Johanna Richter: Es liegt kein Antrag vor. Unerhörtes aus dem Alltag einer Jobsuchenden

Johanna Richter: Es liegt kein Antrag vor. Unerhörtes aus dem Alltag einer Jobsuchenden, Berlin 2014, Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag, ISBN 978-3-86265-394-2, Softcover, 232 Seiten mit s/w-Illustrationen von Jana Moskito, Format: 18,8 x 12,4 x 2,4 cm, EUR 9,95.

Abbildung: (c) Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag
Abbildung: (c) Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag

„Manchmal mahlen die Mühlen der Ämter langsam und „Ich habe meinen Job verloren“ wird zu einer Spirale, die immer weiter nach unten geht. Dieses Buch beschreibt die Tücken der Arbeitssuche und die Fallstricke der Ämter.“ (Aus dem Pressetext des Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlags)

Dieses Buch sollte der Verlag eigentlich nur in Verbindung mit Baldriantropfen oder einem Warnhinweis in den Handel bringen: „Achtung! Kann zu Schnappatmung und einem Kopfschütteltrauma führen!“

Johanna Richter, 21, ist die Tochter einer begnadeten Hobbyköchin und träumt schon früh von einer Karriere in der Gastronomie. Nach einem ausgezeichneten Realschulabschluss absolviert sie in einem renommierten Hotel eine Ausbildung zur Köchin. Sie liebt ihre Arbeit, ist sehr gut darin, und es wäre vermutlich eine astreine Erfolgsstory geworden, wenn sie sich nicht irgendwann eine neue Stelle gesucht hätte. Die verliert sie nämlich in der Probezeit: Im Schock über einen plötzlichen Todesfall im Freundeskreis hat sie Fehler gemacht. Das ist zwar menschlich nachvollziehbar, doch ihr neuer Arbeitgeber schließt daraus, Johanna sei unzuverlässig und nicht belastbar. Er entlässt sie.

Eine nicht bestandene Probezeit ist an sich noch kein Drama. Sowas kommt vor. Doch jetzt gerät Johanna in die Mühlen der Bürokratie und kommt sich bald vor wie der Hauptmann von Köpenick, der ohne Papiere keine Arbeit und ohne Arbeit keine Papiere bekam. Bei der Bundesagentur für Arbeit wird seit Monaten ihr Antrag auf Arbeitslosengeld nicht bearbeitet und sie hat kein Geld mehr. Alle Versuche, die Angelegenheit zu klären, scheitern. Ohne Antrag gibt es keinen Termin, bei dem der Frage nachgegangen werden könnte, wieso der Antrag nicht bearbeitet wird. Haben sie ihn etwa verschlampt?

Strom und Gas hat man ihr schon abgedreht. Jetzt hat sie Angst, auch noch ihre Wohnung zu verlieren. Der Leser hätte natürlich gleich ein paar Ideen parat: Eltern anrufen und sich Geld von ihnen borgen, die Wohnung aufgeben und zurück ins Kinderzimmer ziehen, und wenn die Herrschaften auf dem Amt weiter Zicken machen, zum Anwalt gehen. Johanna ist es aber gewöhnt, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Sie weiß außerdem, dass Mutter und (Stief-)Vater zu kratzen haben, sich und die noch in Ausbildung befindliche Kinderschar über die Runden zu bringen. Da will sie nicht auch noch lästig fallen. Als es gar nicht mehr geht und sie sich endlich durchringt, daheim um Hilfe zu bitten, ist die K*cke schon dermaßen am Dampfen, dass ihre Mutter auch nicht mehr viel ausrichten kann.

Schließlich „(…) sind fast vier Monate vergangen, bis ich endlich Geld bekam. Weil mir die Situation so unendlich unangenehm war, habe ich mich auch erst spät getraut, zu meiner Mutter zu gehen. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, kein Geld mehr zu haben.“ (Johanna Richter in einem Interview mit dem Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag.)

So kommt die junge Frau, die einfach nur einen Job als Köchin will, immer mehr unter die Räder eines Systems, das sie nicht versteht (wer tut das schon?) und das ein geradezu dämonisches Eigenleben zu besitzen scheint: Mal wird sie an ein Restaurant vermittelt, das sie und diverse Schicksalsgenossen in einer Endlosschleife von Praktika verschleißt, die das Amt bezahlt. Die jungen Leute beißen die Zähne zusammen und halten eisern durch, weil der Chef immer mit der Aussicht auf eine Festanstellung winkt, die aber niemals kommt. Stattdessen kommt wieder ein neuer Praktikant.

