Claudia Rimkus: Birkenblut. Hannover-Krimi

Claudia Rimkus: Birkenblut. Hannover-Krimi, Meßkirch 2026, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-8126-0, Softcover, 393 Seiten, Format: 20,5 x 12,5 x 2,9 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 10,99.

Abb.: (c) Gmeiner Verlag

„Das hilft uns […] nicht weiter. Was wir brauchen, sind Beweise […]! Und zwar schnell. Wir müssen die Täter fassen, bevor sie den nächsten Juwelier überfallen. Sechs Tote und ein Schwerverletzter sind mehr als genug.“

(Seite 95)

In diesem Krimi gibt es zwei Haupt-Handlungsstränge, die offenbar zusammenhängen. Aber wie? Das wissen nicht einmal alle Beteiligten. Doch von vorn:

Eine Serie ungewöhnlich brutaler Raubüberfälle auf Diamantenhändler und Juweliere hält Hannover in Atem. Die vermummten Männer begnügen sich nicht damit, Schmuck, Uhren und Edelsteine zu rauben, sie beseitigen auch erbarmungslos jeden möglichen Zeugen!

Bei einem Überfall waren sie zum Glück nicht „gründlich“ genug: Einen Herrn im Rentenalter haben sie in der Nähe der überfallenen Werkstatt zusammengeschlagen und für tot liegengelassen. Der Mann hat überlebt, liegt aber im Koma. Weil er weder Papiere noch Handy bei sich hatte, weiß die Polizei nicht, wer er ist: ein ahnungsloser Passant, der die Räuber gesehen hat, womöglich unmaskiert? Oder ein Mitglied der Bande, das von seinen eigenen Leuten ausgeschaltet werden sollte?

Selbst als der Unbekannte aus dem Koma erwacht, ist er keine Hilfe: Aufgrund seiner Kopfverletzungen kann er sich an nichts erinnern, nicht einmal an seinen Namen. Das Pflegepersonal nennt ihn „Eddy“. Irgendwie müssen sie ihn ja ansprechen.

Als Kriminalhauptkommissar Hannes Bremer am Arm des Verletzten ein herzförmiges Muttermal bemerkt, hat er einen Verdacht: Genau so ein Muttermal hatte Andreas Arndt, der Bruder seiner ehemaligen Kollegin Charlotte Stern, der als junger Mann spurlos verschwunden ist. Das ist jetzt 45 Jahre her. Weil sich volljährige Personen aufhalten können, wo sie wollen, ohne jemandem Bescheid geben zu müssen, wurde in der Sache nicht ermittelt. Nur inoffiziell haben die Kollegen nach Andreas gesucht.

Auch auf die Gefahr hin, dass der Mann ohne Gedächtnis zu den Juwelenräubern gehören könnte und/oder gar nicht Charlotte Sterns Bruder ist, teilt Bremer ihr seine Beobachtung mit.

Sowohl Charlotte als auch „Eddy“ wären glücklich, wenn sich herausstellen würde, dass sie Geschwister sind. Sie hätte ihren schmerzlich vermissten Bruder zurück und er wenigstens eine Bezugsperson in seinem jetzigen Leben. Natürlich zermartert sich der arme Mann das Gehirn auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Wieso weiß er, dass er kochen und Klavier spielen kann und zudem perfekt Englisch spricht, aber nicht, wie er heißt und wo er lebt? Ist es möglich, dass er zu der Verbrecherbande gehört? Wenn, dann will er es lieber gar nicht wissen!

Ob „Eddy“ wirklich Charlottes Bruder ist, ließe sich durch einen DNA-Test feststellen. Doch so schnell und unbürokratisch wie in den amerikanischen Fernsehkrimis geht das bei uns nicht. Erst als sich Charlotte Sterns Lebensgefährte, der Polizeipsychologe Professor Philipp Thaler, einschaltet, kommt Bewegung in die Sache.

Inzwischen geht die Serie der Raubüberfälle weiter. Sechs Menschenleben hat die Bande inzwischen auf dem Gewissen. So viel unnötige Gewalt lässt sich mit schnöder Habgier kaum mehr erklären. Da muss etwas anderes dahinterstecken!

Ja, tut es! Nach knapp der Hälfte des Buchs erfahren wir, was das wahre Motiv der Täter ist. Und wie so oft können wir die Gedankengänge nachvollziehen, aber die Taten unmöglich gutheißen. Es braucht geraume Zeit, bis KHK Bremer und seine Leute diesbezüglich auf dem Wissensstand der Leser:innen sind, denn die Polizei muss sich die Informationen und Rückschlüsse hart erarbeiten.

Etwas schneller finden die Juwelenräuber heraus, dass „Eddy“ noch lebt – und wo die Polizei ihn versteckt hält. Selbst, wenn sie wüssten, dass er aufgrund seiner Amnesie für sie keine unmittelbare Gefahr darstellt, würden sie auf Nummer Sicher gehen wollen. Denn wer weiß, wann der Mann sein Gedächtnis wiedererlangt …?

Als Quereinsteigerin in diese Krimireihe – ich bin erst bei Band 3 der bisher sechsbändigen Reihe dazugestoßen – hatte ich gar nicht auf dem Schirm, dass es in Charlotte Sterns Familie diesen alten Vermisstenfall gibt. Tatsächlich wurde das in den Büchern wiederholt erwähnt, aber ich habe es anscheinend als „unbekannte Vorgeschichte“ abgetan und vergessen.

Ja, so ist das mit dem Gedächtnis! Und nun fand ich gerade diesen Handlungsstrang ungeheuer spannend und faszinierend, ja packender noch als die Sache mit den Raubüberfällen! Die ganze Zeit habe ich mich gefragt: Ist Eddy nun Charlottes Bruder oder nicht? Wie lebt es sich, wenn man plötzlich sein ganzes Leben vergessen hat? Wird der Mann sich wieder erinnern können? Und wird er das eventuell bereuen?

Der Showdown am Schluss ist der Kracher. Obwohl ich Oberstaatsanwältin Benita Pauli zustimmen muss: So hätte das nicht laufen dürfen! Gab es denn keinen Plan B für den Fall, dass mal kein Ortskundiger greifbar ist? Oder hat man gar nicht so weit gedacht? So spannend sich diese Szenen lesen: DAS passiert den Verantwortlichen bestimmt nicht mehr!

Die Senioren-WG, in der Charlotte Stern und Ihr Lebensgefährte, der Professor, wohnen, kommt in diesem Band eher am Rande vor. Die sonst so amüsante Truppe hat mir dieses Mal ein bisschen leidgetan. Im Eifer des Gefechts hat man ein ums andere Mal vergessen, sie über die Vorgänge zu informieren, und so waren sie auf die Medien angewiesen und mussten sich (teils unnötige) Sorgen um Charlotte und Philipp machen.

Die beiden Haupt-Handlungsstränge waren einfach so stark, dass für weitere Nebenhandlungen nicht viel Raum blieb. Im nächsten Band werden die Mitglieder der Senioren-WG vielleicht wieder intensiver bei den Ermittlungen mitmischen dürfen.

Die gebürtige Hannoveranerin Claudia Rimkus verfasst seit ihrer Jugend Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt, ist die Autorin oft mit der Kamera unterwegs. Die Autorin ist Mitglied im SYNDIKAT e.V. Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur und im KRIMI KARTELL.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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