Toni Jordan: Die Wahrheit über Rachel Lehrer, Roman, OT: The Fragments, aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet, Wien 2026, Thiele Verlag, ISBN 978-3 85179-590-5, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 331 Seiten, Format: 14,4 x 3 x 22 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 18,99.

„Ich bin einer alten Frau begegnet. Sie hat eine Zeile aus einem Buch zitiert, das nie jemand gelesen hat. Na ja, zwei haben es gelesen, damals in den dreißiger Jahren. Aber die sind jetzt tot. Es gibt von diesem Buch keine Ausgabe, nur ein paar verbrannte Seiten.“
(Seite 35)
Brisbane, Australien, 1986: Cadence „Caddie“ Walker, 28, hat nach einem Schicksalsschlag ihr Studium der Literaturwissenschaft aufgegeben und arbeitet seitdem in einer Buchhandlung. Geradezu besessen ist sie von der New Yorker Autorin Ida Wolff (1910 – 1939), die zusammen mit ihrem Verleger bei einem mysteriösen Lagerhausbrand ums Leben gekommen ist. Von Fremdverschulden ist auszugehen, doch die Täter wurden nie gefasst.
Lagerhausbrand: Autorin und Verleger tot, Roman zerstört
Zusammen mit den beiden bedauernswerten Menschen ist auch Idas neuer Roman in Flammen aufgegangen – alle produzierten Exemplare inklusive der Druckvorlagen. Das sehnlichst erwartete Werk der Bestsellerautorin kann also auch nicht rekonstruiert werden.
Angeblich haben nur die Autorin und ihr Verleger den Inhalt des Buchs gekannt, was damals praktisch unmöglich war. Der Verleger mag das Manuskript selbst lektoriert und korrekturgelesen haben, aber das Buch musste ja auch gesetzt, gedruckt, gebunden, verpackt und für den Versand gelagert werden. Wenn da nicht ähnlich strenge Kontrollen herrschten wie beim Druck von Banknoten, hatten -zig Leute Gelegenheit, einen Blick auf den Text zu werfen oder physisch etwas davon abzuzweigen.
Was weiß Rachel über den verschollenen Roman?
Als eine Ida-Wolff-Ausstellung nach Brisbane kommt, ist Caddie Walker ganz aus dem Häuschen. Sie trifft dort vor dem Schaukasten mit den wenigen geretteten Textfragmenten eine elegante Dame (70+), die den Rummel um die Autorin skeptisch sieht. Im Verlauf ihres Gesprächs vervollständigt die Frau, die sich als Rachel vorstellt, einen Satz aus den Fragmenten im typischen Ida-Wolff-Stil. Entweder ist die alte Dame so genial, dass sie sich das spontan ausgedacht haben kann, oder sie hat das verschollene Buch – in welchem Stadium auch immer – einmal zu lesen bekommen. Ehe Caddie ihr weitere Fragen stellen kann, hat Rachel die Ausstellung schon verlassen.
Sollte die Frau das Werk tatsächlich kennen und sich an weitere Details erinnern, wäre das eine Sensation! Aber jetzt ist sie fort. Hilfesuchend wendet sich Caddie an zwei Ida-Wolff-Experten: An den Literaturwissenschaftler Jamie Ganivet (Mitte 30), der dem Universitätsbetrieb den Rücken gekehrt hat und nun eine Antiquariatsbuchhandlung betreibt und an ihren Ex-Professor und Ex-Liebhaber, Professor Philipp Carmichael.
Drei Wissenschaftler forschen nach
Jeder der drei Literaturwissenschaftler will nun Rachel aufspüren, erfahren, was sie über Ida Wolffs Leben und Werk weiß, und jeder möchte herausfinden, wer vor fast 50 Jahren für ihren Tod und den ihres Verlegers verantwortlich war. Da Ganivet und Carmichael einander nicht ausstehen können, aber beide auf Caddies Mitarbeit angewiesen sind, entsteht hier so eine Art geistige Dreiecksbeziehung.
Ich habe mein Berufsleben lang für/mit Druckereien und Verlage(n) gearbeitet und hätte ganz andere Fragen gestellt als Caddie und ihre zwei rivalisierenden Kerle. Am liebsten hätte ich wie beim Kasperltheater den Akteuren Tipps zugerufen: „Erkundigt euch mal dort! Prüft dies und das – und schaut nach, ob C. überhaupt die fachlichen Voraussetzungen für seine angebliche Tätigkeit hatte!“
Ein großes Rätsel oder nur schlampige Ermittlungen?
Das alles hätte man 1939, gleich nach dem Brand, viel leichter herausfinden können. Der Fall hätte gar nicht erst zu „einem der größten Rätsel der Literaturgeschichte“ (Klappentext) werden müssen. Doch bei den Ermittlungen damals wurde offenbar geschlampt, und wir werden sehen, was die drei Wissenschaftler nach all den Jahren noch herausfinden können.