Bis zur völligen Erschöpfung versucht Johanna in ihren Praktika, Küche und Service gleichzeitig auf die Reihe zu bekommen, engagiert sich und macht Überstunden – und steht am Schluss doch wieder ohne Job und ohne Geld da. Dazu hängt noch der Haussegen schief, weil sie so wenig Zeit für ihren Freund hat. Und als Krönung darf sie sich noch das Geschwätz von Bekannten anhören, die meinen, es mache Spaß, arbeitslos zu sein, weil man so viel Zeit hat. Dass man aber keine Aufgabe und kein Geld hat, das machen die sich nicht klar.

Aber das ist noch lange nicht alles. Mal verschwinden Johannas Daten durch ein Versehen des Amts aus dem Computer und sie muss zurück auf Feld 1: einen neuen Antrag stellen. Rückwirkend zahlen will das Amt natürlich nicht, und schon hat Johanna wieder eine Versorgungslücke. Ein andermal soll sie wegen einer Fehlberechnung auf einen Schlag eine vierstellige Summe zurückzahlen, was sie natürlich nicht kann. Dann wird sie an einen Arbeitgeber vermittelt, der für seine Mobbingmethoden bekannt ist …

Johanna ist von der Situation überfordert und handelt nicht immer so, wie das Amt sich das wünscht. Die junge Frau fühlt sich hilflos, entwürdigt und unter Generalverdacht gestellt. Sie ist in einem nicht enden wollenden Albtraum gefangen, in dem Amtsroboter nur immer „warum?“ fragen oder stur erklären: „Ohne A kein B und ohne B kein A“.

So kann man doch mit Menschen nicht umgehen! Aber das passiert eben, wenn man versucht, das wahre Leben mit seinen fehlbaren Menschen in ein strenges bürokratisches Korsett zu zwängen. Das geht manchmal schief. Wenn keiner was vermurkst und alles seinen planmäßigen Gang geht, wird es sicher funktionieren und man kriegt auch sein Geld. Doch sobald der Wurm drin ist, kommt man ohne (anwaltliche) Hilfe kaum mehr raus aus dem Schlammassel. Es sei denn, man hat Glück, findet wieder einen Job und ist auf die Leistungen nicht mehr angewiesen. Johanna erwägt schon, ins Ausland zu gehen oder der Branche ganz den Rücken zu kehren und eine Ausbildung in einem anderen Beruf zu beginnen. Doch mittlerweile ist sie so zermürbt und ihr Selbstwertgefühl so weit am Boden, dass sie sich gar nichts Neues mehr zutraut. Wird sie dieser Spirale des Wahnsinns jemals entkommen und beruflich wieder Boden unter den Füßen kriegen?

ES LIEGT KEIN ANTRAG VOR ist so beklemmend wie ein Drama und so spannend wie ein Thriller. Man bekommt fast einen Herzkasper beim Lesen, vor allem, wenn man weiß, dass die Ereignisse zwar literarisch verfremdet sind, sich aber wirklich zugetragen haben. (Von manchen Highlights habe ich schon gehört, bevor das Buch überhaupt in Planung war.) Am Schluss steht die Erkenntnis, dass ein bisschen Pech oder ein kleiner Fehler genügt, um in die Mühlen eines Systems zu geraten, das einen gnadenlos kaputt macht. Als Einzelkämpfer, so ganz ohne Unterstützung, kommt man nicht dagegen an. Scham, Stolz und Ehrgeiz sollten einen keinesfalls daran hindern, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen und diese auch anzunehmen.

Diese Zeit war sehr zermürbend für mich und hat mich viel Kraft gekostet, aber ich denke heute, dass mich diese Zeit auch schlauer gemacht hat. Ich lasse mich jetzt nicht mehr so leicht unterbuttern und vor allem nicht mehr so schnell entmutigen. (…) Ich wünschte, dass die Betriebe, in die man geschickt wird, mehr kontrolliert werden würden, sodass Menschen wie ich nicht so einfach ausgenutzt werden können.“ (Johanna Richter in einem Interview mit dem Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag.)

Die Autorin
Johanna Richter, geboren 1991 am Niederrhein, hat eine Ausbildung zur Köchin absolviert und in einer großen Hotelkette gearbeitet. Sie kocht mit Leidenschaft, aber als Frau hat man es in der Gastronomie und gerade in der Küche nicht leicht. Im Dezember 2012 verlor sie ihren Job und geriet in die Mühlen des Jobcenters. Inzwischen hat sie vorerst ihre Berufung in der Systemgastronomie gefunden.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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