Felicity Whitmore: Die Patin von New York. Roman

Felicity Whitmore: Die Patin von New York. Roman, München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-22165-8, Klappenbroschur, 345 Seiten, Format: 12,3 x 2,53 x 19,1 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) dtv

„[…] Ich habe von Frauen gehört, die ganze Verbrecherorganisationen aufgebaut haben, die Diebe, Einbrecher und Betrüger anleiten und von allen gefürchtet werden.“
Frederickas Augen verengten sich. Kein Name war gefallen. Kein Blick wanderte zu ihr. Und doch fragte sie sich, ob Mrs Shortridge Foltz […] wusste, dass sie heute im Publikum saß. Nein, das war unmöglich.

(Seite 237)

Zwei Zeitebenen: 19. Jahrhundert und heute

Die Geschichte hat zwei Zeitebenen. Auf der einen – 1850 bis 1884 – verfolgen wir die Karriere der New Yorker Gangsterkönigin Fredericka Mandelbaum. Auf der zweiten Ebene erfährt die Londoner Galeristin Mallory Taunton im Hier und Heute, dass ihre US-Vorfahren womöglich gar keine selbstlosen Wohltäter waren, sondern für die Organisation der berüchtigten Mrs Mandelbaum gearbeitet haben. Ob Mallory will oder nicht: Mit diesem Vorwurf muss sie sich jetzt auseinandersetzen.

Familie Mandelbaum: Von Kassel nach New York

Fredericka Mandelbaum ist eine historische Person, ihr Leben hat diesen Roman inspiriert. Wichtige Eckdaten stimmen, doch eine Biographie ist das nicht. (Über die wahre Fredericka „Marm“ Mandelbaum ist etliches im Internet zu finden.)

1850 wandert die junge Mutter zusammen mit ihrem Mann Wolf aus Kassel in die USA aus. In New Yorks „Little Germany“ lassen sie sich nieder. Beide arbeiten zunächst als Hausierer. Wolf ist ein biederer, gesetzestreuer Bürger, seine Frau dagegen hat weniger Skrupel und mehr Fantasie. Sie erkennt, dass man mit ehrlicher Arbeit hier nicht weit kommt. Der Handel mit hochwertiger Hehlerware ist lukrativer als der Haustürverkauf regulärer Artikel des täglichen Bedarfs. Und wenn sie die Straßenkinder, die ihr das Diebesgut liefern, fair bezahlt und gut behandelt, sind die auch motiviert und loyal. Wenn sie sich zudem mit der Polizei und anderen wichtigen Leuten gut stellt, dann läuft das Geschäft buchstäblich wie geschmiert.

Das Geschäft brummt

Keine Frage: Diese Frau weiß, was sie will und wie sie es bekommt. Sie versteht einfach, wie die Menschen ticken. Das merkt man schon, wenn man zum ersten Mal Zeuge eines ihrer Verkaufsgespräche wird.

Noch besser als ein Bauchladen wäre natürlich ein Marktstand – und am allerbesten ein Laden mit dezentralem Warenlager. Ihren rechtschaffenen und sozial ungeschickten Ehemann lässt Fredericka bei ihren Geschäften außen vor. Ihre engsten Vertrauten sind ihr Buchhalter, ihre Haushälterin und deren Mann sowie ihr ältester Sohn.

Eine Schule mit ungewöhnlichem Lehrplan

Fredericka „Marm“ Mandelbaum ist derart erfolgreich, dass sie sich in den 1880er-Jahren ein riesiges Wohngebäude in der Upper West Side nach ihren Vorstellungen bauen lassen kann – mit versteckten Räumen und geheimen Gängen, die unterirdisch quer durch die Stadt führen. So können sie und ihre Geschäftspartner ungesehen von A nach B gelangen. Auch in die Schule, die sie von „Strohmännern“ leiten lässt, und in der die Straßenkinder nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernen, sondern auch Diebstahl, Einbruch und Betrug. Alles läuft wunderbar, doch nichts währt ewig …

150 Jahre später: Zweifel an der Familiengeschichte

Von alldem hat die Londoner Galeristin Mallory Taunton (Ende 30) keine Ahnung. Sie ist gerade auf Einladung einer Organisation nach New York gereist. Zu Ehren ihrer Vorfahren, den Eheleuten Birnbaum, bekannt als die „Eltern der Waisen“, soll ein Denkmal enthüllt werden. Zu diesem Anlass trägt Mallory ein wertvolles Diamantcollier, ein Familienerbstück. Genau das wird zum Stein des Anstoßes: Der New Yorker Immobilienmakler Kameron Geller pöbelt bei der Veranstaltung herum und behauptet, Mallorys Collier sei vor 150 Jahren seiner Familie gestohlen worden, und zwar von der Mandelbaum-Gang. Schlimmer noch: Ihre Vorfahren, die Birnbaums, seien dabei Komplizen gewesen.

