Ute Mank: Und mittendrin der Birnbaum. Roman

Ute Mank: Und mittendrin der Birnbaum. Roman, München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28492-9, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 333 Seiten, Format: 12,8 x 2,7 x 21 cm, Buch: EUR 23,00, Kindle: EUR 4,99, MP3-CD: EUR 19,90, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) dtv

Die Ereignisse um Fanny wurden immer lebendiger. Rückten Dora nah. Als hätte jemand ein riesiges Zoomobjektiv in die Vergangenheit gerichtet. Das, was im Rückblick schemenhaft, beinahe unwirklich gewirkt hatte, wurde mit einem Mal überdeutlich und scharf. Details hoben sich heraus. Identifizierbare Menschen zeigten sich.“ (Seite 163)

Bielefeld 2011: 60 Jahre lang war Dora Jansen (80+) mit ihrem Mann Paul zusammen. Jetzt ist sie Witwe und das Haus ist ihr zu groß. Als ihre Schwägerin Gretel in einem Brief erwähnt, dass es jetzt in ihrem gemeinsamen Heimatort, dem hessischen Dorf Hausen, ein Seniorenheim gibt, beschließt Dora, sich dort anzumelden.

Tochter, Schwiegersohn und Enkelin halten das für keine gute Idee. Was will sie denn dort? Mit ihrem Bruder, Gretels Mann Heini, der den elterlichen Hof übernommen hat, ist sie seit Jahrzehnten zerstritten. Außer ihrer Schwägerin kennt sie in dem Ort keinen Menschen mehr. Und wer, bitte, zieht im Alter von der Stadt aufs platte Land? Das macht man doch umgekehrt! Aber Dora hat sich noch nie etwas aus- oder einreden lassen. Sie verkauft ihre Immobilie nebst überzähligem Inventar und zieht ins „Haus Sonnenschein“.

Hausen 2011: Dora bereut ihren Entschluss schnell. Die Mitbewohner:innen sind seltsam, die Pflegekräfte zerren an ihr herum wie an einem störrischen Nutztier. Ihr Bruder ist immer noch ein Stoffel, aber Hausen ist nicht mehr das heimelige 1000-Seelen-Dorf ihrer Kindheit. Sie fühlt sich fremd hier. Viele alte Gebäude hat man durch Modernisierung verschandelt. Einzig das Jokops-Haus, in dem ihre Schulfreundin Fanny gewohnt hat, sieht noch so aus wie damals. Nur gehört es nicht Fannys Nachfahren, sondern der Familie Becker, die es während der Nazizeit günstig erstanden hat.

Das ist alles sehr unschön und Dora will wieder zurück nach Bielefeld. Doch dann lernt sie Pina Becker (18) kennen, die sich für die Geschichte des Jokops-Hauses interessiert. Vor kurzem erst sei herausgekommen, dass es früher einer jüdischen Familie gehört habe, erzählt sie. Der Geschichtsverein aus Lahnfels habe das in Erfahrung gebracht, und nun gebe es vor dem Haus vier Stolpersteine für die deportierte Familie.

Äh … hallo? Im Ort leben noch Zeitzeugen, die sehr genau wissen, was in den 40-er Jahren mit den hiesigen jüdischen Familien passiert ist! Und Pinas Familie kennt die Geschichte des Jokops-Hauses nur zu gut! Was braucht’s da die Nachforschungen eines Geschichtsvereins? Und überhaupt: Wieso liegen da vier Stolpersteine? Es müssten fünf sein: Für Vater Alfred, Mutter Minna und die Kinder Frieder, Selma und Fanny. Doch der für Fanny fehlt. Heißt das, dass sie das Lager überlebt hat?

Angeblich kann sich niemand im Ort an Fanny und ihr Schicksal erinnern. Und alle Unterlagen aus der Zeit sind praktischerweise verbrannt. Diese kollektive Amnesie nimmt Dora den Hausenern nicht ab. In so einer überschaubaren Gemeinde weiß man, wer die Nachbarn waren und mit wem man zur Schule gegangen ist!

