können, aber es war niemandem die Mühe wert. „Was für‘n Land? Wo liegt das? Ach, pffff!“
- „Emotional Targeting“: Es werden gezielt verletzliche Kinder und Teenager mit Werbebotschaften bedacht, z.B. Kosmetikwerbung, wenn sie gerade ein Selfie gelöscht haben oder Diätprodukte, wenn sie etwas über „Gewicht“ schreiben. Als das rauskommt, leugnet Facebook, dass es sowas gibt. Was ihren eigenen Vertrieb in die Bredouille bringt, denn genau diesen Service sollen sie ja den Werbekunden verkaufen!
Ist das noch normal?
Ist es normal, dass die Firma Sarah bis in den Kreißsaal mit Anfragen verfolgt? Und auch, dass gleich nach einer schweren Erkrankung eine Leistungsbeurteilung für die Zeit erfolgt, in der sie gar nicht im Betrieb war?
„Du warst viel zu oft nicht ansprechbar.“ […]
(Seite 326)
„Na ja, weißt du, ich war im Krankenhaus, lag im Koma und wäre beinahe gestorben. Aber ich sehe ein, dass es dadurch gelegentlich schwierig gewesen sein könnte, mit mir Kontakt aufzunehmen.“
Wenn das als akzeptables Verhalten durchgeht, dann gilt das sicher auch für se*uelle Belästigung. Bingo! Gemeldete Vorfälle werden schwungvoll unter den Teppich gekehrt.
Lachen, heulen oder schreien?
Das sind derart haarsträubende Vorkommnisse, dass man oft nicht weiß, ob man lachen, heulen oder vor Wut schreien soll. Man fragt sich, ob man es bei dieser Führungsmannschaft wirklich mit erwachsenen Menschen zu tun hat. Oder sind’s doch eher gigantische pubertierende Godzillas, egoistisch und verantwortungslos, die kein „Nein“ kennen und ohne Rücksicht alles über den Haufen trampeln, was ihrem einzigen Ziel „noch mehr Macht und Geld“ im Weg steht?
Sarah Wynn-Williams hat lange geglaubt, das Unternehmen von innen verändern zu können. Als sie schließlich erkennt, dass sie gegen das System nicht ankommt, ist sie (wirtschaftlich) derart abhängig von ihrem Arbeitgeber, dass sie aus eigener Kraft aus dieser Nummer nicht mehr rauskommt …
Dass das Buch überhaupt erschienen ist!
Das ist das erste Sachbuch, das ich mir als Spielfilm vorstellen könnte. Es hat alles: Spannung, Drama, Bösewichte, S*x, Lügen und Intrigen. Mich wundert, dass Facebook das Erscheinen des Buchs nicht verhindert hat. Aber die Autorin ist ja Juristin, die wird schon gewusst haben, was sie straflos schreiben kann.
Immerhin hat das Unternehmen es geschafft, ihr einen „Maulkorb“ zu verpassen: Sie darf sich zu ihrem Werk nicht äußern. Keine Lesungen, keine Interviews, keine Diskussionsrunden, überhaupt keine Werbung für ihr Buch. Doch wenn gegen ein Enthüllungsbuch rechtliche Schritte eingeleitet werden, kann sich das auch verkaufsfördernd auswirken. Bei mir hat es funktioniert. Ich dachte, ich muss es schnell kaufen und lesen, bevor es vielleicht doch noch verboten und eingestampft wird. Und ich habe es nicht bereut. Es ist sehr aufschlussreich, schockierend und unterhaltsam!
Die Autorin
Sarah Wynn-Williams, geboren in Neuseeland, hat einen Bachelor of Arts in Politikwissenschaft von der University of Canterbury und einen Master of Laws von der Victoria University. Nach ihrem Studium arbeitete sie im diplomatischen Dienst Neuseelands, 2011 begann sie bei Facebook und wurde dort Direktorin für Global Public Policy. Seitdem sie aus dem Unternehmen ausgeschieden ist, arbeitet sie im Bereich Technologiepolitik.
Die Übersetzerin
Dorothee Merkel lebt als freie Übersetzerin in Köln. Zu ihren Übertragungen aus dem Englischen zählen Werke von Edgar Allan Poe, John Banville, John Lanchester und Nickolas Butler.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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