Mallory ist empört. Für solche Geschichten hat sie gerade überhaupt keinen Kopf, weil sie mitten in einem Sorgerechtsstreit um ihre zwölfjährigen Zwillingstöchter steckt. Doch Geller lässt nicht locker. Angeblich kann er seine Anschuldigungen beweisen. Wenn er recht hat, muss sie dann ihren wertvollsten Besitz an ihn abtreten? Nach 150 Jahren?

In Marm Mandelbaums geheimen Räumen und Gängen

Mallory trifft sich mit ihm und staunt nicht schlecht: Kameron Geller wohnt in Fredericka Mandelbaums ehemaliger Wohnung im Vandermark-Gebäude und hat dort bereits eine Menge verborgener Zimmer, Gänge, Tunnels und Wertgegenstände gefunden – und auch Aufzeichnungen über die Geschichte des gestohlenen Diamantcolliers.

Bei näherer Betrachtung ist Geller gar nicht so übel, und Mallory findet das Herumstöbern in der Vergangenheit ausgesprochen spannend. Dabei kommen sich die beiden Amateurdetektive näher, was neue Probleme aufwirft, weil er an New York gebunden ist und sie an London.

Anfangs ist die Story von Mallory und Kameron ein wenig zähflüssig, weil ihre gegensätzlichen Standpunkte mehrfach wiederholt werden. Dabei hat’s der Leser doch längst kapiert! Da ist die Lebensgeschichte der zielstrebigen, tatkräftigen und moralisch flexiblen „Marm“ Mandelbaum deutlich fesselnder.

Fredericka: emanzipierter als die Heldin von heute

Bei jedem Handlungssprung von der Vergangenheit in die Gegenwart hatte ich das Gefühl, dass sich die Emanzipation rückwärts entwickelt hat. Vor 150 Jahren war Fredericka der Boss und damit ihrer Zeit weit voraus, während Mallory einen reichen Kerl gegen den nächsten austauscht und durch unüberlegte Aktionen glänzt. Oder wie sonst soll man es nennen, wenn sie am Abend mit einem unermesslich wertvollen Collier um den Hals allein in die New Yorker U-Bahn steigt, um einen wildfremden Mann zu treffen? Marm Mandelbaum hätte fassungslos den Kopf geschüttelt.

So richtig spannend wird die Gegenwarts–Geschichte erst, als wir mit Kameron und Mallory durch die verborgenen Räume und Tunnel geistern, die seit 100 Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Als Leser will man jetzt unbedingt wissen, was die beiden noch alles (heraus-)finden werden! Ich muss gestehen, dass verborgene Räume – neben Vermisstenfällen und Familiengeheimnissen – zu meinen Lieblingsthemen gehören.

Packende Nachforschungen in unheimlicher Umgebung

Gewundert habe ich mich über die Speisen, die „Marm“ ihren Gästen serviert. Da kann’s mit ihrer Frömmigkeit nicht so weit her gewesen sein! Oder sie selbst hat nichts davon gegessen. – Was ich gar nicht verstanden habe: Warum und wohin Eva, die Witwe des Geller-Angestellten, so plötzlich verschwunden ist.

Mallory, die Frau aus der Gegenwart, ist für meinen Geschmack ein bisschen zu hilflos und ihre Töchter wirken extrem erwachsen und verständnisvoll. Aber gut: Irgendwas ist immer. Mit der außergewöhnlich geschäftstüchtigen Fredericka Mandelbaum und den packenden Nachforschungen in all den gruseligen Geheimgängen hatte ich auf jeden Fall eine Menge Lesespaß!

Die Autorin

Felicity Whitmore hat vier große Leidenschaften: England, ihre Hunde, das Theater und das Schreiben. Daher eröffnete sie 2011, nach dem Studium der Germanistik und Religionswissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum, das Theater an der Volme in Hagen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Sie lebt in Hagen/Westfalen, hat fünf Hunde, reist regelmäßig nach England, arbeitet leidenschaftlich gern als Hundetrainerin und schreibt, wann immer sie Zeit dafür findet. In ihren Romanen beschäftigt sie sich am liebsten mit den Geheimnissen alter Häuser und den Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart. Mehr Informationen finden Sie auf www.felicitywhitmore.de, bei Facebook unter FeliWhitmore oder bei Instagram.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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