„Die Deutschen geh’n zu oft zum Arzt!“

Weil ich gerade wieder einen Artikel zu dem Thema gelesen habe: Das Lamento, dass die deutschen Weicheier viel häufiger zum Arzt rennen als die Menschen im Rest der Welt, nervt mich schon seit Jahrzehnten. Selbstverantwortung schön und gut: Aber wer vergleicht bei dieser Statistik eigentlich was womit? Werden da einfach Bevölkerungszahlen den Arztkontakten gegenübergestellt, ohne zu prüfen, ob die Gesundheitssysteme auch nur annähernd ähnlich sind? Den Verdacht habe ich nämlich.

Wenn man hier Länder mit reinrechnet, in denen medizinische Versorgung schwer zugänglich und/oder so teuer ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung sie sich gar nicht leisten kann, dann gehen die Leute dort natürlich weniger zum Arzt. Wenn kaum einer eine Krankenversicherung hat, braucht er auch keine Vorsorgeuntersuchung machen zu lassen, weil er genau weiß, dass er sich eine Behandlung im Ernstfall sowieso nicht leisten könnte. Und das ist jetzt beispielhaft und gut?

Sind die Gesundheitssysteme vergleichbar?


Zu prüfen wäre auch, ob vielleicht anderswo manches einfacher geht als bei uns. Muss man wirklich überall in der Welt erst quartalsmäßig zum Hausarzt latschen, wenn man ein Routinerezept braucht … eine Überweisung bestellen … ein zweites Mal hinlatschen um die Überweisung abzuholen (o ja, solche Arbeitsweisen gibt’s noch! )… damit zum Facharzt gehen, sie abgeben … sein Rezept abholen, es zur Apotheke tragen … oder geht das anderswo möglicherweise ohne ein Dutzend Arztkontakte, bequem via E-Mail an die Apotheke?

Müssen Arbeitnehmer in allen Ländern der Erde nach zwei Tagen Krankheit zum Arzt um sich ein Attest zu holen? Wegen einer Erkältung würde ich meiner Lebtag nicht zum Doktor gehen, auch nicht mit Fieber. Wenn ich aber so nicht arbeiten kann, zwingt mich das System zum Arztbesuch, weil ich eine Krankschreibung brauche.

Kann man sich anderswo vielleicht bei banalen Befindlichkeitsstörungen telefonisch oder von einer MFA/Krankenschwester beraten lassen und bekommt nur in schweren Fällen ein Gespräch beim Arzt? Ich meine, so etwas schon gelesen zu haben.

Ruckzuck hat man den Schnitt versaut


Man muss weder eine Memme sein, noch gestört oder todkrank, um pro Jahr auf rund ein Dutzend Arztbesuche und mehr zu kommen: Hausarzt, Frauenarzt (Verhütung!), Zahnarzt, Augenarzt (Brille!), vielleicht zweimal im Jahr ein grippaler Infekt mit Krankschreibung … wenn man dann noch etwas Chronisches hat (Herz, Kreislauf, Stoffwechsel …), das Facharztbesuche und eine regelmäßige Medikation/Behandlung erforderlich macht, gehört man schon zu denen, die den Schnitt versauen. Als NormalbürgerIn. Und sofort geht das Geschrei los: „Die Deutschen gehen zu oft zu Arzt!“

Ja, das hab ich gern: Erst ein komplexes aber niederschwelliges und für die Mehrheit erschwingliches Gesundheitssystem etablieren – und dann anklagend mit dem Finger auf die Menschen zeigen und plärren: „Ey! Diese Schlaffis nutzen das!“

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Foto: (c) Tim Reckmann, www.pixelio.de

3 Kommentare

  1. Systeme schaffen Abhängigkeiten, die der Einkommenserzielung einiger Auserwählter dienen. Hier seien insbesondere die Shareholder im Bereich der Pharmaindustrie und Gesundheitsoptimierung (REHA u.ä.) genannt. Auch den Kapitaleignern von medizinischen Apparaten geht es nicht schlecht in diesem System. Täglich werden neue Krankheiten gesucht und gefunden, die unbedingt zu behandeln sind. Nur gegen Gier und Dummheit hat man bisher und wird es auch zukünftig icht, etwas erfunden. Es verdient sich zu gut daran.

  2. Diese Klarstellung finde ich sehr richtig !! Müssten wir zum Beispiel in den USA leben, wäre mein Mann schon gestorben (die Behandlungskosten wären für uns unbezahlbar).

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