Pina möchte unbedingt herausfinden, was mit Fanny geschehen ist, und Dora soll sie dabei unterstützen. Dora will das Geheimnis zwar ebenfalls lüften, aber es graut ihr auch davor, sich ihren schmerzhaften Erinnerungen zu stellen. Fanny war ihre beste Freundin, doch sie hat nichts getan, um ihr zu helfen. Was hätte sie auch tun sollen? Sie war ein Kind, ein Bauernmädchen mit vielen Geschwistern, das nur eines wollte: raus aus dem Kaff und weg von der Landwirtschaft!

Während Fanny damals in der Schule immer mehr schikaniert, ausgegrenzt und schließlich vom Unterricht ausgeschlossen wurde, lief es für Dora blendend: Ihr neuer Lehrer erkannte ihr Potential und überredete ihre Eltern, sie nach dem Schulabschluss an die Lehrerinnenbildungsanstalt zu schicken. Natürlich hat Dora diese Gelegenheit beim Schopf gepackt!

„[…] Dein Traum ist dir wichtiger als die Freundin. Und diesen Traum ermöglichen dir die gleichen Leute, die dafür sorgen, dass es deiner Freundin schlecht geht. […] Aber du kannst deinen Traum nicht aufgeben, du kannst einfach nicht, er ist zu stark.“ (Seite 259)

Als Dora 1945 zurückkommt, ist Fanny verschwunden, und sie macht sich noch heute Vorwürfe deswegen. Am liebsten hätte sie Pina nie etwas von ihrer Freundschaft zu Fanny erzählt. Aber es wäre sowieso herausgekommen, denn Pina spricht auch mit anderen Senioren aus der Gemeinde: mit der allzeit gut informierten Katrine, zum Beispiel, und mit dem Landwirt Benno, der ein entlegenes Gehöft bewirtschaftet.

Benno war Mitte der 40er-Jahre noch ein Grundschulkind und kann sich daher viel unbefangener erinnern als Dora. Er muss nichts beschönigen, und er hat eine äußerst interessante Geschichte zu erzählen! Als Leserin hofft man nun mit Dora, dass Fanny überlebt hat und dass es vielleicht doch noch ein Wiedersehen der beiden Kindheitsfreundinnen gibt.

Die Rückblicke, insbesondere Doras Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit, sind manchmal schwer zu ertragen. Benno hält Dora für sehr mutig, als sie endlich zu erzählen beginnt und sich zu ihren Fehlern bekennt. Und die jungen Frauen von heute (Pina und Doras Enkelin Alice) … verurteilen sie Dora für das, was sie als Kind/Jugendliche getan oder nicht getan hat? Oder geht es ihnen gar nicht um individuelle Schuld, sondern nur darum, die Ereignisse von damals zu verstehen?

Wie gut kann man sich überhaupt in die damalige Lage der Menschen hineinversetzen? Ist es fair, als Erwachsener mit dem Wissen von heute zu bewerten, was ein Kind seinerzeit getan hat? Wie objektiv ist man, wenn man die Entscheidungen einer Person beurteilen soll, die man liebt? – Es sind schon interessante Fragen, die sich uns bei dieser spannenden Spurensuche stellen.

Für Menschen wie Dora, die sich hilflos weggeduckt haben, kann man noch Verständnis aufbringen. Bei ähnlich jungen und naiven Tätern gelingt uns das nicht mehr.

Ute Mank wurde in Marburg geboren. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, lernte einen Gesundheitsberuf, studierte Erziehungswissenschaften und promovierte später nebenberuflich. Ihr erster Roman ›Wildtriebe‹ erschien 2021 und war für den Klaus-Michael-Kühne-Preis nominiert. Sie lebt mit ihrer Familie in Hessen.

Zwei Erbsenzählerfragen hätte ich noch: Warum sollten die Hausener Dora als „Gehanndingels Liesel“ in Erinnerung haben (Seite 29)? Gehanndingel ist der Hausname, okay, aber Liesel? Das hat mit Dora/Dorothea doch gar nichts zu tun! Und heißt Fannys Familie nun mit Nachnamen Jokops (Seite 109) oder eben nicht (Seite 12)? Solche Kleinigkeiten lenken mich immer etwas vom Inhalt ab.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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