Pennsylvania und New York in den 1930er-Jahren: Es gibt einen zweiten Handlungsstrang, in dem wir Rachel Lehrer kennenlernen. 1928 muss ihre Familie ihre Farm aufgeben. Sie ziehen nach Allentown, wo die Eltern Arbeit in einer Textilfabrik finden. Teenie Rachel muss sich derweil daheim um den Haushalt und den kleinen Bruder kümmern. Als die Mutter schwer erkrankt, geht auch Rachel in die Fabrik.
Ist Rachel Lehrer die Frau aus der Ausstellung?
Rachels Vater ist ein brutaler Kerl, der Frau und Tochter misshandelt. Die Mutter betrachtet das als normal. Das Leben einer Frau besteht nun mal aus Schmerz und Blut, erklärt sie ihrer Tochter. Rachel sieht das anders. Nach einer besonders heftigen Prügelattacke setzt sich die inzwischen Zwanzigjährige heimlich nach New York ab. Dort lernt sie Ida Wolff kennen. Als Rachel der berühmten jungen Autorin einmal aus einer misslichen Lage hilft, freunden sich die beiden ungleichen Frauen an. Der Bauerntochter aus Pennsylvania eröffnet sich dadurch eine ganz neue Welt …
Die Handlung springt nun in kurzen Kapiteln zwischen den 1980er und den 1930er-Jahren hin und her. Und der Leser denkt: Ja, Rachel Lehrer hat Ida Wolff gekannt. Aber ist das wirklich dieselbe Rachel, die Caddie in der Ausstellung getroffen hat? Wie ist denn aus dem ungebildeten Landei eine derart kultivierte Lady geworden?
Die Wissenschaftler: Hätten sie mal lieber kooperiert!
Caddie, Jamie und der Professor graben eine Vielzahl von Informationen aus. Nichts davon ergibt so recht Sinn. Wenn die drei wirklich zusammenarbeiten würden und nicht gegeneinander, kämen sie vielleicht dahinter, wo ihr Denkfehler liegt. Aber Ehrgeiz und Eifersucht stehen ihnen im Weg. Als der Professor versucht, seine beiden Mitstreiter über den Tisch zu ziehen, erlebt er eine Überraschung – und der Leser eine sehr vergnügliche Szene! 😊
Bekommt am Schluss jeder das, was er verdient? Och … größtenteils ja! Werden alle Geheimnisse gelüftet? Uns Leser:innen gegenüber schon, doch nicht alles dringt an die Öffentlichkeit. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Caddie und Jamie die ganze Tragweite ihrer Entdeckung begriffen haben.
Autorin Toni Jordan schickt ihre drei besessenen Wissenschaftler auf eine außergewöhnliche und packende „Schnitzeljagd“ durch mehrere Länder und Jahrzehnte. Die Hauptfiguren sind auf meist sympathische Weise verschroben und ich habe sie gerne auf ihrer Mission begleitet. Und Brisbane als Handlungsort hat man auch nicht alle Tage. Nur, dass selbst Branchenexperten 50 Jahre lang eine Erzählung geglaubt haben sollen, die einfach nicht stimmen kann, ging mir etwas gegen den Strich.
Trivia
Falls jemand nach der englischen Originalausgabe von DIE WAHRHEIT ÜBER RACHEL LEHRER googelt: Da heißt die Schriftstellerin, um die sich alles dreht, Inga Karlson. Erst der Verlag in Wien hat die australische Autorin darauf aufmerksam gemacht, dass das ein skandinavischer Name ist und zu einer Immigrantin aus dem ländlichen Kärnten nicht passt. In Abstimmung mit Toni Jordan wurde dann der Name für die deutschsprachige Ausgabe in „Ida Wolff“ geändert.
Die Autorin
Toni Jordan geboren in Brisbane, landete mit ihrem ersten Roman Tausend kleine Schritte einen internationalen Überraschungserfolg. In Australien nominiert für den Miles Franklin Award und den Barbara Jefferis Award, wurde er mit überwältigender Mehrheit als »Bestes Debut des Jahres« ausgezeichnet. Im Thiele Verlag erschienen ihre Romane Dinner mit den Schnabels (2023), Eine fast perfekte Frau (2024), sowie Neuausgaben von Die Neun Tage (2024), Tausend kleine Schritte (2024) und Verabredung mit einem Tasmanischen Tiger (2025).
Der Übersetzer
Karl-Heinz Ebnet arbeitet seit mehr als 25 Jahren als literarischer Übersetzer. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen Mary Higgins Clark, Reginald Hill, Julian Gough und Ayad Akhtar. Für Thiele übersetzte er neben den Werken von Toni Jordan und den beliebten Regency-Krimis von Lynn Messina u. a. Sandi Toksvig’s Roman Dorothy will bleiben.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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